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Ruhepol in einer hektischen Welt: Sigrid König, Vorständin der Landeszentrale Bayern der BKK, übt sich in Gelassenheit – sogar bei ihrem Herzensanliegen, der Prävention. Ob sie sich ärgert, dass dabei so wenig vorangeht? „Nein, damit würde ich mich nur stressen – und nichts ändern“, sagt sie.

Zur Woche der seelischen Gesundheit

Stress – der unterschätzte Krankmacher

Stress macht krank – nicht nur die Psyche. Forscher finden immer mehr darüber heraus, wie sich negative Gefühle auf den Körper auswirken. Ist der Stresspegel ständig erhöht, kann das zur Entstehung vieler körperlicher Leiden beitragen.

Von diesem Wissen kommt viel zu wenig bei den Patienten an, beklagt Sigrid König, Vorständin des Landesverbandes Bayern der Betriebskrankenkassen (BKK). Ein Gespräch über ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit und Krankheit – zur Woche der seelischen Gesundheit.

Jeder fühlt sich ab und zu gestresst. Wann wird Stress zum Problem?

Natürlich ist jeder mal in Eile und unter Druck. Kurzfristiger Stress kann sogar positiv sein. Zum Problem wird alles, was dauerhaft belastend ist – angefangen beim Arbeitsplatz, mit dem man schon lange unzufrieden ist, aber nichts unternimmt bis hin zur Beziehung, in der es einfach nicht passt. Man traut sich aber nicht, die Probleme offen anzusprechen, weil man Gewohnheiten und Glaubenssätzen verhaftet ist. Dabei gibt es einen linearen Bezug zwischen Dauerstress und Krankheit.

Also kurz gesagt: Stress macht krank. Was passiert dabei im Körper?

Vereinfacht gesagt: Stress erzeugt chemische Reaktionen, die zu Entzündungen führen. Kurzzeitigen Stress kann der Körper gut regulieren – da gehen Stresshormone hoch und wieder runter. Dauerstress führt dagegen zu ständigen Entzündungen. Das fördert chronische Krankheiten: Je nachdem, wie ein Mensch veranlagt ist, steigt das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz oder Rheuma. Das sind sehr verschiedene Krankheiten, die aber auf das gleiche Prinzip zurückzuführen sind – und zwar auf Stressauslöser, die wir nicht erkannt haben.

„Die meisten Stressauslöser  liegen in uns selbst“

Was sind das für Stressauslöser – das Handy?

Die meisten liegen in uns selbst – in Gewohnheiten, Glaubenssätzen und Ängsten. Immer nur für andere sorgen zu wollen, auf seine Umwelt zu schauen und nicht zuerst für sich selbst sorgen. Eigene Verhaltensweisen nicht zu reflektieren und zu ändern, kann ein großer Stressauslöser sein. Wenn ich also Ärger immer runterschlucke und mich nicht traue, Dinge anzusprechen. Ein Beispiel: Ein Ehemann geht in einem Ton mit seiner Frau um, der alles andere als wertschätzend ist, er schreit sie wiederkehrend an. Aber die Frau sagt nur: „So ist er eben. Ich zieh mich dann verängstigt zurück und sag zu dem Thema nichts mehr.“ Würde sie gut für sich sorgen, würde sie zum Beispiel auf den Tisch hauen und sagen: So redest du nicht mit mir! Dazu müsste sie aber ihr Verhalten ändern und zuvor ihre Einstellung.

Leichter gesagt als getan. Wie schafft man das?

Indem man sich immer wieder fragt: Geht es mir gut damit? Was würde ich tun, wenn ich den Mut hätte, etwas zu ändern? Es kann hilfreich sein, eine neutrale Position einzunehmen, sich selbst als Beobachter zu sehen. Jeder sollte versuchen, seine inneren Gefühle wahrzunehmen, achtsam zu sein und sich zu fragen: Was stresst mich, wie reagiere ich in so einer Situation und wie machen das andere? Aus dieser Selbstbeobachtung heraus kann ich sagen: Ich könnte auch anders handeln.

Wie gehen Sie mit stressigen Situationen um?

Ich habe zum einen Achtsamkeitstechniken gelernt. Vor allem aber löse ich meine Glaubenssätze auf. Solche haben wir alle seit frühester Kindheit: Um Grundbedürfnisse wie Liebe, Geborgenheit oder auch Ernährung von den großen Erwachsenen erfüllt zu bekommen, entwickeln wir als kleine Zwerge Verhaltensmuster und verlassen damit häufig unser eigenes Naturell. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir Bezugspersonen haben, die Kindern feinfühlig und mit positiver Emotionalität begegnen, die sie wertschätzen und so sein lassen, wie sie sind.

