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Wer ständig unter Schwindelattacken leidet, sollte besser frühzeitig einen Arzt aufsuchen.

Ursache und Therapie

Schwindel: Das steckt dahinter - und was Sie dagegen tun können

Besonders Ältere sind immer wieder von Schwindelattacken betroffen. Warum das so ist und was Sie dagegen tun können - das erklärt Ihnen hier eine Expertin.

Plötzlich dreht sich alles, der Boden scheint zu schwanken: Schwindelig war wohl jedem schon einmal. Das ist zwar ein unangenehmes Gefühl, jedoch meist harmlos. Bei manchen Menschen wird es aber zu einem echten Leiden.

Was Betroffenen dann hilft, erfahren Sie hier von Neurologin Prof. Marianne Dieterich. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie und stellvertretende Direktorin des Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrums am Klinikum der Universität München in Großhadern.

Neurologin Prof. Marianne Dieterich. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie und stellvertretende Direktorin des Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrums am Klinikum der Universität München in Großhadern.

Dass wir beim Stehen und Gehen nicht aus der Balance geraten, halten die meisten für selbstverständlich. Dabei ist das System, mit dem sich der Körper im Gleichgewicht hält, kompliziert. Gibt es darin eine Störung, kann das zu Schwindel führen. Erlebt hat das jeder schon. Passiert es aber häufiger, kann das den Alltag und die Lebensqualität enorm stören.

Zu welchem Arzt sollte man bei Schwindel gehen? 

Die Suche nach der Ursache ist manchmal Detektivarbeit. Schwindel ist aber ein sehr häufiges Symptom – und oft harmlos. Erste Anlaufstelle ist der Hausarzt. Er schickt seine Patienten bei Bedarf weiter, zum Beispiel zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder Neurologen.

Manchmal kommen Betroffene aber einfach nicht weiter. Dann finden sie in spezialisierten Zentren Hilfe wie im Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum (DSGZ) am Klinikum Großhadern in München. Dort arbeiten Experten vieler Fachrichtungen zusammen.

Das sei bei der Diagnostik und der Behandlung des Schwindels sehr wichtig, erklärt Prof. Marianne Dieterich, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Klinikum Großhadern und stellvertretende Direktorin des DSGZ.

Was kann Schwindel auslösen?  

"Dahinter können sehr unterschiedliche Erkrankungen stecken", sagt Dieterich. Dazu muss man wissen, dass für das Gleichgewicht drei Sinnessysteme verantwortlich sind: Das sind zunächst die Gleichgewichtsorgane, die jeweils im Innenohr sitzen. Dazu gehören unter anderem drei Bogengänge, die senkrecht zueinander stehen und mit Flüssigkeit gefüllt sind. Diese geraten in Bewegung, wenn wir uns drehen – so nehmen wir eine Drehbewegung wahr.

In einem anderen Teil des Gleichgewichtsorgans befinden sich kleine Steinchen (Otokonien aus Kalziumkarbonat) auf einer Art Schüssel mit Sinneshaaren, die "Otolithen". Sie dienen als Schwerkraft- und Beschleunigungsmesser. Bewegen wir uns, geraten auch sie in Bewegung. So erkennen wir, wo oben und unten, rechts und links ist.

Für das Gleichgewicht sei aber auch das Sehsystem wichtig, sagt die Neurologin. Die Augen helfen uns also ebenfalls dabei, uns zu orientieren und aufrecht zu halten.

"Das dritte System sind die Somatosensoren", erklärt Dieterich. Dabei handle es sich um die Gefühlssensoren in Muskeln, Gelenken und Sehnen. "Diese drei Systeme zusammen sind entscheidend für das Stehen, Gehen und unser Gleichgewicht."

Welche Rolle spielt das Gehirn für die Balance? 

"Im Hirn kommen die Informationen der drei Systeme zusammen", sagt Dieterich. "Hier gibt es ein ganzes Netzwerk. Die Informationen werden in verschiedenen Arealen zusammengeführt und verarbeitet."

Welche Arten von Schwindel gibt es? 

Am häufigsten ist der "Drehschwindel". Wie schon der Name sagt, scheint sich dabei alles um einen herum zu drehen. Beim Schwankschwindel wiederum haben Patienten das Gefühl, ihre Umgebung oder der Boden unter ihren Füßen würde hin- und herschwanken. Häufig sei auch eine "unspezifische Benommenheit".

Was sind die Ursachen für Schwindel? 

