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„Reparaturmasse“ fürs Kniegelenk: Knorpel aus der Nasenscheidewand wird im Labor vermehrt. Wenn das Gewebe auf eine Größe von 30 mal 40 Millimeter angewachsen ist, wird es zurechtgeschnitten – sozusagen maßgeschneidert für den Knorpeldefekt des Patienten.

Münchner Orthopädie-Professor leitet Studie

Spektakuläre neue Therapie: Nasenknorpel soll Knie heilen

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Das riecht nach einem spektakulären medizinischen Durchbruch – zumindest aber sprechen Ärzte von einer vielversprechenden neuen Behandlungsmethode: Die Nase soll künftig dabei helfen, kaputte Knie zu reparieren!

Genauer gesagt Knorpelzellen aus der Nasenscheidewand. Sie werden im Labor vermehrt und an verletzte Knorpelstellen im Kniegelenk verpflanzt. Erste Patienten sind mit der Methode bereits erfolgreich behandelt worden. Die Ergebnisse waren so beeindruckend, dass das innovative Verfahren jetzt in einer europaweiten, von der Europäischen Union mitfinanzierten Studie weiterführend getestet werden soll. Deren Leitung übernimmt der Münchner Knie- und Knorpelspezialist Professor Dr. Philipp Niemeyer.

„Der Nasenknorpel scheint sehr attraktiv zu sein“, berichtet Prof. Niemeyer, der in der Sendlinger Gemeinschaftspraxis OCM praktiziert und an der Uni Freiburg lehrt. Er beruft sich auf die Erkenntnisse von Baseler Wissenschaftlern. Dort forschen Professor Dr. Ivan Martin, Dr. Marcus Mumme und deren Team bereits seit Jahren an Nasenknorpel und dessen Fähigkeit als eine Art „Reparaturmasse“ für verletzte Gelenke. Inzwischen haben sie die Auswertung einer ersten Versuchsreihe mit zehn Patienten vorgelegt.

Professor Philipp Niemeyer.

Alle hatten durch Knieverletzungen Knorpeldefekte von zwei bis sechs Quadratzentimetern erlitten. Bei den acht Männern und zwei Frauen entnahmen die Schweizer Ärzte winzige Stückchen Nasenknorpel von gerade mal sechs Millimetern Durchmesser – der Eingriff wurde unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Binnen vier Wochen wuchs das Knorpelgewebe im Labor auf 30 mal 40 Millimeter an. Anschließend wurde es zurechtgeschnitten – sozusagen maßgeschneidert auf den Knorpeldefekt des jeweiligen Patienten und in sein Kniegelenk eingesetzt.

Der Ersatzknorpel heilte durchweg gut ein. Bei Befragungen in den ersten zwei Jahren nach dem Eingriff berichteten die Patienten von einer deutlichen Verbesserung ihrer Beschwerden. Über diese Erfolge haben die Baseler Biomediziner auch in der renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschrift The Lancet berichtet.

Nun sollen die Erkenntnisse in einer größeren sogenannten Phase-2-Studie vertieft werden. Daran ­werden voraussichtlich 108 Patienten unter anderem an Studienzentren in Basel, Freiburg, Mailand und Zagreb teilnehmen. Mit der Behandlung der ersten Teilnehmer solle bereits in der zweiten Jahreshälfte begonnen werden, so Professor Niemeyer im tz-Gespräch.

Für den Münchner Knie-Spezialisten birgt das neue Verfahren gleich mehrere Chancen: „Derzeit sind für eine Knorpelzelltransplantation zwei Operationen nötig: In der ersten werden Zellen aus dem Knie des Patienten entnommen und anschließend im Labor vermehrt, und in der zweiten werden sie wieder eingesetzt. Dagegen lässt sich Nasenknorpel unter örtlicher Betäubung gewinnen, man erspart dem Patienten also eine OP.“ Der zweite große Vorteil: „Knorpelzellen aus der Nase scheinen sich im Labor nicht nur zu vermehren, sondern auch bereits zu wachsen – sogar etwas vielversprechender als Knorpelzellen aus dem Knie. Es bilden sich also bereits Vorstufen von Knorpelgewebe, was das Einheilen nach dem Einpflanzen beschleunigt.“ Außerdem gelten Nasenknorpelzellen als robust und wenig anfällig für Entzündungen.

