Schwerhörigkeit: Antworten der Experten

Wie kann man sein Gehör schützen? Was leisten moderne Hörgeräte? Viele Fragen hatten die Besucher der Merkur- Sprechstunde, die am vergangenen Mittwoch im Münchner Pressehaus stattgefunden hat. Eine Auswahl und die Antworten der Experten.

Wie kann man Schwerhörigkeit vorbeugen?

Dr. John-Martin Hempel: Lärm ist heutzutage eine der Hauptursachen für Schwerhörigkeit. Davor sollte man sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in der Freizeit schützen – also den MP3-Player leiser drehen und bei der Heimarbeit mit Flex oder Motorsäge einen Gehörschutz tragen. Außerdem sollte man auf Nikotin verzichten und sich ausgewogen ernähren, vor allem im Hinblick auf den Cholesterinspiegel. Altersschwerhörigkeit ist aber eine Erkrankung mit vielen Ursachen. In einigen Fällen kann auch eine genetische Veranlagung vorliegen. Trotz dieser vorbeugenden Maßnahmen ist eine Schwerhörigkeit dann oft nicht zu verhindern. Zumindest gibt es keine Methode, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt wäre.

Den Fernseher muss ich lauter stellen, bei manchen Tönen schmerzt es im Ohr. Und wenn ich morgens aufstehe, habe ich manchmal so ein Pfeifen im Ohr. Was könnte die Ursache sein?

Prof. Alexander Berghaus: Ein Hörtest kann klären, ob es sich dabei um eine Innenohrschwerhörigkeit handelt, die vielleicht mit einem Hörgerät versorgt werden könnte.

Nach einem Hörsturz höre ich (56) auf dem rechten Ohr viel schlechter: In Gesprächen muss ich ständig nachfragen, beim Telefonieren schalte ich den Lautsprecher an. Raten Sie mir zu einem Hörgerät?

Wolfgang Luber ist Hörgeräteakustiker und Geschäftsführer der Firma Hörgeräte Seifert.

Wolfgang Luber: Vorab sollte in jedem Fall ein HNO-Arzt klären, welche Behandlung aus medizinischer Sicht angezeigt ist. Wenn nach abgeschlossener Behandlung eine Hörminderung verbleibt, so ist die Versorgung mit einer Hörhilfe sinnvoll. Die Indikation ist da nicht anders wie bei anderen Ursachen. Ich empfehle Ihnen, einen Hörgeräte-Akustiker aufzusuchen und eine Hörhilfe zu testen. Klären Sie vorab, ob dieser Test unverbindlich und kostenlos ist.

Kann es sein, dass der Hörtest okay ist, man aber trotzdem schlecht hört?

Dr. John-Martin Hempel ist Oberarzt an der HNO-Klinik am Klinikum der Universität München in Großhadern.

Dr. Hempel: Das ist möglich. Denn im Ohr findet eigentlich nur die Schallverarbeitung statt. Das heißt: Der Schall wird aufgenommen und als elektrisches Signal über den Hörnerv ans Gehirn weitergeleitet. Hören beziehungsweise das Verstehen von Sprache ist ein zentraler Vorgang. Sowohl bei der Weiterleitung als auch bei der Verarbeitung können Probleme auftreten. Es gibt zwar Tests, die bei der Suche nach der Ursache helfen. Leider werden diese trotz aufwändiger Untersuchungen häufig nicht gefunden. In einigen Fällen ermöglicht aber ein Cochlea Implantat eine deutliche Verbesserung des Sprachverstehens.

Ich bin vor sechs Wochen am rechten Ohr operiert worden. Vorher war ich fast taub. Jetzt ist alles extrem laut und hallt auch furchtbar. Kann man da was machen?

Prof. Berghaus: Offenbar ist das Problem, dass Ihr Gehör nach vielen Jahren der Hörstörung mit dem guten Hören nicht sehr gut zurechtkommt. Bis Sie sich daran gewöhnt haben, können Sie das Ohr aber zum Beispiel mit Watte oder anderen geeigneten Mitteln vor zu lautem Schall schützen.

Ist es sinnvoll, frühzeitig ein Hörgerät zu tragen, ähnlich wie bei einer Brille? Oder gewöhnt man sich daran und kann dann gar nicht mehr ohne Hörhilfe hören?

