+
Fürsorge: Eine Frau kümmert sich um einen älteren Mann. Aber dürfen Ärzte ihm auch beim Sterben helfen dürfen? Eine Gewissensfrage.

Aber nur in Ausnahmefällen

Vier Experten fordern: Ärzte als Sterbehelfer

  • schließen

München – Darf ein Arzt auch beim Sterben helfen? Unter strengen Bedingungen – ja, sagen vier Experten. Sie haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der unheilbar Kranken einen würdevollen Tod ermöglichen soll.

Herr H. wollte nicht sterben, auf keinen Fall. Aber irgendwann verließ ihn der Lebensmut – da beschloss Herr H., Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, es gut sein zu lassen. Für immer.

Herr H. ist keine erfundene Figur. Er war mal Patient von Petra Anwar. Sie betreut als Palliativmedizinerin todkranke Menschen, versucht, deren Leid zu lindern. Die Geschichte von Herrn H. steht in einem Buch, das sie zusammen mit John von Düffel geschrieben hat: „Geschichten vom Sterben“ (Piper; 19,99 Euro). Es zeigt, dass auch die Palliativmedizin an Grenzen stößt.

Nur: Was dann?

Fünf Bedingungen 

Beihilfe zur Selbsttötung darf der Arzt nur leisten, wenn 1. er aufgrund eines persönlichen Gesprächs mit dem Patienten zur Überzeugung gelangt ist, dass der Patient freiwillig und nach reiflicher Überlegung die Beihilfe zur Selbsttötung verlangt, 2. er aufgrund einer ... Untersuchung des Patienten zur Überzeugung gelangt ist, dass der Patient an einer unheilbaren, zum Tode führenden Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung leidet, 3. er den Patienten umfassend und lebensorientiert über seinen Zustand, dessen Aussichten, Formen der Suizidbeihilfe sowie über andere – v.a. palliativmedizinische – Möglichkeiten aufgeklärt hat, 4. er mindestens einen anderen, unabhängigen Arzt hinzugezogenhat, derdenPatientenpersönlich gesprochen, untersucht und ein Gutachten ... abgegeben hat, 5. zwischen dem nach dem Aufklärungsgespräch ... geäußerten Verlangen nach Beihilfe und der Beihilfe 10 Tage verstrichen sind.

Vier renommierte Wissenschaftler haben darauf eine Antwort. Sie lautet: assistierter Suizid. Gestern haben sie einen Gesetzentwurf vorgelegt. Danach soll Suizidbeihilfe grundsätzlich strafbar bleiben – aber: Für nahe Angehörige und Ärzte soll sie erlaubt werden, unter strengen Bedingungen (siehe Kasten).
Ein Vorstoß, der schon jetzt für politischen Streit sorgt (siehe Artikel unten). Nach der Sommerpause will der Bundestag neu über die Sterbehilfe debattieren. Die vier Autoren des Buches „Selbstbestimmung im Sterben – Fürsorge zum Leben“ (Kohlhammer; 14,99 Euro) haben ihren Gesetzentwurf bereits nach Berlin geschickt. Bei der Präsentation in München sagte Professor Gian Domenico Borasio: „Wir wissen um die großen Möglichkeiten der Palliativmedizin. Aber wir wissen aus der täglichen Arbeit auch um ihre Begrenzung.“
Die Begrenzung erlebte auch Herr H.: Damals, als er wegen eines Darmverschlusses seinen Stuhlgang erbrach. Er beschloss, gemeinsam mit seiner Frau und der Palliativmedizinerin Anwar, mit der Dialyse aufzuhören, es machte für ihn keinen Sinn mehr, sein Blut immer wieder zu reinigen, um weiter leben zu können. Wenige Tage darauf starb er. Kurz zuvor hatte er noch mit der Familie vorm Kamin gesessen. Ein letztes Mal.

Aktive Unterstützung beim Sterben lehnen die vier Experten ab

Die wichtigsten Begriffe

Beihilfe zur Selbsttötung (auch assistierter Suizid oder Freitodbegleitung): Da eine Selbsttötung in Deutschland nicht belangt wird, ist auch Beihilfe zum Suizid straffrei. Nur können Helfer, etwa Ärzte, wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden.

