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Viele Senioren schlucken täglich mehrere Medikamente. Patienten sollten den Beipackzettel genau studieren.

Liste von der Stiftung Warentest

Achtung, Senioren! Diese Arzneien sind gefährlich

München - In der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Test“ gibt die Stiftung Warentest wertvolle Tipps zum Umgang mit Arzneien. Manche Medikamente schaden älteren Patienten mehr als sie ihnen nützen.

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Test“ gibt die Stiftung Warentest wertvolle Tipps zum Umgang mit Arzneien.

Die länglichen Plastikschachteln gehören in vielen Senioren-Haushalten zum Inventar, kommen regelmäßig auf den Tisch. Meistens bestehen sie aus sieben Fächern, die in sich nochmal dreigeteilt sind. Darin stecken die Tabletten – für jeden Wochentag, für morgens, mittags und abends. Wie viele ältere Patienten massenhaft Pillen schlucken müssen, dokumentiert eine aktuelle Umfrage der Stiftung Warentest in ihrem neuesten Test-Heft: Danach nimmt gut jeder Dritte über 65 Jahren mehr als fünf Medikamente täglich zu sich. Das große Problem dabei: Gerade der Tabletten-Mix schadet vielen Patienten mehr als er ihnen nutzt! „Grundsätzlich vertragen Senioren Medikamente schlechter als jüngere Menschen“, erläutern die Experten der Stiftung Warentest: „Das liegt unter anderem daran, dass die Niere viele Arznei­mittel nicht mehr so schnell ausscheidet, so dass sie länger im Körper bleiben und stärker wirken. Zu den typischen Nebenwirkungen zählen Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen, Schwindel, Benommenheit, Unruhe sowie Stürze.“

Dr. Volker Smasal.

Manche Arznei­stoffe können im Alter besonders schaden. Sie stehen auf der sogenannten Priscus-Liste, die deutsche Forscher 2010 veröffentlichten. Die Liste umfasst 83 problematische Wirkstoffe, nennt aber auch Alternativen – und Schutzmaßnahmen, falls ein Mittel unvermeidbar ist. Im neuen Test-Heft wird die Liste vorgestellt. Dazu nennt die Stiftung Warentest alternative Wirk­stoffe, die sie als „geeignet“ bewertet. Leider sehen sich immer mehr ältere Patienten beziehungsweise deren Angehörige oder Betreuer gezwungen, ihre Medikamentenliste überprüfen zu lassen. „Heutzutage herrscht bei vielen Patienten leider heilloses Chaos, was ihre Medikation angeht“, weiß der erfahrene Münchner Orthopäde Dr. Volker Smasal. Die Leitragenden seien oft die Hausärzte: „Sie stehen oft vor dem Problem, dass ihren Patienten von verschiedenen Fachärzten oder bei Klinik­aufenthalten permanent neue Medikamente verordnet werden – ohne Abstimmung auf die anderen Mittel, die der Patient bereits einnimmt.“ An der Absprache der Ärzte krankt es gewaltig, kritisiert auch der Altersmediziner Dr. Ulrich Thiem im großen tz-Gespräch. Die Folge: Nach Schätzungen der Stiftung Warentest sind 10 bis 15 Prozent der Klinikeinweisungen älterer Menschen durch Arzneimittel bedingt.

"Es droht sogar Nierenversagen"

Dr. Ulrich Thiem, Altersmediziner.

Eigentlich sollen Medikamente Menschen heilen. Aber gerade älteren Patienten können sie mehr schaden als helfen – besonders dann, wenn sie zu viele Tabletten gleichzeitig einnehmen. Wie viele Senioren von diesem Problem betroffen sind, untermauert auch eine Studie der Ruhr-Universität Bochum. Danach ergab eine Befragung von 2500 Patienten über 70 Jahren, dass im Durchschnitt jeder Befragte regelmäßig sechs verschiedene Medikamente einnahm. Je älter der Patient war, desto höher war die Zahl der Präparate. „Bei einigen waren es mehr als zehn“, berichtet Dr. Ulrich Thiem, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gereatrie. Im tz-Interview analysiert der renommierte Altersmediziner Ursachen und Risiken des heiklen Tabletten-Mix’.

Herr Dr. Thiem, warum ist es eigentlich so gefährlich, viele verschiedene Tabletten zu schlucken?

Dr. Ulrich Thiem: Wer viele Medikamente einnimmt, der beschäftigt auch seine Leber und seine Nieren viel stärker. Dadurch kann beispielsweise der Abbau der Medikamente gehemmt werden. Mögliche Folge ist eine Überdosierung der Wirkstoffe, verbunden mit starken Nebenwirkungen.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Dr. Thiem: Oft leiden die betroffenen Patienten unter Müdigkeit oder Gedächtnisstörungen. In schlimmen Fällen kommt es auch mal zu Nierenversagen und dadurch zu einer Blutvergiftung. Bei der Einnahme von starken Schmerzmitteln sind häufig Blutungen im Magen-Darm-Trakt die Folge. Zudem verstärken sich manche Medikamente in ihrer Wirkung auf die Blutgerinnung, verursachen innere Blutungen.

