+
Spritze für die Knochen: Dr. Vanadin Seifert-Klauss spritzt Karin F. ein Mittel gegen den Knochenabbau.

Mit Sport und Spritzen gegen Osteoporose

Sie tut nicht weh, macht lange keine Beschwerden: Osteoporose. Viele Patienten erfahren erst durch einen Bruch, dass sie an Knochenschwund leiden.

Außer sie lassen sich gezielt darauf untersuchen – wie Karin F. (73). Ihr haben Medikamente und Sport Knochenbrüche erspart.

Gleich kommt die Spritze. Karin F. krempelt schon mal den linken Ärmel ihres Pullovers hoch. Für die 73-jährige Münchnerin ist das längst Routine. Alle drei Monate kommt sie hierfür ins Klinikum rechts der Isar. Doch das nimmt sie gern auf sich: Das Medikament, das ihr Dr. Vanadin Seifert-Klauss gleich spritzen wird, bremst den Abbau ihrer Knochen – und der schreitet bei Karin F. viel zu schnell voran.

Osteoporose nennt man diesen krankhaften Knochenschwund. Wie andere Gewebe erneuert sich zwar auch Knochen ständig. „In zehn Jahren wird das Skelett sogar komplett umgebaut“, erklärt Seifert-Klauss, die das interdisziplinäre Osteoporosezentrum des Klinikums leitet. Doch hält der Aufbau mit dem Abbau nicht Schritt, verlieren die Knochen an Substanz und damit an Stabilität.

Betroffene bemerken das meist erst, wenn Knochen der Belastung nicht mehr standhalten. „Manche kommen mit Rückenschmerzen in die Klinik“, sagt Prof. Hans Rechl, stellvertretender Leiter des Osteoporosezentrums. Doch manchmal verrät schon das Röntgenbild, dass nicht etwa kaputte Bandscheiben, sondern schwache Knochen die Ursache sind. Dann zeigt es verformte Wirbelkörper, eingebrochen unter der Last des Körpergewichts. Andere Patienten sind nur leicht gestürzt – und haben sich trotzdem Handgelenk oder Oberschenkelhals gebrochen.

So ist es auch Karin Fs. Mutter vor vielen Jahren ergangen. „Meine Mutter hatte starke Osteoporose“, erzählt die Tochter. „Sie hatte viele Knochenbrüche.“ Karin F. wusste, dass damit auch sie gefährdet war. Denn sind Eltern oder Geschwister betroffen, steigt damit auch das eigene Risiko. Schon vor etwa 20 Jahren ließ sie darum erstmals ihre Knochendichte messen – auf eigene Kosten. Denn bis heute bezahlt die Krankenkasse die etwa 40 Euro teure Untersuchung nur, wenn bereits Knochenbrüche vorliegen. „Wir haben das immer kritisiert“, sagt Rechl. Denn: Wer rechtzeitig handelt, dem bleiben Knochenbrüche oft erspart.

Dass auch sie etwas tun muss, erfuhr Karin F. nur durch diese Messung. Beschwerden hatte sie keine. „Doch schon damals hat man festgestellt, dass auch ich schlechte Knochen habe“, sagt sie. Zwar verordnete der Arzt keine Medikamente. Er riet aber zu kalziumreicher Kost. Denn bekommt der Körper zu wenig davon, holt er sich das Kalzium aus den Knochen. Karin F. achtete darum darauf, genug davon zu sich zu nehmen – und aß daher viele Molkereiprodukte wie Milch, Käse und Joghurts.

Erst einige Jahre später bekam sie zusätzlich Kalziumtabletten und Vitamin D verordnet. Letzteres braucht der Körper, um Kalzium in den Knochen einbauen zu können. Doch viele Menschen sind nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt. Der Körper kann es zwar auch selbst aus Vorstufen in der Haut bilden. Doch dazu braucht er Sonnenlicht, von dem viele vor allem im Winter nicht genug abbekommen. Zudem nimmt die Fähigkeit, Vitamin D zu bilden, im Alter ab.

Seit zwei Jahren ist Karin F. im Osteoporosezentrum am Klinikum rechts der Isar in Behandlung – und sehr zufrieden, wie sie sagt. Heute nimmt sie täglich eine Kalziumtablette und einmal pro Woche Vitamin D. Künftig bekommt sie ein Medikament aus der Gruppe der Bisphosphonate in die Vene gespritzt. Zuvor ist sie zwei Jahre mit Tabletten behandelt worden. Doch wegen einer Magenschleimhaut-Entzündung sollte Karin F. diese nicht mehr einnehmen.

