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Ein Längsschnitt durch ein menschliches Gehirn.

Lampenfieber oder Prüfungsangst

Stress macht dumm, sagt eine Neurologin

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Warum reagiert unser Körper so stark auf Stress? Münchner Neurologin erklärt, warum Adrenalin und Cortisol das Gehirn schrumpfen lassen.

Lampenfieber vor einem Auftritt, Blackout in einer Prüfung – viele Menschen haben schon am eigenen Körper erfahren, dass zu viel Stress lähmen kann. Die Atmung entgleist, das Herz rast, die Hände schwitzen, im Kopf nur Chaos. Am liebsten würde man jetzt fliehen oder im Erdboden versinken. Anstatt logisch zu denken und das Geübte und Gelernte vorzutragen oder aufs Papier zu bringen, schlägt unser Denkorgan Alarm. 

Dr. Radka Cerny ist Neurologin und Psychotherapeutin.

„Das kann bei akutem Stress passieren“, so die Münchner Neurologin Radka Cerny. So unangenehm das für den Betroffenen ist, viel schwerwiegender sind die Auswirkungen von langfristigem Stress aufs Gehirn: „Ständige Überforderung und Überlastung des Menschen lassen sein Gehirn in gewissen Bereichen schrumpfen. Welche Vorgänge im Körper dafür verantwortlich sind und wie man dagegen steuern kann, erklärt die Medizinerin im Interview.

Dr. Radka Cerny: Da unser Stress-System auf den Überlebenskampf programmiert ist, reagiert unser Körper auf die anstehende Prüfung genau so wie auf den Säbelzahntiger. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der das Versagen einem Abstieg gleichkommt. Emotional fühlt sich der Mensch bedroht, die Reaktion ist daher immer gleich. 

Im Gehirn werden Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol sowie eine Reihe weiterer Steroide ausgeschüttet, um den Körper darauf vorzubereiten, zu fliehen oder zu kämpfen: Das Gehirn verlagert seine Aktivität in einen Bereich, wo es besonders aufmerksam und fokussiert ist. Alle Sinne sind aktiviert, diesen Zustand brauchen wir im Kampf oder auf der Flucht. Doch in diesem Zustand können wir nicht logisch denken oder uns auf eine Prüfung konzentrieren. 

Wer unter Lampenfieber oder Prüfungsangst leidet, kann Techniken lernen, um ruhiger zu werden. Man muss seinem Gehirn mitteilen: Hier besteht keine Gefahr für Leib und Leben, hier geht es nur darum, eine gewisse Leistung zu bringen. Viele meiner Patienten mit diesen Problemen sind gute Studenten oder erfolgreiche Menschen im Beruf. Sie alle hatten Angst vorm Scheitern. Fürs Gehirn schädlicher ist jedoch, wenn es chronisch, also ständig, unter Stress steht.

Was bedeutet Dauerstress fürs Gehirn?

Dr. Cerny: Es gilt: Wenn man sich über längere Zeit sehr anstrengt, sinkt auf Dauer die Leistung. Das ist bei allen Menschen so. Manche halten länger durch, sie haben eine große Resilienz, also die Fähigkeit, Stress abzubauen und mit Herausforderungen fertig zu werden. Das Gehirn braucht Belohnungsphasen. 

Wer hart arbeitet oder viel lernt, braucht Lob bzw. gute Noten und andere entspannende und schöne Erlebnisse. Dann werden Glückshormone ausgeschüttet, die die Nervenzellen schützen können. Wenn jedoch ständig Stresshormone ausgeschüttet werden, verkümmern gewisse Bereiche des Gehirns. Man verdächtigt besonders das Cortisol, es soll dafür verantwortlich sein, gewisse Gehirn­areale „falsch“ zu entwickeln und schrumpfen zu lassen. Mit unterschiedlichen Untersuchungen, Tests und bildgebenden Verfahren wird versucht, Veränderungen im Gehirn unter Dauerstress sichtbar zu machen. Sicher ist: Hirnmasse wird geschädigt, manchmal sogar abgebaut, wenn der Mensch Monate oder Jahre ständig Überlastungen ausgesetzt ist.

Welche Warnzeichen gibt es, wenn das Gehirn krank wird?