Aktive Sterbehilfe: Tötung des Patienten auf dessen Verlangen durch Eingreifen von außen, meist durch einen Arzt. In Deutschland verboten, in den Benelux-Ländern unter Bedingungen erlaubt. Aktive Tötung: Die eigenmächtige Entscheidung des Arztes, den Patienten zu töten. Wird als Totschlag oder Mord aufgefasst.

Indirekte Sterbehilfe: Gabe von Medikamenten, zum Beispiel Schmerzmitteln, bei denen ein vorzeitiger Tod in Kauf genommen wird. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 1996 erlaubt.

Passive Sterbehilfe: Unterlassung oder Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen wie künstliche Ernährung und Beatmung. Ist erlaubt, wenn der Patient es so will oder Maßnahmen medizinisch sinnlos sind.

Beim Herr H., das war vielleicht sein „Glück“, brauchte es nicht einen assistierten Suizid, es genügte einfach der Verzicht auf die Dialyse, also passive Sterbehilfe (zu den Begriffen siehe Kasten). Aber in manchen Fällen reicht das nicht. Und diese Menschen wollen Borasio und seine Kollegen „nicht im Regen stehen lassen“, wie sie sagen.
Borasio lehrte lange Zeit in München. Inzwischen hat er einen Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Universität von Lausanne in der Schweiz – jenem Land, das immer mehr Deutsche anzieht, die „in Würde sterben“ wollen, wie sie es ausdrücken. Dort ist Sterbehilfe gesellschaftlich akzeptiert. Und: Die Gesetze erlauben auch eine sogenannte Freitodbegleitung: Den Betroffenen werden auf Wunsch tödliche Mittel zur Verfügung gestellt. Bei der Einnahme dürfen Sterbebegleiter sowie Angehörige und Freunde zugegen sein. Eine aktive Unterstützung, wie etwa die Tötung auf Verlangen, ist indes streng verboten.
Diese lehnen auch die vier Experten ab – zumal der Suizident dabei nicht die „Tatherrschaft“ habe. Anders als beim assistierten Suizid: Hier müsse der Betroffene die tödliche Substanz selbst einnehmen, erklärt der Medizinethiker Ralf Jox von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das freilich birgt eine gewisse Hemmschwelle.

Prof. Wiesing: Generelles Verbot der Sterbehilfe verschärfe das Problem

Ein generelles Verbot verschärfe das Problem nur, warnt Professor Urban Wiesing vom Institut für Medizinethik der Universität Tübingen. Dann werde Beihilfe illegal geleistet – oder verzweifelte Menschen brächten sich auf grausame Weise um. Ähnlich argumentiert der Medizinrechtler Professor Jochen Taupitz. Er weiß, dass viele Sterbehilfe-Vereine aus dem Ausland nur „am schnellen Geld“ interessiert seien. Die Ärzte, so sagt er, wollten hingegen Leben retten.

Eine klare rechtliche Regelung, die Medizinern in Ausnahmefällen eine Beihilfe zum Suizid erlaube, sei daher ein Ausweg aus dem Dilemma. Aber: Kein Mediziner müsse das leisten. „Jeder Arzt sollte es zu seiner Gewissensentscheidung machen“, sagt Taupitz.

Zudem belegen Langzeitstudien, dass solche Gesetze nicht zu einer Erhöhung der Suizide führen. Borasio zitiert Daten aus Oregon, einem US-Bundesstaat, in dem seit 17 Jahren der assistierte Suizid erlaubt ist. Seitdem sei die Zahl dieser Suizide konstant geblieben und liege bei gerade mal zwei Promille. Borasio sagt sogar, dass rund ein Drittel der Betroffenen sich am Ende gegen das Gift entscheide – und damit fürs Weiterleben.

Stiftung Patientenschutz warnt vor "zertifizierten Medizinern für Selbsttötung"