Luber: Ein Hörgerät übt keinerlei Einfluss auf das Hörvermögen aus. Aber es trainiert im Gegenteil das Sprachverstehen und bewahrt einen davor, die akustische Vielfalt zu vergessen und die differenzierte Signalverarbeitung zu verlernen. Es ist also besser, frühzeitig damit zu beginnen.

Welche Implantate werden in München eingesetzt?

Dr. Hempel: Hier am Klinikum Großhadern setzen wir Cochlea Implantate, Mittelohrimplantate und Knochenleitungshörgeräte ein. Beim Cochlea Implantat und beim Knochenleitungshörgerät kann sich der Patient zwischen Produkten verschiedener Firmen entscheiden, die ihm zuvor in ausführlichen Gesprächen vorgestellt wurden. Bei Mittelohrimplantaten setzen wir teil- oder voll-implantierbare Implantate ein, die beide Vor- und Nachteile haben. So muss zum Beispiel bei manchen Implantaten die Gehörknöchelchenkette unterbrochen werden. Man muss in jedem Einzelfall klären, welches sich für den Patienten am besten eignet.

Gibt es auch Implantate, welche die Krankenkassen bezahlen?

Dr. Hempel: Die Kosten für ein Cochlea Implantat werden in der Regel nur bei einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit übernommen, wenn trotz eines optimal angepassten Hörgeräts kein ausreichendes Sprachverstehen erzielt wird. Für ein Mittelohrimplantat bezahlen die Krankenkassen nur, wenn der Patient aus medizinischen Gründen kein Hörgerät tragen kann, also zum Beispiel bei immer wiederkehrenden Entzündungen des Gehörgangs oder auch bei einer angeborenen Fehlbildung. Das gilt auch für Knochenleitungshörgeräte. Sie sollten sich auf jeden Fall vor dem Eingriff bei der Krankenkasse erkundigen, ob in Ihrem Fall eine Kostenübernahme möglich ist.

Ich habe schon einige Hörgeräte getestet. Leider kann man gerade bei den teureren nichts mehr regulieren. Wie ist das dann mit den Windgeräuschen beim Radfahren, wenn die Ehefrau eine laute Stimme hat oder mit Nebengeräuschen im Wirtshaus?

Luber: Es gibt durchaus hochwertige Hörsysteme, die zwar automatisch arbeiten, die man aber trotzdem selbst regulieren kann. Dies ist direkt am Gerät oder auch per Fernbedienung möglich. Windgeräusche werden bei diesen Geräten gefiltert und auch der Wirtshauslärm wird abgedämpft. Ich empfehle Ihnen, einen kompetenten Hörgeräte-Akustiker zu suchen und sich von ihm Lösungsmöglichkeiten für Ihren Hörbedarf vorschlagen zu lassen.

Ich (68) leide seit etwa 20 Jahren beidseitig an Tinnitus. Eine Ursache wurde nie gefunden. Der Tinnitus ist aber schleichend stärker geworden. Durchblutungsfördernde Medikamente haben nicht geholfen. Gibt es neue Therapien?

Prof. Alexander Berghaus leitet die HNO-Klinik am Klinikum der Universität München in Großhadern.

Prof. Berghaus: Es gibt eine Reihe von Vorschlägen zur Bewältigung des Tinnitus. Sie sollten mit den Betroffenen unter Berücksichtigung des Hörtestes und der jeweiligen Intensität des Ohrgeräusches besprochen werden – am besten in Zentren, die sich schwerpunktmäßig mit diesem Problem befassen. Beispiele sind die Verwendung von Hörgeräten, die Maskierung des Tinnitus oder Formen des autogenen Trainings.

Leserin: Ich leide seit vielen Jahren unter Tinnitus, in letzter Zeit auch unter zunehmender Altersschwerhörigkeit. Gibt es auch für mich Hörhilfen?

Luber: Auch bei vorliegendem Tinnitus können in den meisten Fällen Hörgeräte getragen werden. Häufig wirkt sich die Hörhilfe sogar positiv auf den Tinnitus aus, weil dieser durch das verbesserte Hören in den Hintergrund tritt und nicht mehr als so störend empfunden wird.

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