Nicht jedes Kind hat dieses Glück. Lässt sich später noch gegensteuern?

Jeder kann jederzeit seine Glaubenssätze verändern – in jedem Alter, auch noch mit 70. Wir kennen das ja bei Menschen, die noch einmal aufbrechen und sagen: Jetzt geh ich einen anderen Weg – den, der mir wirklich guttut! Natürlich braucht das Mut. Wenn ein Mensch das aber macht, können seine Entzündungsparameter sehr schnell sinken – Krankheiten können sich bessern, innere Heilung ist möglich.

Klingt gut – aber auch ein wenig so, als wären Patienten selbst schuld an ihren Krankheiten...

Nein, die Frage der Schuld stellt sich in diesem Zusammenhang nicht. Ich sehe es umgekehrt: Das Gute ist doch, dass wir selbst viel mehr tun können, als wir glauben. Wir wissen aus der Psychoneuroimmunologie (siehe Kasten), wie die Psyche, Nerven-, Hormon- und Immunsystem im Menschen zusammenwirken. Damit haben wir viele Stellschrauben, um durch eine Veränderung unserer Einstellungen und Lebensumstände etwas für unsere Gesundheit tun. Nehmen Sie das Beispiel starke Erkältung: Sie dauert mit Arzneimitteln so lang wie ohne. Unklug wäre, damit in die Arbeit zu laufen. Der Körper hat das Bedürfnis nach Ruhe, dem sollte man nachgeben. Dann muss man auch keine Medikamente nehmen.

Müsste man den Menschen nicht helfen, ihre Einstellungen zu verändern?

Ja, genau das wäre auch mein Wunsch! Die BKK macht da auch schon viel, etwa mit dem Internetangebot „Stark und positiv durchs Leben“ Unter www.bkk-starkundpositiv.de erfahren Sie viel über den Zusammenhang von Körper und Psyche, aber auch zu Resilienz und Selbstachtsamkeit. Ziel ist es, dass immer mehr Menschen solche Strategien lernen. Wir setzen dabei früh an. Mit dem Staatsinstitut für Frühpädagogik bieten wir ein Programm an, in dem wir Wissen über frühkindliche Bindungswirkung an Erzieher in Kindergärten und an Eltern vermitteln.

Das Thema liegt Ihnen offensichtlich am Herzen...

Ja. Ich will das Thema voranbringen. Weil ich glaube und es die Wissenschaft uns auch beweist, dass langfristig Gesundheit so eher funktioniert, als den Menschen immer nur wie eine Maschine zu sehen. Der Mensch ist vielschichtiger! Wir lernen aber in der Regel nicht, wie wir mit unterbewussten Verhaltensweisen umgehen und sie ändern können. Ich gehöre einer Generation an, die so erzogen wurde: Du gehst zum Arzt, der hilft dir und niemand anderer weiß, was gesundheitlich gut für dich ist. Dabei verkennen wir, dass jeder Mensch, wenn er lernt, in sich hineinzufühlen und dann gut für sich zu sorgen, sehr viel für seine Gesundheit tun kann. Also: Statt zehn Minuten Handy spielen lieber einmal zehn Minuten sich fühlen. Es ist wichtig, den Menschen zu sagen: Du kannst viel tun, damit du gesund bleibst und selbst wenn du krank wirst, kannst du viel tun, damit du wieder gesund wirst. Dieser Zusammenhang ist vielen aber nicht bekannt.

Weniger für reine Chemie und Labor - mehr für „sprechende Medizin“

Was müsste sich ändern, um das Wissen zu den Menschen zu bringen?

Man müsste einiges am Gesundheits-System umstellen! Weniger bezahlen für reine Chemie und Labor, dafür mehr für die sprechende Medizin, also das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Dieses sollte auch mehr in Richtung Coaching gehen: Wo haben sie Ärger, was sind ihre Stressoren? Es ist wichtig, die Individualität und Vielschichtigkeit der Patienten zu sehen. Der Mensch ist immer eine Ganzheit – eine Einheit zwischen Seele, Körper und Geist. Wenn ich die chemischen Abläufe einzeln betrachte, vergesse ich den Teil, der oft ursächlich oder mitverantwortlich für krankhafte Abläufe ist. Darauf schauen wir aber viel zu wenig, da auch die Ärzte im jetzigen System groß geworden sind.