Auch Palliativmedizinerin Anwar, die Sterbenskranke betreut, weiß aus dem Arbeitsalltag, dass viele Menschen nach einer „Wir können nichts mehr für Sie tun“-Diagnose erst mal nur einen Ausweg sehen: den schnellen Tod. Das erzählte sie der SZ. Mit der Zeit relativiere sich aber der Sterbenswunsch – vor allem dann, wenn man den Menschen klarmache, dass man deren Leiden lindern könne, so dass sie „noch etwas von ihrem Leben haben“.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht auch daher den Vorschlag der vier Wissenschaftler kritisch: „Wenn der Gesetzentwurf Realität würde, dann wird die Suizidbeihilfe zum Regelangebot des Arztes. Damit hätten wir den zertifizierten Mediziner für Selbsttötung“, sagt Vorstand Eugen Brysch. Ähnlich argumentiert Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer: „Nach der Berufsordnung haben Ärztinnen und Ärzte die Aufgabe, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern sowie Sterbenden Beistand zu leisten. Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist hingegen keine ärztliche Aufgabe.“ Und Thomas Sitte, Chef der Deutschen Palliativ Stiftung, fragt: „Warum soll man schwerstkranken Patienten zumuten, sich selbst zu töten, wenn sie dazu kaum noch in der Lage sind? Wäre es nicht konsequenter, würdiger und menschlicher, wenn man ihnen die Handlung des Tötens auf Wunsch abnehmen kann?“

Fakt ist: Der Wunsch nach der Selbstbestimmung steigt, das belegen Zahlen. „Die Bürger möchten auch am Ende ihre eigenen, individuellen Vorstellungen durchsetzen“, sagt Medizinethiker Wiesing. Das gelte auch für den Zeitpunkt des Todes.

Beihilfe zur Selbsttötung: Das sagen die vier Experten

Gian Domenico Borasio Professor für Palliativ- Medizin in Lausanne

„Es ist wissenschaftlich längst belegt, dass es auch bei bester Palliativversorgung Menschen gibt, die mit Berechtigung sagen: ,Das, was mir noch bevorsteht, möchte ich nicht erleben.‘ Außerdem zeigen die internationalen Daten einen deutlichen Anstieg der Sterbehilfefälle dort, wo die Tötung auf Verlangen erlaubt ist (Holland und Belgien), aber nicht dort, wo nur der assistierte Suizid zugelassen ist (Schweiz und Oregon).“

Dr. Dr. Ralf Jox Institut für Medizinethik, LMU München

„Machen wir uns nichts vor: Beihilfe zur Selbsttötung wird praktiziert, aber meist im Geheimen, ohne Regeln und Kontrollen, unter Verletzung ethischer Standards. Ein bloßes Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe wird daran nichts ändern, die Situation würde sich nur verschärfen. Wer es wirklich ernst meint mit dem Schutz des Lebens, muss Regeln aufstellen für eine verantwortungsvolle Suizidhilfe. Das tun wir mit dem Gesetzesvorschlag.“

Urban Wiesing Professor für Medizinethik in Tübingen

„Die Bürger haben ihre eigenen Vorstellungen von Leben und Sterben und befürworten mehrheitlich die Beihilfe zum Suizid. Ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom würdevollen Sterben sind zu respektieren. Der Gesetzgeber darf dem Bürger die richtige Weise zu leben und zu sterben nicht vorschreiben, aber er muss dafür Sorge tragen, dass niemand in seinen individuellen Entwürfen bedrängt, manipuliert oder geschädigt wird.“

Jochen Taupitz Professor für Medizinrecht, Vize-Vors. des Dt. Ethikrats

„Wir wollen, dass Menschen, die für sich selbst keinen anderen Ausweg als die Selbsttötung sehen, in einem vertrauensvollen Gespräch mit ihrem Arzt Alternativen aufgezeigt bekommen, letztlich aber auch von ihrem Arzt in den Tod begleitet werden dürfen. Zugleich soll unser Vorschlag möglichem Missbrauch entgegenwirken.“

Heftige und emotionale Debatte um den assistierten Suizid

Der Vorschlag von vier bekannten Medizinern und Ethikern, Beihilfe zur Selbsttötung unter strengen Bedingungen zu erlauben, ist in der Politik auf ein geteiltes Echo gestoßen. Vertreter der SPD begrüßten die Initiative. Kritik kam dagegen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Der Bundestag will nach der Sommerpause über das Thema beraten und am Ende ohne Fraktionszwang abstimmen.

Mehrere SPD-Politiker lobten die Initiative. „Dieser Vorschlag entspricht weitgehend unseren Vorstellungen“, sagte der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka. Zustimmung kam auch von der kirchenpolitischen Sprecherin der SPD-Fraktion, Kerstin Griese: Für den Vorschlag spreche, „dass die Tätigkeit von Sterbehilfe-Vereinen unterbunden würde“. Der SPDFraktionsvize Karl Lauterbach hatte bereits am Wochenende gesagt: „Ich halte ein striktes Verbot der Sterbehilfe für nicht zeitgemäß.“ Es gebe Menschen, die den „berechtigten Wunsch haben, dass man ihnen beim Sterben hilft“, betonte Lauterbach.