Dr. Cerny: Die meisten Patienten berichten von Wortfindungsstörungen, also dass ihnen Namen oder bestimmte Begriffe plötzlich nicht mehr einfallen. Eine gewisse Vergesslichkeit ist meist auch dabei. Schlüssel werden vergessen oder man ist unsicher, wann ein Termin war, ob der Herd ausgeschaltet, das Auto abgesperrt ist. Oder Kollegen oder der Partner sagen: Das haben wir aber ausgemacht, der Patient jedoch kann sich an nichts erinnern. Meistens haben diese Menschen Angst, sie könnten unter einer beginnenden Demenz leiden. Dass solche Symptome aber auch Anzeichen einer depressiven Überlastung sein können, weiß kaum jemand. 

Es gibt jedoch ganz gute Tests, mit denen man relativ sicher sagen kann, ob jemand wirklich eine beginnende degenerative Erkrankung des Gehirns hat oder ob er einfach schon zu lange unter einem zu großen Stress steht.

Gibt es Medikamente, die die Stresshormone Adrenalin und Cortisol abfangen könnten?

Dr. Cerny: Leider nicht. Das ist die große Hoffnung, dass es irgendwann mal ein einfaches und sicheres Medikament gibt, das Stress abbauen kann. Alle Beruhigungsmittel bergen entweder ein gewisses Suchtpotenzial oder haben andere Nebenwirkungen, z.B. beeinträchtigen sie die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit. Besser ist es, Angstsituationen mit mentalem Training und mit diversen Entspannungstechniken, man spricht auch von mentalem Coaching, zu begegnen, sodass der Körper die Stresshormone besser abbauen kann. Außerdem ist der Ratschlag Gold wert, für Zeiten der Entspannung zu sorgen. Das kann alles Mögliche sein: Vom Spazierengehen in der Natur über kreative Tätigkeiten bis zu bestimmten Entspannungstechniken wie z.B. Yoga oder Meditation. Wer sich nicht gut entspannen kann, sollte kurze Entspannungsübungen erst dann durchführen, wenn er sich körperlich ausgepowert hat. 

Die schlechte Nachricht ist, wie gesagt, dass dauerhafter Stress das Gehirn schädigt und Gehirnmasse abbaut. Die gute Nachricht ist, das kann zumindest zum Teil wieder rückgängig gemacht werden. Körperliche, geistige und soziale Aktivitäten haben sich als hilfreich erwiesen. Allerdings muss man sich beim Sport richtig anstrengen, damit er Erfolg hat, am besten mindestens dreimal pro Woche für 40 Minuten richtig ins Schwitzen kommen!

Erleben Sie häufig, dass sehr gestresste Menschen denken, sie litten unter beginnender Demenz?

Dr. Cerny: Ja, leider. Am besten ist es, kognitive Störungen schnell vom Spezialisten abklären zu lassen. Nur in den seltensten Fällen handelt es sich wirklich um eine Alzheimer-Demenz. Meist gibt es andere Ursachen, die zudem gut behandelbar sind. Genau das versuchen wir in unseren Praxen in Kooperation mit Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen zu tun. Dabei hilft uns auch eine neue Technik der Auswertung von Kernspintomografie. Mit sogenannter Hirn-Volumetrie ist es möglich, den Abbau der Hirnmasse oder gewisse Areale zu messen, um bessere Aussagen zur Ursache der kognitiven Störungen treffen zu können.

Die Expertin

Dr. Radka Cerny ist Neurologin und Psychotherapeutin, sie praktiziert in München in ihrer Praxis in Schwabing und in der Diagnostik München. Weitere Infos unter: www.drcerny.de oder www.diagnostik-muenchen.de.

Super-Hirn

Die magische Maschine ist etwa so groß wie zwei geballte Fäuste, wiegt 1,5 Kilogramm und hat auf den ersten Blick Ähnlichkeit mit einer überdimensionierten Walnuss. 

Unser Gehirn arbeitet wie ein Supercomputer mit geschätzten 700 Terabyte Arbeitsspeicher. 100 Milliarden Nervenzellen und Trillionen von Verschaltungen bilden einen hochkomplexen Megaprozessor – der allerdings ständig im Umbau begriffen ist. Und je weiter geforscht wird, desto deutlicher wird: Das Leben und die Umwelt prägen und formen unser Denkorgan unser ganzes Leben lang. Auf der einen Seite muss das Gehirn beansprucht werden, um leistungsfähig zu sein. Auf der anderen Seite braucht es aber auch Ruhephasen und Entspannung, sonst wird es krank.

S. Stockmann

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