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Per Kamera und Internet untersucht eine Schlaganfall-Spezialistin des Klinikums Großhadern in München einen Patientin im Klinikum Landsberg am Lech – und unterstützt so ihre Kollegin vor Ort mit Expertenwissen.

Das kann die Telemedizin

Schlaganfall: Ärzte beraten Patienten auf Land per Kamera

München - Bei einem Schlaganfall entscheiden Minuten. Doch Patienten auf dem Land müssen weite Wege zum Spezialisten zurücklegen. Einige Ärzte setzen nun auf moderne Telemedizin.

Bei einem Schlaganfall tickt die Uhr. Denn verschließt sich ein Blutgefäß im Gehirn, wird Gewebe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und stirbt ab. Um das zu verhindern, müssen Spezialisten das verstopfte Gefäß wieder öffnen. Minuten entscheiden dann, ob ein Patient zum Pflegefall wird.

Oder ob er weiterhin selbstständig leben kann. „Dafür müssen wir schnell genug sein“, sagt Marianne Dieterich, Professorin und Direktorin der Neurologischen Klinik am Klinikum der Universität München.

Doch das kann gerade auf dem Land zum Problem werden: Eine Stroke-Unit, also eine Spezialeinheit für Schlaganfall-Patienten, gibt es im nächsten Krankenhaus häufig nicht, oft nicht einmal eine neurologische Fachabteilung. Dabei hat die Medizin in der Versorgung von Schlaganfall-Patienten enorme Fortschritte gemacht: Die Zahl derer, die schwere Behinderungen von einem Hirninfarkt zurückbehalten oder gar daran sterben, sei viel geringer geworden, sagt Dieterich.

Damit Patienten auf dem Land vom Fortschritt nicht ausgeschlossen sind und auch sie eine optimale Therapie bekommen, setzen Ärzte in Bayern auf moderne Telemedizin.

Die Idee: Spezialisten großer Schlaganfall-Zentren beraten Ärzte in kleineren Krankenhäusern per Kamera und Internet beim Stellen der Diagnose und der Wahl der Therapie. Drei große Netzwerke, in denen Kliniken telemedizinisch zusammenarbeiten, gibt es bereits, ein viertes soll demnächst folgen. Damit wird die letzte Versorgungslücke in Bayern geschlossen.

Eins dieser Netzwerke ist „Nevas“, das „Neurovaskuläre Netzwerk Südwestbayern“. Unter der Leitung des Schlaganfall-Zentrums am Klinikum Großhadern haben sich darin 17 Krankenhäuser zusammengeschlossen.

Mehr als 2000 Mal wurde der Rat der Experten genutzt

Den Expertenrat geben die Großhaderner – und Ärzte zweier weiterer Zentren in Ingolstadt und Günzburg. Die Münchner beraten dabei die Kliniken in Fürstenfeldbruck, Landsberg am Lech, Starnberg – und Garmisch-Partenkirchen.

Wie das in der Praxis läuft, demonstrierten die Münchner kürzlich bei einer kleinen Feier im Klinikum. Der Anlass: Mehr als 2000 Mal wurde der Rat der Nevas-Experten schon genutzt. Zum kleinen Jubiläum zeigte eine Live-Schaltung ins Klinikum Garmisch-Partenkirchen, was Nevas leistet: Dr. Christopher Adamczyk, Koordinator von Nevas, drückt ein paar Tasten am Computer-System, schon erscheinen Mediziner der Regionalklinik auf einem Bildschirm – und Anton Speer, Landrat in Garmisch-Partenkirchen.

Er darf noch kurz das Netzwerk loben, bevor er näher an die Internet-Kamera geschoben wird und den Patienten geben muss: Adamczyk zoomt die Kamera auf seine Augen. So lasse sich die Pupillenreaktion prüfen, erklärt er. Einer von vielen Tests, die es den Spezialisten erlauben, sich selbst ein Bild vom Ausmaß der neurologischen Ausfälle eines Patienten zu machen. Per Internet können sie sich auch Befunde und computertomografische Aufnahmen des Gehirns auf den Bildschirm holen – und entscheiden dann mit, wie der Patient behandelt oder ob er per Hubschrauber ins Zentrum gebracht werden sollte.

Damit dabei keine Zeit verloren geht, müssen alle Beteiligten wissen, was sie zu tun haben. Nevas bietet daher Schulungen für Ärzte, aber auch Sanitäter und Infoveranstaltungen für Laien: An keinem Glied der Rettungskette soll es haken.

Wie dringend mehr Wissen und Netzwerke wie Nevas gebraucht werden, zeigt die Statistik: Allein in Bayern erleiden etwa 50 000 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall. Und die Leute werden immer älter, bis 2050 könnten sich die Zahl dadurch mehr als verdoppeln, warnt Prof. Gerhard Hamann, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Er sieht gar einen Schlaganfall-Tsunami auf uns zu rollen. „Doch mit Nevas sind wir gut gerüstet, um der Welle entgegenzutreten.“

So erkennt man einen Schlaganfall

Die beste Therapie ist nur halb so gut, wenn bei einem Schlaganfall der Notruf zu spät gewählt wird. Daher sollten auch Laien die Anzeichen kennen. Dazu gehört eine plötzlich auftretende halbseitige Lähmung oder Schwäche. Oft hängt dann ein Mundwinkel nach unten, der Betroffene spricht verwaschen und undeutlich.

Häufig ist zudem das Gesichtsfeld betroffen: Patienten nehmen eine Seite nicht mehr wahr. Manche reden Unsinn und verstehen einen nicht mehr. Drehschwindel, Koordinations-Störungen und plötzliche extreme Kopfschmerzen können dazukommen. Einige werden bewusstlos. Bei solchen Alarmzeichen sollte man nicht erst den Hausarzt anrufen, sondern sofort die 112 wählen! Mehr Infos zum Schlaganfall und einen Risikotest gibt es hier.

Andrea Eppner

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