Wie lassen sich solche Komplikationen verhindern?

Dr. Thiem: Bei älteren Patienten, die mehrere Präparate gleichzeitig einnehmen, sollten mindestens ein Mal im Jahr alle Medikamente akribisch zusammengetragen und genau überprüft werden – inklusive der frei verkäuflichen Mittel, die sich der Patient noch zusätzlich in der Apotheke besorgt. Dazu sollte man unbedingt eine genaue Medikamentenliste führen und diese immer wieder auf den neuesten Stand bringen.

Zu welchem Arzt geht man am besten, um die Medikamentenliste durchsehen zu lassen?

Dr. Thiem: Im Idealfall sollte der Hausarzt regelmäßig ein kritisches Auge auf die Gesamtmedikation werfen und immer wieder hinterfragen: Macht die Einnahme eines Medikaments noch länger Sinn? Welches kann man vielleicht absetzen, und welches sollte der Patient unbedingt weiternehmen? Wichtig ist, dass der Patient beziehungsweise seine Angehörigen oder Betreuer den Hausarzt aktiv um diese Überprüfung bitten.

Aber müsste der Hausarzt das nicht eigentlich von sich aus tun?

Dr. Thiem: Die Hausärzte stecken in einer schwierigen Situation. Sie bekommen die komplexe Analyse der Medikamentenzusammenstellung von den Krankenkassen nicht bezahlt. Deshalb ist ein zeitaufwändiger Medikamenten-Check nicht unbedingt beliebt. Dazu kommt, dass ihre älteren Patienten oft verschiedene Fachärzte aufsuchen und dort immer wieder neue Medikamente verschrieben bekommen – ohne Rücksicht darauf, was ein anderer Facharzt-Kollege bereits verordnet hat. Leider funktioniert der Austauch unter den Ärzten oft nicht.

Was kann der Patient selbst tun, um sich gegen die möglichen Nebenwirkungen zu wappnen.

Dr. Thiem: Gerade ältere Patienten sollten sich genau über die Medikamente informieren, ihren Arzt über Nutzen, Neben- und Wechselwirkungen befragen. Nur dann kann der ­Patient auch mitentscheiden, ob er ein Medikament dringend braucht oder wegen der Risiken lieber darauf verzichten möchte.

Diese Arzneistoffe sind für ältere Menschen problematisch

Wirkstoff

Eingesetzt gegen Alternative Wirkstoffe
Acematazin Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Alprazolam Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Amitriptylin Depression Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Acetyldigoxin Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen ACE-Hemmer plus Diuretikum puls Beta-Blocker. Bei Herzrhythmusstörungen: Beta-Blocker
Baclofen Muskelverspannungen Tizanidin, hilfreich: Psychotherapie
Bromazepam Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Brotizolam Schlafstörungen wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Chinidin Herzrhythmusstörungen Betablocker wie Atenolol, Metropolol
Chloralahydrat Schlafstörungen leider wenige, Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Chlordiazepoxid Angst, Erregungszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Chlorphenamin Allergien Neuere Antihistaminika wie Cetrizin und Loratadin
Clemastin Allergien Neuere Antihistaminika wie Cetrizin und Loratadin
Clobazam Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Clomipram Depression Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Clonidin Bluthochdruck andere Blutdrucksenker
Clozapin Erregung, Wahnvorstellungen Melperon, Pipamperon
Diazepam Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Digoxin Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen ACE-Hemmer plus Diuretikum puls Beta-Blocker. Bei Herzrhythmusstörungen: Beta-Blocker
Dihydroergocryptin Parkinson Levodopa plus Benserazid
Dihydroergotmin Migräne Triptane, etwa Sumatriptan
Dihydroergotoxin Hirnleistungsstörungen leider keine Alternativen, in jedem Alter wenig geeignet
Dikaliumclorazepat Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Dimenhydrinat Übelkeit, Erbrechen Domperidon, Metoclopramid
Dimetinden Allergien Neuere Antihistaminika wie Cetrizin und Loratadin
Diphenhydramin Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen Bei Schlafstörungen leider wenige. Bei Übelkeit: Domperidon, Metoclopramid
Doxazosin Bluthochdruck, Prostatabeschwerden Blutdrucksenker. Bei Prostatabeschwerden: Alfuzosin
Doxepin Depression Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Doxylamin Schlafstörungen wenige, Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Ergotamin Migräne Triptane, etwa Sumatripan
Etoricoxib Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Flecainid Herzrhythmusstörungen Betablocker wie Atenolol, Metropolol
Flunitrazepam Schlafstörungen wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Fluoxetin Depression Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Fluphenazin Erregung, Wahnvorstellungen

