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Ein Klohäuschen im Grünen: Selbst auf so einem netten stillen Örtchen wie diesem sollte man nicht zu lang verweilen – vor allem bei Problemen mit Hämorrhoiden.

KEINE FALSCHE SCHAM

Tabuthema Hämorrhoiden: Ab zum Arzt

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Stress auf dem stillen Örtchen? Das kennen viele. Aber Hämorrhoiden sind Betroffenen peinlich. Selbst, wenn es bei jedem Stuhlgang blutet und brennt. Das kann böse Folgen haben, sagt Dr. Philipp Oetting vom Enddarmzentrum München-Bavaria. 

-Über Sex zu sprechen, ist längst kein Tabu mehr. Geht es aber um Probleme mit der Verdauung, werden viele wortkarg. Warum?

Tatsächlich gilt die Verdauung und alles, was mit ihr zu tun hat, bei uns als nicht gesellschaftsfähig. Patienten wollen sich mit diesem Thema nicht auseinandersetzen. Es ist ihnen sehr unangenehm, sich am After untersuchen zu lassen. Oft schämen sie sich sogar so sehr, dass sie nicht zum Facharzt gehen.

-Meist sind Hämorrhoiden die Ursache ihrer Beschwerden. Worum handelt es sich da eigentlich?

Hämorrhoiden sind Schwellkörper im Analkanal, die jeder Mensch hat. Sie dienen dem Feinabschluss des Schließmuskel-Apparates – und wie jeder Schwellkörper bestehen sie aus Arterien und Venen. Die Hämorrhoiden sind mit einer Schleimhaut überzogen. Sie liegen im oberen Analbereich, wo wir keine sensibeln Nerven haben – sie tun somit nicht weh. Schmerzen werden zwar oft mit Hämorrhoiden in Zusammenhang gebracht. Sie treten aber nur selten auf, etwa bei sehr großen Hämorrhoiden, die aus dem After hervorgetreten sind und in denen es zu einer Thrombose gekommen ist, einem Gefäßverschluss also.

-Was spüren denn die Patienten zu Beginn?

Im ersten Stadium sind die Hämorrhoiden leicht vergrößert. Das wichtigste Symptom ist dann eine schmerzlose Blutung. Das helle Blut stammt von kleinen Gefäßen, welche die Schleimhaut der Hämorrhoiden ernähren. Wenn sich diese vergrößern, sind diese kleinen Gefäße verletzbarer. Das helle Blut kann dabei sowohl am Stuhl haften, als auch nur am Toilettenpapier sichtbar sein. Typischerweise kommt es wiederholt zu solchen Blutungen. Lange Abstände dazwischen schließen ein Hämorrhoidalleiden also nicht aus.

-Was passiert im zweiten Stadium?

Im zweiten Stadium kommt es – zusätzlich zu den Blutungen – auch zu einem Nässen und zu Juckreiz. Die vergrößerten Hämorrhoiden rutschen in den Analkanal hinein, kommen aber von selbst wieder in ihre Ausgangslage zurück. Dieses Hin- und Herrutschen belastet die Schleimhaut. Sie bildet mehr Schleim, der aus dem After austritt. Das empfindet man als Nässen. Und die feuchte Haut dort ist dann genauso empfindlich wie die Haut nach einem langen Bad. Sehr leicht entstehen kleinste Verletzungen, was die Patienten dann als Juckreiz wahrnehmen.

-Und wenn das Leiden weiter fortschreitet?

Im dritten Stadium sind die Hämorrhoiden dann so groß, dass sie beim Stuhlgang oder bei körperlicher Anstrengung aus dem After heraustreten. Sie rutschen nicht mehr von selbst zurück, der Patient muss sie zurückschieben. Liegen die Hämorrhoiden vor dem After, spürt der Betroffene diese als dumpfes Druckgefühl. Viele halten das für Stuhldrang. Gehen sie dann zur Toilette, bleibt das erfolglos. Zu den genannten Beschwerden kann ein „Stuhlschmieren“ kommen. Ausgelöst wird dies durch Hämorrhoiden, die den Schließmuskel überbrücken und wie eine Art Kurzschluss funktionieren. Im vierten Stadium schließlich sind die Hämorrhoiden dann so groß, dass auch Zurückdrücken nicht mehr gelingt.

