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„Ich hatte mehr Glück als bei einem Sechser im Lotto“, sagt Erik Stettmer (52, rechts) – hier mit seinen Töchtern (v. re.) Andrea (23), Stefanie (21), Ehefrau Katharina (50) und Andreas Freund Axel (25). Auf dem CT-Bild des Schädels links sieht man den Schlaganfall. Als weißer Fleck erscheint das Hirngewebe, das von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten war

Spezial zum Welt-Schlaganfalltag

So habe ich einen Schlaganfall überlebt - Moderne Therapien

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München - In einem zweiteiligen tz-Spezial zum Weltschlaganfalltag an diesem Samstag erklären die Experten, wie sich die Patienten wappnen und die Mediziner im Notfall helfen können.

Im Kampf gegen die Volkskrankheit Schlaganfall haben Spezialisten zwar neue, vielversprechende Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, aber einen alten unsichtbaren Feind werden sie nicht los: die Zeit. Nach dem GAU im Gehirn bleiben allenfalls wenige Stunden, um möglichst viele graue Zellen zu retten. Verstreicht diese Gnadenfrist ungenutzt, geht sensibles Hirngewebe unwiederbringlich verloren. Das große Problem: Viele Patienten kommen erst so spät in die Klinik, dass die Ärzte nur noch versuchen können, die Folgen des Schlaganfalls zu lindern.

„Leider werden die Alarmsignale immer noch häufig verkannt oder unterschätzt“, warnen Dr. Silke Wunderlich und Prof. Dr. Bernhard Meyer vom Neuro-Kopf-Zentrum des Klinikums rechts der Isar. „Bei einem Verdacht sollte man grundsätzlich sofort den Notarzt rufen – lieber einmal zu viel als zu wenig!“

In einem zweiteiligen tz-Spezial zum Weltschlaganfalltag an diesem Samstag erklären die Experten, wie sich die Patienten wappnen und die Mediziner im Notfall helfen können. Ihre ermutigende Botschaft: Die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Ein Paradebeispiel dafür ist Erik Stettmer (52). Er hat sich trotz eines schweren Schlaganfalls wieder sehr gut erholt. „Bei mir hat die gesamte Rettungskette perfekt funktioniert – von der Alarmierung des Notarztes bis zur Behandlung im Krankenhaus“, berichtet der Zahntechnikermeister aus Tittmoning. „Nur deshalb geht es mir heute wieder so gut.“ In der tz erzählt er seine Geschichte.

So habe ich einen Schlaganfall überlebt

Ein Freitagabend im Juli, Ende einer anstrengenden Arbeitswoche. Als Erik Stettmer nach Hause kommt, fühlt er sich schlapp, der Schädel brummt schon den ganzen Tag. Er überlegt, noch vor der Tagesschau ins Bett zu gehen. „Das wäre doch ein bisserl früh“, denkt er sich und entscheidet sich stattdessen für einen Fernsehabend mit der Familie: die erste von mehreren glücklichen Fügungen, die ihm das Leben gerettet haben.

„Wenn mich der Schlag im Schlaf getroffen hätte, wäre ich vielleicht gar nicht mehr aufgewacht“, weiß der zweifache Vater. So aber sitzt seine Tochter Stefanie (21) auf dem Sofa direkt neben ihm, als er zusammenklappt. „Mir ist plötzlich schwindelig geworden. Ich hatte mir gerade ein Stück Kuchen aus der Küche geholt, das ist mir einfach aus der Hand gerutscht. Ich konnte nicht mehr richtig sprechen, habe nur noch gelallt. Mein linker Fuß ließ sich nicht mehr bewegen.“ Seine Tochter erfasst den Ernst der Lage sofort, alarmiert erst Mama ­Katharina (50) und dann den Notarzt: „Ich glaube, mein Papa hat einen Schlaganfall.“

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Die Diagnose sollte sich bestätigen. Genauer gesagt handelte es sich um einen ischämischen Schlaganfall. Dabei verschließt ein Blutgerinnsel meist eine hirnversorgende Arterie, in Stettmers Fall die mittlere Hirnarterie. Dadurch wird das nachgelagerte Hirngewebe von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten. Um es zu retten, bleibt den Ärzten nur ein Zeitfenster von wenigen Stunden. Etwa 80 bis 90 Prozent aller Schlaganfälle sind auf diese Ursache zurückzuführen, die restlichen auf eine Hirnblutung. Allein in Deutschland trifft die Volkskrankheit jedes Jahr 270 000 Menschen. Jeder Fünfte stirbt innerhalb von vier Wochen danach, 37 Prozent innerhalb eines Jahres. Und jeder Zweite ist auch ein Jahr nach dem Schlaganfall dauerhaft behindert und auf fremde Hilfe angewiesen, berichtet die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Erik Stettmer bleibt dieses Schicksal erspart. „Ich hatte mehr Glück als bei einem Sechser im Lotto“, sagt der 52-Jährige. Denn besser als in seinem Fall hätte die Behandlung eines Schlaganfalls nicht laufen können.