Bisphosphonate bremsen den Knochenabbau. „Doch Medikamente allein reichen nicht“, sagt Karin F. „Bewegung ist ebenso wichtig.“ Es war ein Zufall, der sie schon vor gut zehn Jahren zum Sport brachte: „Ich bekam Post von der Stadt München“, erzählt sie. Weil sie in die gesuchte Altersgruppe passte, wurde sie zu einer Studie der Technischen Universität (TU) München eingeladen. Dort wollte man herausfinden, welchen Nutzen Sport bei Osteoporose hat. Karin F. entschied sich mitzumachen.

Zwei Jahre lang turnte sie für die Wissenschaft – vor allem aber für sich selbst. „Sport ist mit die wichtigste Prophylaxe und Therapie der Osteoporose“, sagt Rechl. Das Training stärkt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen. Rezeptoren registrieren die Belastung, erklärt Expertin Seifert-Klauss. „Sie melden dem Knochen: Du wirst gebraucht, baue dich auf!“

Das geschieht längst nicht nur in der Jugend: Ging man früher noch davon aus, dass Knochenmasse wie ein Depot angelegt wird, von dem man später zehrt, weiß man heute: „Knochen ist ein höchst stoffwechselaktives Organ“, sagt Seifert-Klauss. Und das sei bis ins hohe Alter beeinflussbar.

Dabei entscheidet nicht allein die Dichte der Knochen über ihre Stabilität, sondern vor allem ihre innere Struktur. „Das ist wie beim Eiffelturm“, sagt Seifert-Klauss. „Der ist zwar nicht sehr dicht gebaut, hat dafür aber eine sehr stabile Struktur.“ Damit die Knochen ebenso stark werden, brauchen sie eine „mäßige statische Belastung“, wie die Expertin sagt. Rehasport ist dafür ideal. „Da ist die sportliche Aktivität an die Erkrankung angepasst“, sagt Rechl.

Die Sportstudie ist längst abgeschlossen. Karin F. turnt trotzdem weiter – in der Rehasportgruppe der TU München: warmradeln auf dem Ergometer, dann Gymnastik in der Gruppe, später Gerätetraining. Auch Gleichgewichtsübungen gehören zum Programm. „Das ist wahnsinnig wichtig“, sagt Karin F.. Genau wie die Gruppe: Sie hilft ihr, dabeizubleiben. „Wenn man zweimal nicht da war, fragen die anderen, wo man war“, sagt sie. „Das hilft gegen den inneren Schweinehund.“

Zwei Mal pro Woche geht Karin F. zum Rehasport. Die Krankenkasse übernimmt einen Teil der Kosten. Doch ist die 73-Jährige auch sonst aktiv, geht gern Bergwandern, im Winter auch zum Skifahren – auch wenn sie weiß, dass Mediziner das wegen der Sturzgefahr bei Osteoporose nicht so gern hören. „Ich mach das schon mein ganzes Leben lang – und kann es auch richtig“, sagt sie.

Von Andrea Eppner

Infos zum Osteoporosesport

An der TU München gibt es unter www.ktu.vo.tum.de und unter Tel. 089/28 92 44 20 oder kuratorium.pr@sport.med.tum.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Keine Lust mehr auf Pizza? Sie könnten schwer krank sein
Sie könnten jeden Tag Salami-Pizza essen – doch plötzlich vergeht Ihnen die Lust? Dann könnte es ein Anzeichen auf etwas Bedrohliches sein.
Keine Lust mehr auf Pizza? Sie könnten schwer krank sein
Frau stirbt an Proteinüberdosis: Kann mir das auch passieren?
Mit nur 25 Jahren starb Bodybuilderin und Mutter Meeghan Hefford an einer Proteinüberdosis. Der Grund: ein seltener Gen-Defekt. Doch was hat es damit auf sich?
Frau stirbt an Proteinüberdosis: Kann mir das auch passieren?
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler
Bei einem Eingriff kommt es zu Komplikationen. Am Ende steht die Frage im Raum, ob der Arzt einen Fehler gemacht hat. Vor Gericht wäre die Dokumentation der Behandlung …
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler
Freizeitsportler brauchen keine zusätzlichen Vitamine
Beim Sport wird der Körper meist mehr beansprucht als im Alltag. Da liegt der Gedanke nahe, dass ihm auch mehr Vitamine zugeführt werden müssen. Sollten Freizeitsportler …
Freizeitsportler brauchen keine zusätzlichen Vitamine

Kommentare