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Angst setzt sich im Gehirn fest.

Verletzungen der Seele

Seelische Traumata: Erinnerung, lass nach!

Was ist ein Trauma? Wie behandelt man es? Ein Gespräch mit Psychosynthese-Coach Miriam Erraoui über Ursachen, Therapiemethoden und die Chance auf Heilung.

Der medizinische Begriff Trauma bedeutet übersetzt Wunde. Damit kann eine Wunde der Haut ebenso gemeint sein wie eine Verletzung der Seele. Und so wie äußerliche Wunden je nach Schwere von selbst heilen, mit einem Plaster, einem Verband oder sogar einer Operation behandelt werden müssen, gibt es auch für seelische Wunden verschiedene Therapiemethoden. Traumata der Seele sind sehr häufig, die Deutsche Traumastiftung schätzt, dass in jedem Jahr zehn Prozent der Deutschen ein seelisches Trauma erleben – ein sehr schwerer Einschnitt ins Leben, bei dem auch die Psyche Schaden nehmen kann. Wie man ein Trauma erkennt und wann jemand Hilfe braucht, diese Fragen beantwortet die tz mithilfe von Miriam Erraoui, die als Psychosynthese-Coach Klienten in Lebenskrisen betreut.

Ist ein Trauma eine Krankheit? 

Miriam Erraoui: Ein Trauma ist keine Krankheit und keine Störung. Es handelt sich um eine Verletzung der Seele. Das kann durch ganz verschiedene Ereignisse verursacht werden, die alle eines gemeinsam haben: Der betroffene Mensch fühlt sich der Situation absolut hilflos ausgeliefert, er muss ohnmächtig miterleben, wie mit ihm etwas geschieht, das er nicht beeinflussen kann. Das kann ein schwerer Unfall, eine lebensbedrohliche Erkrankung wie ein Herzinfarkt, der Verlust des Partners oder des Kindes oder ein schreckliches Gewalterlebnis sein. Natürlich können auch Erfahrungen im Krieg, durch Verfolgung und auf der Flucht Traumata zur Folge haben. In der Traumaforschung heißt es, wenn der Mensch in einer lebensbedrohlichen Situation weder kämpfen noch fliehen kann, dann distanziert er sich von sich und konzentriert all seine Kräfte aufs Überleben. Das ist ein Schutzmechanismus, das Erlebte wird verdrängt, die Psyche verharrt in einer Starre. Diese Starre ist ein Symptom des Traumas, das später in der Heilung überwunden werden muss.

Man sagt ja, die Zeit heile alle Wunden. 

Erraoui: Mit dieser Aussage wäre ich sehr vorsichtig. Es ist nicht die Zeit, es ist die Persönlichkeit des Einzelnen, die entscheidet, ob ein Trauma bewältigt werden kann. Wenn die Wunde an der Seele zu groß oder zu tief ist und man es nicht allein schafft, dann sollte man sich Hilfe suchen. Menschen reagieren ganz unterschiedlich. Das hängt mit ihrem individuellen Bewertungsschema und Reaktionsmuster zusammen. Ich hatte eine Klientin, die wurde über Nacht blind, als sie ihren Arbeitsplatz, um den sie sehr gekämpft hatte, verlor. Andere Menschen würden mit so einem Erlebnis ganz anders umgehen.

Wie macht sich ein Trauma bemerkbar?

Erraoui: Therapeuten stellen fest, dass es Symptome noch nach Jahrzehnten geben kann. Wie z.B. bei der Kriegsgeneration,die durch die Bombardements, die Besetzung und Vertreibung vor 60, 70 Jahren Schreckliches erlebt hat. Das wurde zunächst verdrängt, man konzentrierte sich darauf, die eigene Existenz aufzubauen, sorgte für sich und seine Familie. Erst im Alter, wo diese Menschen zwangsläufig zur Ruhe kamen, plagten sie erneut die nicht verarbeiteten Erinnerungen. Wie gesagt, ein Trauma kann kurz nach dem Ereignis auftreten oder noch Jahrzehnte später. Oft gibt es Flashbacks, Bilder kommen hoch, weil irgendetwas in der Gegenwart an die Vergangenheit erinnert. Oder man hört bestimmte Wörter, sieht Symbole oder Geräusche – dann beginnt das Karussell im Kopf von Neuem. Ängste und Panikattacken können so stark sein, dass Betroffene nicht mehr leben wollen. Weil man Angst hat, so etwas könnte noch mal passieren. Die Menschen werden von Träumen geplagt, auf einmal klappt das Vergessen nicht mehr. Diese Erlebnisse wurden nie verarbeitet, nie in die eigene Geschichte integriert. Das macht seelisch krank. Ein Trauma kann sich in ständigen Ängsten äußern, dass einem selbst oder nahestehenden Personen etwas Schlimmes passiert. Es kann zu Antriebslosigkeit führen, bis hin zur Unfähigkeit, weiter arbeiten zu können. Depressionen können die Folge sein.