Sollte sich das neue Verfahren durchsetzen, könnte es zunächst Patienten mit klar begrenzten Knorpelschäden helfen – Voraussetzung ist, dass das Knorpelgewebe um den Defekt herum gesund ist. „Großflächigen Gelenkverschleiß kann man damit allerdings ebensowenig heilen wie mit einer herkömmlichen Knorpelzelltransplantation“, erläutert Professor Niemeyer. „Wir hoffen aber, dass Nasenknorpel irgendwann zumindest bei frühen Stadien von Arthrose eingesetzt werden kann. Ob das gelingt, müssen jetzt weitere wissenschaftliche Studien und Auswertungen zeigen.“

Doch welche Behandlungsmethoden stehen den Patienten derzeit bei Arthrose im Kniegelenk zur Verfügung? Im tz-Medizinreport gibt Professor Niemeyer einen Überblick über die wichtigsten gängigen Maßnahmen und Verfahren (siehe Artikel unten). 

Was gegen Arthrose hilft

Die Behandlungsstrategie: Im Kampf gegen Arthrose geben Kniespezialisten eine goldene Regel aus: Je früher die Verschleißerkrankung behandelt wird, desto größer sind die Chancen, das Gelenk langfristig zu erhalten. Denn wenn die schützende Knorpelschicht erstmal großflächig zerstört ist, dann bleibt oft nur noch das Einsetzen einer Endoprothese als Therapie übrig – so der Fachbegriff für Gelenkersatz aus Metall. Bis heute haben die Mediziner weder ein Mittel noch eine Methode zur Verfügung, um Arthrose zu heilen.

Deshalb setzen sie immer stärker darauf, bereits die Ursachen des Knorpelverschleißes zu beseitigen – also bestimmte Grunderkrankungen, die die Entstehung von Arthrose befeuern können. Dazu zählen unter anderem Achsfehlstellungen (O-Beine oder X-Beine) und Verletzungen, etwa Bänderrisse und Knochenbrüche. „Wir wissen beispielsweise, dass bei defekten Kreuzbändern häufiger Meniskus- und Knorpelschäden auftreten“, erläutert Professor Niemeyer. Ob Kreuzband-Operationen allerdings die Entstehung von Arthrose verhindern können, dafür stehe der wissenschaftliche Beweis noch aus.

Arthrose: Finger mit einfachen Übungen fit halten

Die Verletzungsprophylaxe: Um sich vor Knieverletzungen zu schützen, sind in den letzten Jahren spezielle Übungsprogramme für den Muskel- und Sehnenapparat rund ums Kniegelenk entwickelt worden, sie werden unter anderem von Profi-Fußballern genutzt. „Die Ergebnisse dieser Programme sind vielversprechend. So lässt sich das Risiko eines Kreuzbandrisses um 30 bis 40 Prozent verringern“, weiß Professor Niemeyer.

Die Operationen an den Kreuzbändern: Wenn die Kreuzbänder gerissen sind, werden sie meist ersetzt – in der Regel durch körpereigenes Sehnengewebe (Fachbegriff Kreuzbandplastik). Diese Operation gilt als sinnvolle Investition in den Gelenkerhalt: „Denn ein defektes Kreuzband ist ein wichtiger Risikofaktor für Meniskusverletzungen und daraus resultierende Probleme.“

Die Behandlung von Meniskusverletzungen: Im Umgang mit den Gelenkpuffern hat sich die Strategie der Spezialisten stark verändert. Während ramponierte Menisken vor einigen Jahren noch relativ großzügig ausgeschnitten und oft sogar komplett entfernt wurden, geht der Trend heute ganz klar zum Erhalt. „Wir versuchen, so wenig Gewebe wie möglich zu entfernen und so viele Risse wie möglich zu nähen“, sagt Prof. Niemeyer, „denn die Menisken haben eine wichtige Dämpferfunktion. Zudem unterstützen sie die Bänder bei der Stabilisierung des Gelenks.“ Vorteile, die früher eher etwas unterschätzt worden sind.

Wenn die Menisken nicht zu retten sind, versuchen es manche Ärzte inzwischen auch mit künstlichem Ersatz. „Dabei kommen zwei verschiedene Implantatarten zum Einsatz. Ob diese Ersatzmenisken wirklich effektiv sind, lässt sich aber noch nicht sicher bewerten.“

Die Korrektur von Fehlstellungen der Beinachse: Dieses Verfahren (auf Medizinerdeutsch Umstellungsosteotomie genannt) hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr etabliert. Mehrere Tausend solcher Eingriffe nehmen Mediziner pro Jahr in Deutschland vor. Dabei werden – vereinfacht ausgedrückt – X- oder O-Beine begradigt.