Fehlt es nur am Wissen oder auch am Geld?

Die Krankenkassen werden über den Morbi-RSA, den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich, finanziert. Dieser schafft vor allem einen Ausgleich für die Morbidität, also den Krankheitszustand, der Versicherten. Für Primärprävention gibt es einen eigenen kleinen Topf. Der Risikostrukturausgleich finanziert also nicht das, was gesund machen kann. Das System unterstützt auf der einen Seite die Morbidität – da werden ja Menschen teils kränker kodiert, also aus Wirtschaftlichkeitsgründen auf dem Papier kränker gemacht, als sie sind. Man stellt den Kassen aber im Finanzausgleich keine Mittel und Anreize zur Verfügung, um die eigentlichen Ursachen von Krankheit anzugehen.

Wie könnte das anders geregelt werden?

Wir brauchen eine Umstellung – und zwar dahingehend, dass Krankenkassen belohnt werden, die etwas tun, um Menschen gesund zu halten und wieder in Gesundheit zu bringen – indem sie die genannten Zusammenhänge nutzen. Prävention kann viel mehr als Bewegung und Ernährung. Bewegung ist natürlich wichtig, weil sie Stress abbaut und regulierend wirkt. Noch entscheidender sind aber Programme, in denen man lernt, Einstellung und Verhalten zu ändern, Selbstwirksamkeit und Resilienz auszubauen.

Sie wollen solche Strategien bald auch Kranken vermitteln...

Genau. Das ist das Neue an dem von uns geplanten Selbstmanagementprojekt „Petra“ für Menschen mit rheumatoider Arthritis. Wir haben die Finanzierung dafür beim Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses beantragt. Rheumatoide Arthritis ist eine klassische Autoimmunerkrankung, wo sich das Immunsystem – natürlich meist unbewusst – gegen eigene Zellen und sich selbst richtet. Die Kunst ist, herauszufinden: Wo und wie richte ich mich mit meinen Einstellungen gegen mein eigenes Naturell. Das ist bei jedem Menschen individuell unterschiedlich. Wir wollen mit dem Projekt exemplarisch zeigen, wie Psychoneuroimmunologie wirkt.

Wie soll das Projekt konkret ablaufen?

Wenn wir die finanziellen Mittel bekommen – das entscheidet sich voraussichtlich Ende Oktober –, werden wir das Konzept genauer ausarbeiten. Angedacht sind 15 zweistündige Kurseinheiten über neun Monate. Jeder Mensch braucht Zeit, um Veränderungsprozesse leben zu können. Insgesamt sollen 400 Menschen an der Studie teilnehmen, an jedem Kurs zehn bis zwölf. Während der neun Monate und danach werden bei ihnen immer wieder Urin und Blut untersucht, um zu sehen, wie sich Entzündungswerte und andere Parameter verändern.

Was erhoffen Sie sich für die Rheumapatienten?

Dass Rheumaschübe leichter verlaufen, seltener werden oder am besten gar nicht mehr kommen; dass Medikamente reduziert werden können; dass die Menschen einen Weg finden, gut und mit weniger Arztbesuchen mit der Erkrankung umzugehen. Wir haben dazu alle mit ins Boot geholt – Psychotherapeuten, Rheumatologen, Hausärzte, die Wissenschaft.

Wenn das Projekt ein Erfolg ist, wie geht’s weiter?

Dann soll es in die Regelversorgung kommen. Es kann Modell für viele andere Autoimmunerkrankungen sein. Das Konzept ist übertragbar. Meint man Wissenstransfer ernst, kann sich in der medizinischen Versorgung viel verändern. In der Richtung müsste man viel aktiver werden. Und das, finde ich, ist auch Aufgabe eines Bundesgesundheitsministers, auch einer Bundeskanzlerin: In der Gesundheitspolitik der letzten Jahre ist wieder und wieder mehr Geld in die bestehende Maschinerie geflossen. Keiner hat sich Gedanken darüber gemacht, was man verändern könnte, um neues Wissen – wie das von mir aufgezeigte – zu den Menschen zu tragen und ihnen damit ihre eigene Gesundheitskompetenz zurückzugeben. Das würde im Übrigen auch die Ärzteschaft ganz erheblich entlasten.

Das Interview führte: Andrea Eppner.

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