Der Sanka bringt den Patienten blitzschnell ins Traunsteiner Krankenhaus, dort erwarten ihn bereits Experten, um sofort mit der Behandlung zu beginnen – unter anderem mit blutverdünnenden Medikamenten, der sogenannten Lysetherapie. Zur genaueren Diagnostik wird er in die „Röhre“ geschoben, mithilfe eines Computertomografen (CT) auf Röntgenbasis wird das Gehirn genau untersucht. Die Ärzte analysieren die Bilder blitzschnell und fordern einen Rettungshubschrauber an. Erik Stettmer wird ins Klinikum rechts der Isar nach München geflogen.

Dort setzen die Schlaganfall-Spezialisten eine neue Technik ein, um Blutgerinnsel mechanisch aus dem Gehirn entfernen zu können. „Dieses Verfahren nennt man Thrombektomie“, erläutert Dr. Silke Wunderlich, die Leiterin der Schlaganfall-Station (englischer Fachbegriff: Stroke Unit). „Es steht erst seit wenigen Jahren zur Verfügung, wird aber bereits sehr erfolgreich eingesetzt.“ (Mehr dazu in unserer Montagausgabe.)

Erik Stettmers Transport verläuft professionell und schnell, aber dennoch dramatisch. Auf dem Weg in den Behandlungsraum verliert er das Bewusstsein. Die Ärze leiten sofort eine Narkose ein, um mit der Behandlung beginnen zu können. Dabei wird ein dünner Schlauch durch die Leiste bis in die verstopfte Schlagader geschoben. Im Inneren des Schlauchs wird – ähnlich wie bei einem Herzkatheter – ein Draht zum Einsatzort geschoben. An dessen Spitze befindet sich ein Metallgeflecht, eine Art Transportkörbchen. Darin verfängt sich das Blutgerinnsel und lässt sich mithilfe des Drahts herausziehen. Das Gefäß ist wieder offen.

Auch bei Erik Stettmer gelingt dieser Eingriff. Das sensible Hirngewebe wird wieder mit Sauerstoff versorgt. Und zwar noch so rechtzeitig, dass das Gehirn nur vergleichsweise geringe Schäden davonträgt. „Die Lähmungserscheinungen in meiner linken Körperhälfte haben sich innerhalb von drei Tagen fast vollständig wieder gegeben.“ Seitdem arbeitet er sich Schritt für Schritt zurück in sein altes Leben. Nach einer fünfwöchigen Reha in Bad Griesbach erholt er sich derzeit noch zu Hause.

GAU im Gehirn: In Deutschland erleiden jedes Jahr 270 000 Menschen einen Schlaganfall.

In seinem Zahntechniklabor halten derzeit die Mitarbeiter die Stellung. „Sie machen meine Arbeit mit, wachsen über sich hinaus“, lobt der Chef. Er ist guter Hoffnung, dass er bald wieder selbst Hand anlegen kann. „Auch die Feinmotorik in meinen Fingern kommt zurück“, sagt Erik Stettmer. „Das ist in meinem Beruf entscheidend.“ Zugegeben: „Ganz bei hundert Prozent bin ich noch nicht, ich bin noch schneller erschöpft als früher. Aber es geht stetig aufwärts!“ Knapp vier Monate nach seinem Schlaganfall sieht sich Erik Stettmer als eine Art lebendigen Beweis dafür, wie wichtig eine funktionierende Rettungskette ist. „Ich hatte das große Glück, dass meine Familie, die Rettungskräfte und die Ärzte alles richtig gemacht haben.“

Schlaganfall: Das sind die Symptome

Mit dem sogenannten FAST-Test lässt sich schnell und einfach prüfen, ob ein Schlaganfall-Verdacht begründet ist. Die englische Abkürzung FAST steht dabei für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit). Der Test gehört mittlerweile auch in Deutschland zur Grundausbildung von Rettungspersonal. Die meisten Schlaganfälle lassen sich so innerhalb weniger Sekunden feststellen.

  • Face: Bitten Sie die Person zu lächeln. Ist das Gesicht einseitig verzogen? Das deutet auf eine Halbseitenlähmung hin.
  • Arms: Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sinken oder drehen sich.
  • Speech: Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.
  • Time: Wählen Sie unverzüglich die 112 und schildern Sie die Symptome.

Quelle: Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

So können Sie im Notfall helfen

Im Notfall richtig handeln – die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe erklärt die wichtigsten Schritte für Ersthelfer:

  • Wählen Sie bei Verdacht auf Schlaganfall den Notruf 112.
  • Weisen Sie auf die vorliegenden Schlaganfall-Symptome hin und äußern Sie den Verdacht auf einen Schlaganfall.
  • Geben Sie dem Betroffenen nichts zu essen oder zu trinken. Der Schluckreflex kann gestört sein, es droht ­Erstickungsgefahr.
  • Entfernen oder öffnen Sie einengende Kleidungsstücke.
  • Achten Sie auf freie Atemwege – gegebenenfalls sollten Sie Zahnprothesen entfernen.
  • Bewusstlose Patienten müssen in die stabile ­Seitenlage gebracht werden.
  • Überwachen Sie Atmung und Puls – setzen diese aus, muss sofort mit einer Herz-Druck-Massage begonnen werden.
  • Sprechen Sie umstehende Menschen direkt an und bitten Sie um Hilfe.
  • Notieren Sie sich den Zeitpunkt, als die Symptome begannen und die Symptome selbst. Dies ist wichtig für den Notarzt.

Andreas Beez

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