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Freiheit und Rausch

Crystal-Meth-Aussteiger erzählt: Der Kampf um Kontrolle

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Dennis war fast die Hälfte seines Lebens auf Crystal Meth. Jetzt kämpft er sich aus dem Gefängnis seiner Sucht. Dafür musste er sich sogar von seiner geliebten Hündin Baylie trennen.

Wie viele Fußballfans, konnte auch Dennis die Partie Deutschland gegen Polen kaum erwarten. Sein Kumpel David, Dennis’ einziger Freund in München, hat ihn zum gemeinsamen Gucken zu sich nach Hause eingeladen. Als Dennis nach dem enttäuschenden Unentschieden in das Adaptionsphasenhaus in Laim – eine therapeutische Einrichtung für Suchtkranke – zurückkehrt, wird er zur Rede gestellt: Er hat die Gruppentherapie am Abend verpasst – das hat Konsequenzen.

Statt bis um 24 Uhr darf er am Wochenende nur noch bis um 19 Uhr ausgehen. Jetzt sitzt er auf dem kleinen Balkon im ersten Stock und zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an. „Das Leben ohne Drogen macht halt einfach nicht so viel Spaß“, sagt er achselzuckend.

Dennis ist 33 Jahre alt. Seit seinem 18. Lebensjahr schnupft er Crystal Meth. Seit neun Monaten ist er clean. Seit März lebt er im Adaptionsphasenhaus des Vereins Prop e.V. und plant sein Leben draußen. Dennis passt nicht so recht in das Bild, das viele von einem „Crystal-Junkie“ haben. Sein Dreitagebart ist frisch gestutzt, die blonden Haare, oben lang unten kurz, sitzen. Beim Reden tippt er hin und wieder seine hippe Hornbrille an. Jogginghose und Adiletten verraten, dass er nicht oft raus geht.

Um irgendwann suchtfrei leben zu können, hat er zunächst einige Freiheiten aufgeben müssen. Im Adaptionsphasenhaus gelten strenge Regeln: Drogen- und Alkoholtests sind Pflicht. In eine Liste tragen die Hausbewohner ein, wann sie ausgehen, wohin und um wie viel Uhr sie zurück sind.

Zusammen mit drei anderen Männern lebt Dennis in einer der fünf Wohnungen der therapeutischen Einrichtung in München Laim. Alle haben sie ein Ziel: Von hier aus in ein normales Leben starten. Auch ohne die strengen Hausregeln ein geordnetes Leben führen zu können.

Für Dennis ist die Party vorbei. „Ich wäre bestimmt irgendwann gestorben an meiner Drogensucht“, stellt Dennis fest. Viele Süchtige, die er von damals kennt, haben heute Psychosen, manche epileptische Anfälle. Er musste sich „nur“ sein rechtes Nasenloch und die Nebenhöhlen operieren lassen. Mit der rechten Seite hat er immer geschnupft.

Drauf zu sein, das sei ein geiles Gefühl, erzählt er. Er habe dann immer etwas mit sich anzufangen gewusst. Sich nun selbst den Tag zu strukturieren, das ist jetzt schwieriger: “Hier habe ich ja immer frei“, sagt Dennis.

"Das Kartenhaus fiel in sich zusammen"

Damals sei noch nicht alles so schwierig gewesen: „Nach außen hin war immer alles schön“, meint Dennis und beginnt zu erzählen. Er hatte einen festen Job, eine Wohnung, eine Freundin, einen Hund – und schnupfte fast täglich Crystal Meth. Um einschlafen zu können, rauchte er abends selbst angebautes Gras.

Seine Hündin Baylie hat Dennis weggegeben, bevor er nach München gezogen ist.

Dass er Crystal Meth-abhängig war, bemerkte lange Zeit niemand. Bis sich Dennis bei einem Unfall im Schwimmbad die Hüfte auskugelte. Monatelang konnte er nicht arbeiten, verlor seine Stelle im öffentlichen Dienst. Eines Tages stand die Polizei vor der Tür. Dennis und seine Freundin hatten in Tschechien Cannabis-Dünger gekauft. Und wurden dabei beobachtet. „An dem Tag fiel das Kartenhaus in sich zusammen“, erinnert sich Dennis.

