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Wenn die Temperaturen deutlich unter null Grad klettern, ist das manchen unangenehm – es kann sogar gesundheitliche Folgen nach sich ziehen.

Experte: „Kann man sich leichter einhandeln als man denkt“

Gefährlicher Temperatursturz: So erkennen Sie Erfrierungen

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München - Die derzeitige Kälte ist nicht nur ungemütlich, sie kann auch gefährlich werden. „Bei solchen Wetterverhältnissen kann man sich leichter als man denkt eine Erfrierung einhandeln – sogar bei Plusgraden“, warnt ein Experte.

Langsam wird’s zapfig – gerade frühmorgens. Wenn sich die meisten Münchner auf den Weg zur Arbeit machen, zeigt das Thermometer oft noch Minusgrade an (Alle News in unserem Wetter-Blog). Dann kann’s richtig ungemütlich werden. Für den Körper ist die Kälte gar nicht so ohne – vor allem dann nicht, wenn auch noch Wind und Nässe dazukommen. „Bei solchen Wetterverhältnissen kann man sich leichter als man denkt eine Erfrierung einhandeln – sogar bei Plusgraden“, weiß der erfahrene Münchner Bergmediziner Dr. Walter Treibel. Die Folgen und was der Doktor rät, erfahren Sie hier. 

Andreas Beez

So gefährlich kann die Kälte werden

Berg-Experte Walter Treibel.

Mit Erfrierung ist meist eine lokale Erfrierung gemeint, so der Fachausdruck, beispielsweise an Fingern, Zehen oder an der Nase. Noch gefährlicher ist allerdings eine allgemeine Unterkühlung. „Sie kann sogar lebensgefährlich werden.“ Und auch das Herz kann durch Kälte unter Stress geraten. „Man sollte die Winterrisiken nicht unterschätzen“, warnt die Deutsche Herzstiftung. „Niedrige Temperaturen können die Blutgefäße der Haut und verschiedener anderer Körperregionen stark verengen. Der Blutdruck steigt, und das Herz muss das Blut gegen einen größeren Widerstand durch die Adern pumpen. Das kann einen hohen Dauerstress für den Herzmuskel und die Gefäßwände darstellen.“ Im großen tz-Gesundheitsreport erfahren Sie, wer bei Kälte besonders gefährdet ist, wie Sie Kälteschäden erkennen, behandeln und sich dagegen wappnen können.

Als expeditionserfahrener Bergfex weiß Dr. Walter Treibel, wie gefährlich Kälte werden kann: Er kletterte auf drei Achttausender und stand unter anderem am Südgipfel des Mount Everest. Dort oben herrscht im Winter eine Durchschnittstemperatur von minus 36 Grad – und deshalb werden die Vergleichswerte von circa minus 20 Grad im Hochsommer gerne mal als Badewetter verspottet. Wer dort oben auch nur einen Handschuh verliert, der muss mit schweren Erfrierungen rechnen. „Umso erleichterter bin ich, dass ich noch alle meine Finger und Zehen habe“, sagt der Münchner Orthopäde, der auch Vorsitzender der traditionsreichen Alpenvereins-Sektion Oberland ist.

Man muss allerdings gar nicht so weit hinaufsteigen, um Bekanntschaft mit der Kraft der Kälte zu machen. „Sie kann auch in den Münchner Hausbergen oder im Englischen Garten Probleme machen.“ Dabei spielen zwei Faktoren eine wesentliche Rolle:

Der Wind: „Die Luftschicht zwischen Kleidung und Haut speichert die Wärme. Wenn sie weggeblasen wird, friert man viel mehr“, erklärt Dr. Treibel. Je stärker der Wind ist, desto kälter fühlt sich die Lufttemperatur an – man spricht vom gefürchteten Wind-Chill-Effekt (siehe Tabelle). „Deshalb können Kleidungsstücke mit Windstopper-Materialien gerade im Winter Gold wert sein – nicht nur Jacken und Hosen, sondern auch Mützen und Handschuhe“, betont der Bergmediziner.

Die Nässe: „Feuchtigkeit bindet die Kälte auf der Haut und verstärkt ihren Effekt“, so Dr. Treibel. „Ihr Einfluss ist groß, das hat sich beispielsweise schon im Ersten Weltkrieg herausgestellt. Da bekamen viele Soldaten sogar bei acht Grad plus Erfrierungen an den Füßen, weil sie permanent im Wasser der Schützengräben standen.“ Deshalb der praktische Tipp: „Nasse Socken oder Handschuhe sollte man unbedingt wechseln. Wer länger draußen ist, sollte immer jeweils ein Ersatzpaar dabeihaben. Beim Skifahren oder Winterwandern macht zudem Funktionsunterwäsche viel Sinn, die die Feuchtigkeit von der Haut wegtransportieren.“

Das große Problem: Gerade bei größerer Anstrengung bemerken viele Wintersportler nicht, wie sie zunehmend auskühlen. Hintergrund ist die sogenannte Kreislaufzentralisation des Körpers: „Die Blutgefäße in Armen und Beinen werden enggestellt, um den Körperkern mit seinen lebenswichtigen Organen Herz, Lunge, Leber, Niere und Gehirn zu versorgen und warmzuhalten“, erläutert Dr. Treibel. „Wenn die konstante Körperkerntemperatur unter 36 Grad sinkt, verlangsamt sich der Stoffwechsel. Dann spricht man von einer allgemeinen Unterkühlung.“ Alarmzeichen sind unter anderem Muskelzittern, ein schnellerer Puls und flache Atmung. Eine Verengung der Hautgefäße kann Schmerzen bereiten. Besonders gefährdet sind Kinder unter acht Jahren und Menschen über 60.

