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Macht Übergewicht einsam?

Wo die Probleme liegen

Studie über Fettleibigkeit: Dick und einsam?

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Die Gesellschaft grenzt dicke Menschen aus – das zeigt die Umfrage einer Krankenkasse. Und viele glauben auch, dass Fettleibige „selbst schuld“ an ihrem Zustand sind. Doch der Grund liegt woanders.

Der typische Patient von Dr. Christina Holzapfel war als Kind mollig, ist jetzt dick bis sehr, sehr dick – und hat eine „lange Diät-Karriere“ hinter sich, wie die Ernährungswissenschaftlerin sagt. „Schlank im Schlaf“, „Fleisch statt Brot“, „Zwei Kilo weg in 24 Stunden“: Auf solche Verheißungen sind viele ihrer Patienten immer wieder hereingefallen. Erst purzelten die Pfunde, dann schlug der berüchtigte Jo-Jo-Effekt zu. Und die Waage zeigte noch mehr an als vor der Diät. Irgendwann stehen sie dann verzweifelt vor den Ernährungsmedizinern der Technischen Universität München.

Fettleibigkeit, Fachausdruck Adipositas, ist eine Volkskrankheit. Am Mittwoch hat die Krankenkasse DAK eine Forsa-Befragung zum Thema veröffentlicht: Den Zahlen zufolge ist jeder vierte Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren fettleibig. Der Definition nach leidet an Fettleibigkeit, wer einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 31 und 40 hat. Der Index wird errechnet, indem man sein Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern teilt. So gilt ein 1,80 Meter großer Erwachsener ab 81 Kilogramm als übergewichtig und ab 97 Kilogramm als stark übergewichtig. Laut DAK hat sich der Anteil der Patienten mit einem BMI über 40 zwischen 1999 und 2013 mehr als verdoppelt.

"Übergewicht eine chronische Erkrankung"

Das ist ein gewaltiges gesellschaftliches Problem. „Übergewicht ist eine chronische Erkrankung“, sagt Dr. Holzapfel, Geschäftsführerin des „Kompetenznetzes Adipositas“. Dutzende Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Depressionen sind vorprogrammiert. Fettleibige Menschen sind körperlich krank – und nach Angaben der DAK einsam. Die Befragung unter 1006 Personen konzentriert sich auf das Image der Dicken in der Gesellschaft (siehe Grafiken unten). Die Zahlen belegen, dass die Betroffenen häufig stigmatisiert, verspottet oder ausgegrenzt werden. Das merkt auch Dr. Holzapfel: „Viele Übergewichtige ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, können so noch schlechter mit Angeboten erreicht werden – und nehmen weiter zu“, sagt sie. Und dadurch wird die Ausgrenzung immer schlimmer.

Ein Teufelskreis. Es gebe Untersuchungen, in denen Personalchefs Bewerbungsbilder vorgelegt wurden. Dicke hatten deutlich weniger Chancen, den Job zu bekommen, geschweige denn auf einer Führungsposition zu landen – man traute ihnen einfach weniger zu als Konkurrenten mit Normalgewicht. Das deckt sich mit den DAK-Zahlen: 71 Prozent der Befragten finden stark Übergewichtige unästhetisch, 15 Prozent meiden sogar den Kontakt mit ihnen. Auffällig ist, dass leichtes Übergewicht noch recht gelassen gesehen wird. Mehr als jeder Dritte glaubt, dicke Menschen seien „meist lustig“. Aber nur jeder Zehnte denkt, Fettleibige seien „meist lustig“.

Mehrheit glaubt an Faulheit der Fettleibigen

Die Mehrheit der Befragten glaubt auch, dass Fettleibige nur zu faul zum Abnehmen sind – darunter auch Ärzte. Die Münchner Ernährungswissenschaftlerin ist da aber anderer Meinung. „Fast niemand entscheidet sich aktiv dazu, dick sein zu wollen“, sagt Dr. Holzapfel. Die Aussage „selbst schuld“ halte sie für kritisch. Vor allem bei Kindern. Aber warum wird denn nun der eine dick oder fettleibig – und der andere nicht?

Da wäre zunächst der genetische Hintergrund. „Der ist aber nicht so stark, wie man das lange Zeit gedacht hat“, sagt Dr. Holzapfel. Massiver wirken die familiären Ernährungsgewohnheiten. Wenn es daheim zur Brotzeit immer nur Fettiges gibt, dann prägt sich das fürs Leben ein. Eine wichtige Faustregel empfiehlt die Wissenschaftlerin: „Zunehmen tut derjenige, der mehr Energie zu sich nimmt als er verbraucht.“ Klingt nach einer einfachen Regel, fast schon banal. Fast jeder zweite Befragte gibt auch an, er vermutet Bewegungsmangel oder Sitzen als Grund für Adipositas. Und trotzdem tun zu wenige etwas dagegen.

Softdrinks als Zucker-Versteck

Dazu kommt: Viele machen sich nicht bewusst, dass zum Beispiel in Softdrinks ein Vielfaches des Tagesbedarfs an Zucker steckt. Und dann natürlich die Verlockungen: der Schokoriegel an der Supermarkt-Kasse; die 1,5-Liter-Cola-Flasche, die günstiger ist als die 0,33-Dose; das Auto, das so praktisch vor der Tür steht für den kurzen Weg.

Übergewicht und Adipositas sind laut Robert-Koch-Institut ein erheblicher Kostenfaktor im Gesundheits- und Sozialsystem. Manchen helfe schließlich nur noch eine Magen-Verkleinerung, sagt DAK-Vorstand Thomas Bodmer. In der Ernährungsmedizin der TU München setzt man auf eine „ausgewogene energiereduzierte Kost“, sagt Dr. Holzapfel.

Die Regeln: Erstens darf der Patient nicht hungern – sonst geht der Stoffwechsel auf Sparflamme. Am besten werden Dickmacher im Essen durch energieärmere Alternativen ersetzt, Motto „Volumen macht satt, nicht die Kalorien“: Wer früher drei Semmeln mit Salami und Butter gegessen hat, kriegt künftig eineinhalb mit Frischkäse und Kochwurst, dazu Rohkost. Zweitens darf das gesteckte Ziel nicht zu ehrgeizig sein. Drittens soll der Patient sich nichts vornehmen, was er nicht ein Leben lang durchhalten kann. Täglich ins Fitness-Studio? Nie wieder Schokolade? Schafft kein Mensch. Und ist die anfängliche Motivation weg, ist die Diät auch gescheitert. Und der Teufelskreis beginnt von vorne.

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