Der Richter verurteilte ihn zu drei Monaten Haft. Dennis legte Revision ein: Therapie statt Gefängnis, so lautete der Deal. Die Beziehung zu seiner Freundin ging in die Brüche. Seine Stafford-Labrador-Mischlingshündin Baylie nahm Dennis in die Einrichtung mit.

Die Entgiftung selbst sei kein Problem gewesen. Drei Tage habe er durchgeschlafen, erzählt Dennis. Sein Bettnachbar war auf Heroinentzug. „Das ist ein schlimmer Entzug.“

Nach einem halben Jahr Therapie kehrt Dennis wieder zurück in seinen Heimatort, in seine alte Wohnung, zurück zu seinen alten Freunden. Er verlegt im Haus seiner Eltern Fliesen, anschließend in der Wohnung seiner Schwester. Einen Job findet Dennis nicht. Als die Häuser gefliest sind, wird er wieder rückfällig.

Um sich die teuren Drogen mit seinem schmalen Hartz-IV-Budget leisten zu können, reißt er aus alten Buden Kabel raus und verkauft das Kupfer auf dem Wertstoffhof. Manchmal verkauft er auch Drogen. Lebensmittel holt er sich während dieser Zeit bei der Tafel.

"Zwei Schritte vor und 100 zurück"

Sein Bio-Rhythmus gerät völlig außer Kontrolle: Manchmal ist er drei Tage durchgehend wach, danach schläft er tagelang. Dennis Eltern und seine Schwester finanzieren seine Sucht eine Weile mit – ohne es zu wissen.

Die Wohnung von Dennis verwahrlost immer mehr – am Ende betritt er sie nur noch zum Schlafen. Endlich bemerkt seine Familie, dass Dennis wieder drauf ist. Endlich begreift auch Dennis: so kann er nicht weitermachen. Heute sagt er: „Zwei Schritte vor und 100 zurück. Etwas aufzubauen ist so schwer, einreißen geht so leicht.”

Für ihn ist klar: Wenn er sich noch einmal eine Langzeittherapie antut, dann muss er weit weg gehen. Ein Sozialprojekt im Allgäu bei einer Bauernfamilie, das würde ihm gefallen. Also lässt Dennis alles hinter sich und landet zunächst im Adaptionsphasenhaus in München. Nach kurzer Zeit beschließt er, zu bleiben und nicht in die Berge zu gehen. Der Plan: So lange wie möglich unter Kontrolle sein.

Aus seinem alten Leben in Sachsen hat er nicht viel mitgenommen: Eine Kiste mit Aktenordnern, eine Collage mit Bildern seiner Familie, ein blauer MP3-Player und Fotos von seiner Mischlingshündin Baylie.

Vor seinem Umzug hat er sie abgegeben. An alte Freunde. „Konsumenten“, ergänzt Dennis. Abstinenz sei eben nicht umsonst, sagt er fast wie zu sich selbst.

Nach fast 16 Jahren mit der Droge will er endlich ein normales Leben anfangen. Ein Hobby haben, einen Job finden. Vielleicht eine nette Frau kennenlernen. Bescheidene Wünsche. Am Abend will Dennis zum ersten Mal eine freiwillige Selbsthilfegruppe besuchen. Leute kennenlernen, die es schon geschafft haben.

Ende des Monats wird Dennis in eine therapeutische Wohngemeinschaft in der Münchner Region ziehen. Seine Mitbewohner hat er noch nicht kennengelernt. Er hofft aber, dass dort jeder auf jeden achtet. Sie sich gegenseitig davon abhalten, rückfällig zu werden. Und dass er endlich wieder Fußball gucken kann, wann und wo er will. Er sich den Tag selbst einteilen darf – ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit. „Das muss einfach klappen. Ich kann ja nicht immer in irgendeiner Therapie sein.“

Nach dem Interview saßen die Autorin und Dennis eine Weile auf dem Balkon und futterten Schokolade. Irgendein Laster hat schließlich jeder.

Vanessa Fonth, 28, Volontärin bei merkur.de/tz.de

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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