Das Grundprinzip der OP klingt martialisch: Der Knochen wird praktisch durchgesägt, um ihn in seiner Position zu verändern. Anschließend wird der Knochen in einem um wenige Grad veränderten Winkel mit einer Platte und Schrauben wieder fixiert. Dadurch sollen sich die Druckverhältnisse im Kniegelenk ändern, die Belastung gleichmäßiger verteilt werden. „Schon bei einem leichten O-Bein liegen etwa 80 bis 90 Prozent der Belastung auf der Innenseite des Knies, nur 10 bis 20 Prozent auf der Außenseite“, erläutert Professor Niemeyer. „Nach der Umstellung sollte die Verteilung bei je 50 Prozent liegen.“ Dadurch werden bereits beschädigte Knorpelstellen entlastet und das Fortschreiten der Arthrose gebremst.

Mit dem Eingriff lässt sich das Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks in vielen Fällen deutlich hinauszögern – nicht selten um ein oder zwei Jahrzehnte. Allerdings muss der Patient dafür auch einen sechs bis sieben Zentimeter langen Hautschnitt, eine etwa einstündige Operation und drei bis vier Tage Klinikaufenthalt in Kauf nehmen. „Aber in den meisten Fällen ist eine Beinachsenkorrektur heute viel besser verträglich als früher“, erläutert Professor Niemeyer.

Gicht: Feuer im Gelenk

So erlauben es schonende OP-Techniken und vor allem moderne, extrem stabile Implantate, dass der Patient bereits am OP-Tag mit Gehstützen wieder erste Schritte machen kann. Nach zwei bis vier Wochen braucht er keine Krücken mehr, knieschonende Bewegung wie Radeln und Schwimmen ist nach etwa sechs Wochen wieder möglich, belastendere Sportarten wie Joggen oder Skifahren allerdings erst nach mehreren Monaten.

Die Knorpelchirurgie: Bei klar begrenzten Knorpelschäden – vor allem dann, wenn sie durch Verletzungen entstanden sind – haben die Mediziner zwei etablierte Behandlungstechniken anzubieten: zum einen die sogenannte Mikrofrakturierung. Dabei fräst der Operateur kleine Löchlein in den Knochen – mit dem Ziel, dass sich eine Art Blutsee oder Blutkuchen bildet. Daraus soll Bindegewebe erwachsen, dass vom Körper zu einer Art Knorpelersatzgewebe umgebaut wird. Es ist auch möglich, körpereigene Knorpelzellen zu entnehmen, sie im Labor zu vermehren und diese an die defekten Stellen zu verpflanzen – Mediziner sprechen von einer Autologen Chondrozyten-Transplantation (ACT).

Inzwischen ist das Verfahren so weit verfeinert worden, dass auch größere Knorpelschäden damit repariert werden können. „Es kann aber auch Sinn machen, kleinere Löcher zu behandeln – praktisch um einer Ausbreitung des Knorpelschadens vorzubeugen“, erklärt Professor Niemeyer. Nach wie vor gilt allerdings: Für die Therapie großflächiger Arthrose im gesamten Kniegelenk ist die ACT nicht geeignet.

Die Behandlung mit Hyaluronsäure und Eigenblutkonzentraten: Zwar können auch solche Präparate den Knorpel nicht reparieren, aber immerhin die Gleitfähigkeit im Gelenk verbessern und die Schmerzen verbessern. Hyaluronsäure wird ins Kniegelenk gespritzt und soll praktisch wie ein künstliches Schmiermittel wirken, den Knorpel zudem mit Nährstoffen versorgen.

Arthrose: Das können Sie gegen Gelenkschmerzen tun

Bei Eigentblutbehandlungen wird dem Patienten Blut entnommen und zentrifugiert – mit dem Ziel, bestimmte Blutbestandteile mit einer mutmaßlichen Heilwirkung herauszulösen. Sie werden dann in konzentrierter Form an die erkrankte Stelle im Kniegelenk gespritzt. Viele Patienten berichten über eine Linderung ihrer Beschwerden – zumindest vorübergehend. „Neue Studien zeigen, dass die Eigenbluttherapie gegenüber der Behandlung mit Hyaluronsäure im Vorteil zu sein scheint“, berichtet Professor Niemeyer. Doch beide Therapien richten sich „nur“ gegen die Symptome der Arthrose und nicht gegen ihre Ursache. Ihre Wirkung ist also auf einen bestimmten Zeitraum beziehungsweise auf ein bestimmtes Stadium der Erkrankung begrenzt.

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