Bei einer allgemeinen Unterkühlung gilt: Nix wie raus aus Kälte und Wind, feuchte Kleidung durch trockene Wäsche ersetzen und den Körper behutsam in Bewegung halten. „Trinken Sie heiße alkoholfreie Getränke“, sagt Dr. Treibel. „Als Faustegel gilt: Pro Liter erwärmt sich der Körper um circa einen Grad.“ Besonders gefährlich ist Alkohol im Gelände: „Die Blutgefäße der Extremitäten werden zwar erweitert und täuschen ein Wiederaufwärmen vor“, so der Arzt weiter. „Aber die Unterkühlung schreitet trotzdem weiter fort und kann lebensgefährlich werden, beispielsweise bei einem betrunkenen Obdachlosen auf der Parkbank.“

Anders als bei der allgemeinen Unterkühlung werden bei lokalen Erfrierungen nur bestimmte Körperteile in Mitleidenschaft gezogen, besonders oft Zehen, Finger, Nase und Ohren. Diese Kälte-Schäden werden in drei Grade unterschieden. Bei Erfrierungen ersten Grades ist das Gewebe weiß, fühlt sich taub an, Finger und Zehen sind beispielsweise oft steif. „Um sie wieder zu erwärmen, kann man als Erste-Hilfe-Maßnahme eine Schüssel mit warmem Wasser verwenden. Es sollte maximal 40 Grad warm sein, um das erfrorene Gewebe zu schonen. Das Bad sollte aber nicht länger als eine halbe Stunde dauern, weil sonst die Haut zu sehr aufweicht“, erläutert Dr. Treibel. Häufig geht der Aufwärmprozess mit stechenden, pochenden Schmerzen einher. „Manchmal sind sie sogar so stark, dass der Betroffene ein Schmerzmittel einnehmen muss“, weiß der Mediziner – etwa Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol.

In aller Regel hat man dann das Gröbste überstanden, lokale Erfrierungen heilen meist vollständig aus, es bleibt allenfalls eine etwas erhöhte Kälteempfindlichkeit an der betroffenen Körperstelle zurück.

„Wenn allerdings die Finger oder Zehen am nächsten Tag immer noch kalt oder gefühllos sind oder sich sogar Blasen gebildet haben, sollte man grundsätzlich zum Arzt gehen“, rät Dr. Treibel. „Denn dann kann man von einer Erfrierung zweiten Grades ausgehen, die schwere bleibende Schäden verursachen können.“ (Sehen Sie dazu auch untenstehende Tabelle zu Kälte-Schäden).

Folgen von Unterkühlung und Erfrierung: Allgemeine Unterkühlung

Stadium

Körperfunktion

Wirkungen

Erste Hilfe

1 (37 - 32 Grad Körpertemperatur)

Puls und Atmung erhöht, Hautgefäßverengung, Schmerzen

Erregungssteigerung, Kältezittern, Bewusstsein klar

Trockene Wäsche anziehen, Bewegungen

2 (32 - 28 Grad)

Puls und Atmung unregelmäßig, keine Schmerzen mehr, steife Muskeln

Erregungsabnahme, Reaktionsverlangsamung, Bewusstsein getrübt

Gute Wärmeisolation, passiver Abtransport, Hibler-Wärmepackung

3 (28 - 24 Grad)

Puls und Atmung deutlich gestört, keine Schmerzreaktion, weite Pupillen

Bewusstlosigkeit, Reaktionslähmung

Hibler-Wärmepackung, Abtransport ins Krankenhaus

4 (unter 24 Grad)

Puls nicht tastbar, weite lichtstarre Pupillen, lange Atempausen

Scheintod, Tod

ggfs. Herzdruckmassage, Abtransport in Krankenhaus mit Intensivstation


Quelle: Buch „Erste Hilfe und Gesundheit am Berg und auf Reisen“

Folgen von Unterkühlung und Erfrierung: Lokale Erfrierungen

Stadium

Körperfunktion

Wirkungen

Erste Hilfe

Grad

Wirkungen bzw. Zeichen

Prognosen

Erste Hilfe

1

Weißes, kaltes Gewebe, Gefühlsstörungen

Vollständige Heilung, eventuell lokale Empfindlichkeit

Erwärmung in Achselhöhle, aktive Bewegungsgymnastik, vorsichtige Massage

2

Blutgefäße weit gestellt, wohliges Wärmegefühl, dunkle Hautverfärbungen

Prognose erst nach ein, zwei Tagen, Infektionsgefahr, eventuell Amputation

Rasches Auftauen in 40 Grad warmem Wasser, ggfs. Schmerzmittel, keimfreier Verband

3

Gefäßverschlüsse, Gefühllosigkeit, Gewebezerstörung, starke Schwellung

Prognose nach ein, zwei Wochen, Abstoßreaktionen, meist Amputation, Heilung über Monate

Wie oben, ggfs. passiver Abtransport


Quelle: Buch „Erste Hilfe und Gesundheit am Berg und auf Reisen“


Tipps für den Notfall

In seinem Buch „Erste Hilfe und Gesundheit am Berg und auf Reisen“ gibt der Münchner Mediziner Dr. Walter Treibel viele wertvolle Tipps für verschiedene Notfälle im Gebirge und auch für kritische Alltagssituationen. Es ist im Bergverlag Rother erschienen und kostet 19,90 Euro.

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