Bundesgesundheitsminister Gröhe (CDU) wandte sich gegen jede Lockerung für ärztliche Suizidbeihilfe. „Das ärztliche Standesrecht verbietet die Beihilfe, und ich begrüße das“, sagte er. Er habe „größte Zweifel, ob aus existenziellen Ausnahmen heraus die Norm aufgegeben werden darf“. Wichtig sei es, die Fortschritte der Palliativmedizin stärker bekannt zu machen. Mehr Schmerzzentren und Hospize seien notwendig. Scharfe Kritik äußerte auch der CDU-Gesundheitspolitiker Hubert Hüppe. „Der Gesetzentwurf löst das Tötungsverbot der Ärzte auf“, sagte er. Der CDUAbgeordnete Peter Hintze dagegen stellte sich gegen die Mehrheit seiner Partei. Auch er verlangt Spielraum für Ärzte. Nicht jede unerträgliche Situation lasse sich palliativmedizinisch beherrschen.

Bayerns Gesundheitsministerin Huml (CSU) hat sich gegen den assistierten Suizid durch Ärzte ausgesprochen. „Eine Regelung, die dazu führen kann, dass Mediziner bei schwerstkranken Menschen Beihilfe zum Selbstmord leisten, lehne ich auch als Ärztin entschieden ab“, erklärte sie. Mit der ärztlichen Ethik und dem Berufsrecht sei ein solches Handeln nicht vereinbar.

Die Bayerische Berufsordnung verpflichte Ärzte unter anderem, Sterbenden Beistand zu leisten, erinnerte die Ministerin. Doch daraus folge weder das Recht auf Beihilfe zum Suizid noch auf aktive Sterbehilfe. Ärzte sollten keine Hilfe zum Sterben leisten. Vielmehr gehe es darum, Menschen beim Sterben zu begleiten und ihnen die Schmerzen und Ängste zu nehmen. Deshalb werde auch die Hospiz- und Palliativversorgung weiter ausgebaut.

In Bayern gibt es derzeit 93 Krankenhäuser mit palliativmedizinischem Angebot. Zudem fördert das Ministerium eigenen Angaben zufolge den Aufbau ambulanter Palliativ- Teams mit einer Anschubfinanzierung von bis zu 15.000 Euro pro Team. Dazu kommen 16 stationäre Hospize mit 162 Betten sowie ein stationäres Kinderhospiz im schwäbischen Bad Grönenbach. Das Ministerium fördere den bedarfsgerechten Aufbau stationärer Hospize mit bis zu 10.000 Euro pro Bett. 2014 würden in die Hospizarbeit 350.000 Euro investiert.

von Barbara Nazarewska (mit Material von dpa)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mann hat zwölf Jahre nicht geduscht - so erging es ihm
Ob nach dem Sport, an heißen Sommertagen oder um wach zu werden: Für viele gehört Duschen einfach im Alltag dazu. Doch das sieht dieser Mann anders.
Mann hat zwölf Jahre nicht geduscht - so erging es ihm
Diese sieben pflanzlichen Medikamente stoppen Ihre Erkältung
Wer unter einer Erkältung leidet, will nicht immer gleich zu harten Medikamenten greifen. Pflanzliche Alternativen sind schonender – und oft gesünder.
Diese sieben pflanzlichen Medikamente stoppen Ihre Erkältung
Ruhe und Ordnung: So steigert man die Konzentration
Die Aufgabe ist kompliziert. Eigentlich braucht man jetzt die volle Konzentration. Doch der Geist findet keine Ruhe. Und da ist man schon beim ersten Punkt, der die …
Ruhe und Ordnung: So steigert man die Konzentration
Intuitives Essen: Der Körper weiß, was er braucht
Den ganzen Tag lang ernährt man sich nur von Gemüse. Doch abends übermannt einen doch noch der Appetit. Die Folge ist Völlerei. Das Problem haben viele, die ihr Gewicht …
Intuitives Essen: Der Körper weiß, was er braucht

Kommentare