Melperon

Pipamperon

Flurazepam Schlafstörungen wenige, Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Haloperidol Erregung, Wahnvorstellungen Melperon, Pipamperon niedrigdosiertes Haloperidol (bis 2 mg/Tag, verursacht weniger Nebenwirkungen)
Hydroxyzin Allergien Neuere Antihistaminika wie Cetrizin und Loratadin
Imipram Depression Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Indometazin Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Ketoprofen Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Levomepromazin Erregung, Wahnvorstellungen Melperon, Pipamperon
Lormetazepam Schlafstörungen wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden.
Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Maprotilin Depression Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Medazepam Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Meloxicam Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Methyldopa Bluthochdruck andere Blutdrucksenker
Metildigoxin Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen ACE-Hemmer plus Diuretikum puls Beta-Blocker. Bei Herzrhythmusstörungen: Beta-Blocker
Naftidrofuryl Durchblutungsstörungen der Beine Leider keine. Patienten brauchen oft Gehtraining sowie Clopidrogel und Acetylsalizylsäure zum schutz vor Blutgerinseln
Nicergolin Hirnleistungsstörungen Leider keine. Der Nutzen ist fraglich
Nifedipin Bluthochdruck andere Blutdrucksenker
Nifrazepam Schlafstörungen wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Schlafhygiene, Schlaflabor
Nitrofurantoin Bakterielle Infektionen Andere Antibiotika je nach Erkrankungsbild
Olanzapin Erregung, Wahnvorstellungen Melperon, Pipamperon, niedrig dosiertes Olanzapin (bis 10 mg/Tag, verursacht weniger Nebenwirkungen)
Oxazepam Angst, Erregungsszustände, Schlafstörungen wenige, nur notfalls kurz und niedrigdosiert je nach Einsatzgebiet Z-Drugs
Oxybutynin Überaktive Blase Leider keine. Oft hilfreich: Beckenbodentraining
Paraffin Verstopfung Laktulose, Macrogol
Pentoxifyllin Durchblutungsstörungen der Beine Leider keine. Patienten brauchen oft Gehtraining sowie Clopidrogel und Acetylsalizylsäure zum schutz vor Blutgerinseln
Perphenazin Erregung, Wahnvorstellungen Melperon, Pipamperon
Pethidin Starke Schmerzen Andere starke Poioide, etwa Morphin, Oxykodon
Phenobarbital Epilepsie Andere Antileptika, etwa Lamotrigin, Valproinsäure
Phenylbutazon Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Pirazetam Hirnleistungsstörungen Leider keine. In jedem Alter wenig geeignet
Piroxicam Schmerzen, Entzündungen Ibuprofen, Parazetamol, schwache Opioide
Prasugrel Blutverdünnung Acetylsalizylsäure (ASS) Clopidrogel
Prazepam Angst, Erregungsszustände wenige, nur kurz und niedrigdosiert anwenden. Alternative: Psychotherapie
Prazosin Bluthochdruck andere Blutdrucksenker
Reserpin Bluthochdruck andere Blutdrucksenker
Solifenacin Überaktive Blase Leider keine. Oft hilfreich: Beckenbodentraining
Sotalol Herzrhythmusstörungen Gezieltere Betablocker wie Atenolol, Metoprolol
Temazepam Schlafstörungen wenige, nur kurz und niedrigdosierte Z-Drugs. Schlafhygiene
Terazosin Bluthochdruck, Prostatabeschwerden Blutdrucksenker. Bei Prostatabeschwerden: Alfuzosin
Tetrazepam Starke Muskelverspannungen Eventuell andere Benzodiazepine, aber nur kurz und niedrigdosiert. Seit August 2013 vom Markt
Thioridazin Erregung, Wahnvorstellungen Melperon, Pipamperon
Ticlopidin Blutverdünnung Acetylsalizylsäure (ASS) Clopidrogel
Tolterodin Überaktive Blase Leider keine. Oft hilfreich: Beckenbodentraining
Tranylcypromin Depression Etwa SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) wie Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Triazolam Schlafstörungen wenige, nur notfalls kurz und niedrigdosierte Z-Drugs. Schlafhygiene
Trimipramin Depression Etwa SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) wie Citalopram, Escitalopram, Sertralin, hilfreich: Psychotherapie
Triprolidin Allergien Neuere Antihistaminika wie Cetrizin und Loratadin
Zaleplon Schlafstörungen wenige, nur notfalls kurz und niedrigdosiert Z-Drugs. Alternative: Schlafhygiene
Zolipdem Schlafstörungen wenige, nur notfalls kurz und niedrigdosiert Z-Drugs. Alternative: Schlafhygiene
Zopiclon Schlafstörungen wenige, nur notfalls kurz und niedrigdosiert Z-Drugs. Alternative: Schlafhygiene

Andreas Beez, Oliver Menner

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