-Ist das denn noch so harmlos?

In diesem Stadium sind aufwendigere Therapien nötig – bis hin zur Operation. Eine frühe Behandlung könnte das verhindern. Dramatisch wird es aber, wenn die Beschwerden gar nicht von Hämorrhoiden ausgelöst worden sind, sondern durch andere Erkrankungen – im schlimmsten Fall durch Krebs. Oft kaufen sich Patienten aber einfach rezeptfreie Salben, um die Symptome zu lindern. Dann bleibt das Grundleiden oft lange unerkannt. Gerade bei Krebs ist jedoch eine frühe Diagnose entscheidend für die Heilungschancen.

-Was kann man tun, damit sich die Hämorrhoiden erst gar nicht so stark vergrößern?

Ursache der Vergrößerung ist hauptsächlich ein falsches Verhalten beim Stuhlgang. Das Pressen ist dabei das Hauptproblem: Hierdurch leiert der Aufhänge-Apparat der Hämorrhoiden aus. Das erklärt, warum hauptsächlich Patienten mit einer Verstopfung unter vergrößerten Hämorrhoiden leiden.

-An einer Verstopfung leiden ziemlich viele.

Das stimmt. Das liegt maßgeblich an unseren Ernährungs- und Trinkgewohnheiten. Kurz gesagt: Wir ernähren uns zu ballaststoffarm. Das Hämorrhoidalleiden ist somit eine echte Zivilisations-Krankheit – in ländlichen Regionen Afrikas kommt sie fast nicht vor.

-Wie wird man die Beschwerden wieder los?

Grundsätzlich sollte die Therapie stets aus drei Bausteinen bestehen. Dazu gehört es, die Gewohnheiten beim Stuhlgang zu verändern – also kein Pressen mehr. Zudem versucht man, die Symptome zu lindern, etwa mit Salben. Hinzu kommt eine Verkleinerung der Hämorrhoiden.

- Wie geht das?

Es gibt verschiedene Methoden, Hämorrhoiden zu verkleinern. Die Wahl der Therapie hängt maßgeblich von deren Größe ab. Im Stadium eins können die Hämorrhoiden verödet werden. Dazu wird eine Flüssigkeit hineingespritzt, die eine Entzündung auslöst. Das wiederum führt zu einer Narbenbildung und zum Schrumpfen. Das Veröden tut übrigens nicht weh. Beim zweiten Stadium reicht ihr Effekt leider nicht aus. Dann sollte man eine „Gummibandligatur“ durchführen. Dabei schnürt man die Hämorrhoiden an der Basis mit einem Gummiband ab. Sie gehen dadurch kaputt und fallen später ab. Bei Stadium drei und vier kommen nur noch Operationen zur Verkleinerung infrage. Dabei gibt es viele verschiedene Verfahren, sodass man jedem Patienten ein individuell passendes anbieten kann.

-Vor der Therapie steht die Untersuchung – eine Hürde, an der viele bereits scheitern. Wie läuft das ab?

Die Basis einer guten Untersuchung ist ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Dazu muss man sich kennenlernen, das Gespräch braucht Zeit, gerade beim ersten Besuch. Der Arzt erklärt dabei auch, was er bei der Untersuchung des Enddarms macht. So wird der Patient nicht überrumpelt. Die Untersuchung selbst dauert nur wenige Sekunden. Sie wird mit warmen, desinfizierten Geräten durchgeführt. Der Patient liegt dabei auf der Seite oder sitzt auf einem gynäkologischen Stuhl – bei uns können sich Patienten das aussuchen. Viele schämen sich übrigens, weil sie denken, dass der Arzt bei der Untersuchung Stuhl sehen wird. Mein Tipp: Gehen Sie kurz vor dem Termin noch einmal zur Toilette, das gibt mehr Sicherheit.