Was bedeutet Heilung?

Erraoui: Der Mensch muss lernen, sich selbst und dem Leben wieder zu vertrauen. In der Regel braucht ein Mensch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung eine professionelle Begleitung. Wenn man das Ereignis nicht vergessen kann, wenn es uns in Flashbacks oder Träumen plagt, dann muss man sich dem Erlebnis unter professioneller Hilfe erneut stellen.

Soll man gleich mit der Behandlung beginnen? 

Erraoui: Der Betroffene muss in erster Linie zur Ruhe kommen, er braucht ein Gefühl der Sicherheit. Wenn er dann reden möchte, ist das in Ordnung. Wenn nicht, reicht es schon, für ihn da zu sein. Erst, wenn der Klient in der Lage ist, sich selbst zu beruhigen, wenn er belastende Gefühle aushalten kann, ohne sich zu distanzieren, kann das Trauma bewältigt werden. Der Körper hat Selbstheilungskräfte. Bei einer professionellen Traumabegleitung geht es darum, dass der Mensch lernt, auf sich selbst zu hören. Die Begleitung zeigt den Weg, gehen muss ihn der Betroffene selbst. Wichtig ist das Einlassen auf den Schmerz. Die Menschen hatten die Kontrolle über ihr Leben verloren, diese müssen sie zurückgewinnen. Erst wenn das Ereignis verarbeitet wurde, kann man es hinter sich lassen. Dann hat es nicht mehr die Kraft, das ganze weitere Leben zu beeinflussen.

Es gibt sehr viele verschiedene Therapien zur Traumabewältigung, welche ist die beste?

Erraoui: Das hängt vom jeweiligen Menschen ab. Wer sich einen Therapeuten bzw. professionelle Hilfe sucht, sollte sich wohlfühlen mit dem Behandler und mit der angewandten Methode. Der Klient muss sich in der Therapie öffnen können. Wenn der Therapeut keinen Zugang zu dem Betroffenen findet, kann er ihm nicht helfen. Es gibt unzählige Methoden, bei denen z.B. die Betroffenen immer wieder und wieder mit Bildern und den Ereignissen konfrontiert werden, um sie praktisch neu zu bewältigen und mit einem anderen Reaktionsmuster im Gehirn abzuspeichern. Ich persönlich finde, dass man da sehr sensibel sein muss, um zu merken, wann es dem Patienten mehr schadet als nutzt. Ich bevorzuge eine liebevolle, achtsame Therapie, die dem Betroffenen beibringt, sich sicher zu fühlen und Emotionen zu zulassen. Der erlittene Schmerz muss zugelassen werden. Davor haben die Klienten oft große Angst, denn dieser Schmerz ist ja oft überwältigend groß gewesen. Nun muss man ihnen helfen, in so einer Situation bei sich zu bleiben. Dann wird der Klient merken, dass er den Schmerz, die Trauer aushalten kann. Das ist ganz wichtig, um sich nicht länger als Opfer eines Gewalttäters oder unglücklicher Umstände zusehen.

S. Stockmann

Miriam Erraoui ist eine erfahrene Psychosynthese-Beraterin, die Sie unter www.miriam-erraoui.de oder telefonisch unter 0152/37 64 25 26 erreichen. Frau Erraoui hat ein Buch geschrieben: Lebe die Fülle in Dir, Verlag Windpferd, 14,95 Euro.

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