"Sie können sehr verschieden sein", sagt Dieterich. "Sie hängen davon ab, welcher Teil des Gleichgewichtssystems betroffen ist. Das können etwa Entzündungen, Durchblutungsstörungen oder die Folgen eines Unfalls im Innenohr sein." So kann ein Patient zum Beispiel unter einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs leiden. Oder der Nerv und/oder Sinnesrezeptoren im Innenohr wurden durch einen Unfall geschädigt. "Das kann zu einem akuten, heftigen Drehschwindel führen", sagt Dieterich. "Dieser kann von Übelkeit und Brechreiz begleitet sein und über Stunden oder Tage anhalten."

Anderes Beispiel: Ein Patient hat eine Polyneuropathie, also eine Schädigung der Nerven in Armen und Beinen. "Darunter leiden viele ältere Menschen, oft aufgrund einer Stoffwechselstörung wie Diabetes", sagt Dieterich. Weil sie in den Beinen weniger spüren, wird ihr Gang unsicher oder sie leiden am Schwankschwindel. Herz-Kreislauf-Beschwerden und manche Stoffwechselerkrankungen wiederum können zu einem Gefühl der Benommenheit führen.

Welche Rolle spielt die Psyche bei Schwindel? 

Nicht immer steckt eine körperliche Ursache hinter dem Schwindel. Psychische Probleme sind sogar für einen Großteil dieser Beschwerden verantwortlich. Sie gehen oft mit Begleiterscheinungen wie Unsicherheit, Ängsten, Herzrasen und Schwitzen einher.

Was ist Lagerungsschwindel? 

Diese Form des Schwindels ist sehr häufig – vor allem bei Älteren. Altersbedingt, aber auch als Folge eines Sturzes, können sich Ohrsteinchen aus ihrem Bett lösen und in einen der Bogengänge des Gleichgewichtsorgans geraten. Ändert der Patient dann seine Position, richtet er sich auf oder dreht sich im Bett um, folgt eine kurze Drehschwindelattacke. Denn dabei behindert das Ohrsteinchen die Bewegung der Flüssigkeit im Bogengang. Diese Form des Schwindels lässt sich aber sehr gut therapieren – und zwar mit speziellen Übungen, die die Ohrsteinchen wieder aus dem Bogengang herauswerfen.

Wie erkennt man Morbus Menière? 

Schwindel ist auch ein typisches Symptom bei "Morbus Menière". Für diese Erkrankung sind wiederkehrende Drehschwindel-Attacken typisch, die 20 Minuten bis einige Stunden anhalten und mit Ohrsymptomen verbunden sind. Oft kommt es zu Ohrgeräuschen und Hörstörungen im Bereich der tiefen Töne. Die Ursache der Erkrankung liegt in einer Flüssigkeitsansammlung im Innenohr, der Gehörschnecke und der Gleichgewichtsorgane. Betroffene bekommen meist Medikamente. Manchmal ist auch ein chirurgischer Eingriff nötig.

Wie kommen Ärzte zu einer Diagnose?

Um die richtige Diagnose zu finden, werden die Patienten im Schwindelzentrum sehr detailliert befragt – etwa zur Art des Schwindels und dazu, wann dieser auftritt, wie lang er anhält, wie lange die Beschwerden schon bestehen und welche Begleitsymptome dabei sind. So lässt sich nicht nur die Schwindelform feststellen, sondern auch, welcher Teil des Systems betroffen sein könnte. Der kleinste Hinweis kann helfen, die Ursache zu finden.

Liegt zudem auch eine Hörstörung vor? Dann kommt das Problem wohl eher vom Ohr. Klagt der Patient auch über ein Taubheitsgefühl in den Beinen? Dann liegt die Ursache eher an den Nervenbahnen zum Gehirn. So tasten sich die Ärzte wie Detektive vor.

Weitere Hinweise liefert die körperliche Untersuchung: Neurologen untersuchen zum Beispiel Reflexe und Sensibilität. Wenn nötig, werden auch Tests durchgeführt, mit denen sich die Funktion der Gleichgewichtsorgane prüfen lässt.

Welche Therapie hilft gegen Schwindel? 

Die Experten erstellen auf Basis von Anamnese und Testergebnissen ein individuelles Therapiekonzept. Die Behandlung richtet sich dabei nach den Ursachen. Bei akuten Problemen, etwa bei Entzündungen oder Durchblutungsstörungen, kann es sein, dass der Patient sogar in die Klinik muss. Hier kann er mit Medikamenten – bei Entzündungen etwa mit Kortison – behandelt werden.

Oft sind auch physikalische Verfahren wie etwa ein Gleichgewichtstraining als Ergänzung sinnvoll. Für alle, die sich schon länger mit Schwindel plagen, hat Dieterich jedenfalls eine gute Nachricht: "Die meisten Schwindelformen sind sehr gut behandelbar", so Dieterich.

Von Neda Caktas

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