-Müssen Patienten mit einem „Rückfall“ rechnen?

Es gibt leider keine Garantie, dass das Problem nicht wiederkommt – dazu müsste man die Hämorrhoiden komplett entfernen. Das würde aber zu Kontinenzbeschwerden führen, geht also nicht. Patienten können dennoch dauerhaft beschwerdefrei bleiben. Dazu ist Teamarbeit nötig: Der Arzt bringt die Hämorrhoiden auf Normalmaß und gibt Tipps, etwa zur Ernährung und Stuhlverhalten. Umsetzen muss diese dann der Patient.

-Was ist mit langen „Sitzungen“ und Lesen auf dem stillen Örtchen?

Grundsätzlich sollte man nur auf die Toilette gehen, wenn man Stuhldrang hat. Auf dem Klo selber muss der Stuhlgang nach Entspannen von allein kommen. Pressen sollte man unbedingt vermeiden. Kommt von allein nichts mehr, sollte man sich säubern und die Toilette verlassen – auch wenn noch ein Druckgefühl da ist. Oft kommt das von den Hämorrhoiden und verschwindet nach kurzer Zeit von selbst. Sollte nach 20 Minuten weiter ein Stuhldrang bestehen, kann man nochmals zur Toilette gehen. Stundenlanges Lesen auf der Toilette sollte man vermeiden, zumal in der Position oft unwillkürlich gepresst wird.

-Aber so flott geht das nicht bei jedem.

Damit das funktioniert, muss der Stuhl geschmeidig sein. Und das kann man beeinflussen. Wenn ich zum Beispiel wenig trinke, kann der Stuhl auch nicht weich sein. Etwa zwei bis zweieinhalb Liter Flüssigkeit pro Tag sollten es sein. Das ist ein grober Richtwert – andere Erkrankungen müssen mitbedacht werden, gegebenenfalls muss man einen Mittelweg finden. Beim Essen wiederum sind Ballaststoffe wichtig. Das sind Stoffe, die wir nicht verdauen, die aber Wasser binden können und somit das Gros des Stuhlvolumens bilden. Essen wir kaum Ballaststoffe, kann der Darm fast alles aufnehmen, es bleibt wenig für den Stuhlgang übrig. Der Darm hat wenig zu tun und wird träge, der Stuhl dickt weiter ein. Ballaststoffreiche Kost ist darum essenziell.

-Heißt das etwa, den ganzen Tag nur noch Vollkornprodukte essen?

Wer darauf keine Lust hat, kann zusätzliche Ballaststoffe aufnehmen. Bewährt haben sich gemahlene Flohsamen-Schalen. Dieses indische Getreide kann perfekt Wasser binden, hält so den Stuhl weich. Geben Sie morgens einen Esslöffel davon in ein Glas Wasser oder ins Müsli, danach etwa einen halben Liter Wasser trinken. Alternativen zu Flohsamen sind Leinsamen, Weizen- und Haferkleie. Auch körperliche Betätigung und ein normales Körpergewicht wirken sich positiv auf die Darmtätigkeit aus. Hilft all das nicht, kann man Stuhlweichmacher einnehmen, zum Beispiel Lactulose oder Macrogol. Beide Mittel wirken, indem sie mehr Wasser in den Darm ziehen. So machen sie den Stuhlgang weich, ohne die Darmtätigkeit zu stören. Im Gegensatz zu Abführmitteln kann man diese Mittel daher auch länger bedenkenlos einnehmen.

Angst vor Krätze? Das sollten Sie wissen

Das Interview führte Andrea Eppner.

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