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Tattoos können Kunst sein ...

Experte beantwortet die wichtigsten Fragen

Farben als Giftcocktail: So gefährlich sind Tattoos

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„Es gibt einige Dinge, die jeder bedenken sollte, bevor er zum Tätowieren geht“, sagt Professor Dr. Wolfgang Bäumler von der Dermatologischen Uniklinik in Regensburg. Bei uns beantwortet der Experte die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

Schon Ötzi, unser Vorfahr aus der Steinzeit, war tätowiert, mit zahlreichen Strichen und Kreuzen, über deren Bedeutung die Wissenschaft noch rätselt. Der Sinn moderner Tattoos ist eindeutig: Vom Namen des Liebsten über Muster bis zu farbenfrohen Gemälden – die Haut als Leinwand ist beliebt. Etwa zehn bis 15 Prozent aller Frauen und Männer in Deutschland sind tätowiert. Sie haben sich mit rund 90 schmerzhaften Stichen pro Sekunde Farbe unter die Haut pieksen lassen. 

... die Farben allerdings sind ein Giftcocktail.

Das ist nicht ohne Risiko: Etwa sechs Prozent der Tätowierten klagten in einer Studie der Uni Regensburg über bleibende gesundheitliche Probleme – das sind 500 000 Betroffene, die unter allergischen Reaktionen, besonderer Lichtempfindlichkeit, Entzündungen, Knötchen oder anderen Veränderungen leiden. „Es gibt einige Dinge, die jeder bedenken sollte, bevor er zum Tätowieren geht“, sagt Professor Dr. Wolfgang Bäumler von der Dermatologischen Uniklinik in Regensburg. In der tz beantwortet der Experte die wichtigsten Fragen zu dem Thema.

Was passiert mit den ­Farben im Körper?

Zwei Drittel der Farbe verschwinden, die Pigmente werden vom Körper als Eindringling angegriffen und abtransportiert. Wohin ist unklar. Die umfangreichsten Studien dazu gibt es von der Uni Regensburg. Professor Wolfgang Bäumler machte die unheimliche Entdeckung, dass sich Tattoo-Farben in Lymphknoten anreichern. Ist das Tattoo schwarz, färben sich die Lymphknoten schwarz, ist das Tattoo rot, werden die Lymphknoten rot, bei grünen Bildern werden die Lymphknoten grün und so weiter.

Was ist erlaubt?

Tattoo-Farben fallen durch alle Genehmigungsraster: Sie sind kein Medizinprodukt. Aber die Farben sind auch kein Kosmetikprodukt. Denn sie werden ja nicht auf die Haut aufgetragen, sondern in die Haut eingebracht. Erst im Jahr 2009 wurde in Deutschland eine Tätowiermittel-Verordnung erlassen, die jedoch nur regelt, welche bekannt giftigen und krebserregenden Stoffe nicht verwendet werden dürfen. Es gibt keine Liste mit sicheren Pigmenten, man weiß schlicht nicht, welche Pigmente sicher wären und welche nicht. Da es sich beim Tätowieren nicht um eine behandlungsbedürftige Krankheit handelt, gibt es auf diesem Bereich nur wenig Forschung.

Woraus besteht die ­Farbe?

Die Farben sind ein chemischer Cocktail mit vielen unbekannten Zutaten: Sie wurden für den Einsatz in der Industrie, z. B. für die Lackierung von Autos entwickelt, und nie für den Einsatz beim Menschen getestet oder zugelassen. Die reinsten Farben enthalten an die 90 Prozent Farbpigmente. Bei der Farbe Schwarz ist dies überwiegend Ruß. Die übrigen zehn Prozent der Inhaltsstoffe sind nicht genau bekannt. Die Hersteller halten ihre Zusammensetzungen geheim. Aber die EU hat festgestellt, dass die Farben bis zu 100 verschiedene chemische Einzelsubstanzen enthalten. Das sind Schaummittel, Emulgatoren, Stabilisatoren sowie vielfältige Lösungs- und Konservierungsmittel. Die Farbe Schwarz enthält sehr häufig z. B. auch Nickel, ein chemisches Element, auf das sehr viele Menschen allergisch reagieren.

Was sind die häufigsten Komplikationen?

Neben dem Risiko einer Infektion durch das Stechen selbst kommt es sehr häufig zu allergischen Reaktionen, zumeist zu einer Kontaktdermatitis. Es ist übrigens nicht ratsam, zunächst mit einem kleinen Tattoo an unauffälliger Stelle zu testen, ob man auf die Farbe allergisch ist. Professor Bäumler: „Beim ersten Kontakt mit dem Allergen findet eine Sensibilisierung statt, erst beim zweiten Kontakt kommt es dann zur allergischen Reaktion.“ Weitere unerwünschte Tattoo-Folgen können Rötungen, nässende Wunden und sogenannte Fremdkörpergranulome (Gewebewucherungen) sein, wenn der Körper als fremd erkannte Stoffe umschließen und einkapseln will. Über ein mögliches Krebsrisiko wird in Medizinerkreisen immer wieder diskutiert, insbesondere werden Tattoos mit Hautkrebs in Verbindung gebracht. Aber Studien, die diesen Zusammenhang beweisen würden, gibt es nicht.

Was ist ein Permanent Make-up?

„Medizinisch gesehen gibt es keinen Unterschied zum Tattoo“, sagt Professor Bäumler. Die Aussage beim Permanent Make-up werde weniger tief in die Haut gestochen, sei schlicht falsch. In beiden Fällen wird die Farbe in die sogenannte Lederhaut eingebracht, dabei ist es egal, ob ein oder drei Millimeter tief gepiekst wird. Die Stichkanäle heilen nach dem Tätowieren, und dann beginnt in der Haut ein Abbau- und Wanderungsprozess der Farbe. Bäumler: „Das Immunsystem möchte die Fremdstoffe wieder loswerden. Diesen Prozess kann niemand beeinflussen.“ Der große Nachteil beim Permanent Make-up: „Wenn etwas schiefgeht, kann man es kaum verstecken.“ Besonders auf die rote Farbe, mit der Lippenkonturen nachgezogen werden, reagieren Frauen häufig allergisch. Bäumler: „Die Lippen schwellen stark an. Und die Reaktion kann solange anhalten, wie das Allergen in der Haut ist.“ Wenn Medikamente nicht helfen, muss die Kontur herausoperiert werden. Bäumler: „Erst dann ist Ruhe.“

Tätowieren ohne Reue?

Der Tätowierer versteht sich eher als Künstler, dennoch muss er unbedingt hygienisch einwandfrei arbeiten. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat im Jahr 2014 erstmals Hygiene-Schulungen in Tattoo-Studios angeboten. Viele Studio-Besitzer haben dieses Angebot gern angenommen. Dabei fielen vor allem Mängel bei der Handhygiene auf. Jedes zehnte Studio führte die Sterilisierung von Instrumenten nicht richtig durch. Die Tätowiernadel sollte immer original steril verpackt sein und nur einmal verwendet werden. Auch offene Tattoo-Farben können eine Brutstätte für Keime sein, man sollte mit dem Tätowierer also nicht nur über das geplante Tattoo sprechen, sondern auch über die Hygiene.

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