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Wer ganz gesund werden will, sollte seine inneren Kräfte mobilisieren – dabei helfen Anwendungen (Wassertreten oder ein Aderlass) sowie Gespräche oder Sport.

Heilen mit der Seele

Gesund mit traditioneller europäischer Medizin

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Es gibt viele Bereiche rund um die Gesundheit, wo die traditionelle Schulmedizin an ihre Grenzen stößt. Wer sich ausgebrannt und erschöpft fühlt, wer um einen lieben Menschen oder um eine Beziehung trauert...

...wer nach einer anstrengenden Chemotherapie oder nach einem Herzinfarkt wieder zu Kräften kommen möchte – all denen helfen keine Pillen und Verschreibungen.

Diese Menschen brauchen Zeit, Zuwendung und die Möglichkeit, eigene Energien für ihre Gesundheit zu mobilisieren. Dabei kann altes Heilwissen helfen. Schwester Michaela ist Generaloberin der Marienschwestern von Karmel. In Österreich betreiben die Ordensschwestern drei Kurhäuser, in denen alte Erkenntnisse zu neuem Leben erweckt werden. Schwester Michaela und ihr Geschäftsführer Hans Hermann haben uns besucht und die Grundzüge dieser traditionellen europäischen Medizin erläutert.

So wie in der traditionellen chinesischen Medizin oder im Ayurveda das Wissen von früheren Generationen über die Gesundheit der Menschheit bewahrt wird, gibt es auch in Europa Bestrebungen, alte europäische Medizintraditionen zu erhalten. Als wesentliche Grundlagen gelten dabei das Kräuterwissen von Hildegard von Bingen sowie die Lehren des bayerischen Pfarrers Sebastian Kneipp (1821 bis 1897), der die Erkenntnisse von Medizinern und Heilern zusammengetragen und in Vorträgen verbreitet hat. Das wichtigste Zentrum für diese neue traditionelle europäische Medizin (TEM) sind die Traditionshäuser der Marienschwestern von Karmel in Österreich.

Heilwissen aus einer vergangenen Zeit

In ihrem Auftrag forschen Ärzte, Medizinhistoriker und andere Fachleute in Archiven, übersetzen Originalschriften und tragen uraltes Wissen zusammen. Der Geschäftsführer der Häuser, Hans Hermann: „Wir sind mittlerweile bei den Kelten und Druiden angekommen, die über ein umfangreiches Heilwissen verfügten.“

Die Ordensschwestern selbst begannen vor über 100 Jahren mit Kneipp-Anwendungen in ihren Kurhäusern. Eine von ihnen, Schwester Raffaela, ist als junges Mädchen durch Pfarrer Kneipp geheilt worden. Sie hörte seine Vorträge, lernte bei ihm und gab ihr Wissen, nach dem Eintritt ins Kloster, an die Schwestern weiter.

Häufig genutzt von den Kurgästen wird z. B. der Aderlass nach Hildegard von Bingen, der in den ersten sechs Tagen nach Vollmond gemacht wird. Dabei sticht der Arzt eine der Armvenen an, und das Blut tropft heraus, insgesamt geben die Menschen dabei etwa 80 ml Blut ab. Schwester Michaela: „Manche Menschen geben aber auch gar nichts her. Dann hat der Körper keinen Bedarf an einem Aderlass.“ Das Blut wird stehen gelassen, bis es sich setzt und sich nach etwa zwei Stunden der Blutkuchen gebildet hat. Schwester Michaela: „Der Arzt kann darin viel erkennen: Ist das Serum gelblich oder weißlich, deutet das auf überschüssige Fette hin. Bilden sich bestimmte Fäden, sind das Anzeichen für Entzündungen.“ Dann gibt der Arzt Empfehlungen für Kräuter und Anwendungen. Wer Wunder erwartet, wird garantiert enttäuscht: „Die Krankheiten sind nicht über Nacht gekommen, und sie verschwinden auch nicht von heute auf morgen“, so Schwester Michaela. Ihr persönlich haben ein Aderlass und die Empfehlungen des Arztes geholfen: „Meine Finger waren morgens immer steif und schmerzhaft. Das ist jetzt wieder weg.“

Kräuter und Gewürze spielen in der TEM eine große Rolle

Es handelt sich aber auch nicht um Hokuspokus – die Häuser unterliegen einem strengen Qualitätsmanagement. Andererseits ist es schwierig, die Wirksamkeit der Anwendungen wissenschaftlich zu beweisen, wie Hans Hermann erklärt: „Es ist eine individuelle Medizin. Nach der Diagnose des Arztes, bei uns sind nur Schulmediziner beschäftigt, bekommt jeder die Anwendungen und Angebote, die auf seine gesundheitliche Situation ebenso abgestimmt sind, wie auf sein seelisches Befinden. Die grundlegende Basis ist die Säftelehre nach Galen.“ Schwester Michaela betont: „Wir sehen uns ja auch nicht als Konkurrenz zur Schulmedizin, sondern wir wollen eine Ergänzung sein. Wenn ich einen Herzinfarkt habe, dann möchte ich natürlich mit allen der Schulmedizin zur Verfügung stehenden Mitteln behandelt werden. Aber danach kann mir die TEM helfen, wieder mehr Lebenskraft und Lebensfreude zu entwickeln – um dann im besten Fall wieder ganz gesund zu werden – mit den Kräften, die ich in mir mobilisieren konnte.“

sus

„Es gibt nicht die eine Substanz, die allen gleich hilft“

Sie sind ausgebildete Heilmasseurin, Bademeisterin und Krankenschwester. Behandeln Sie selbst Gäste?

Schwester Michaela Generaloberin der Marienschwestern.

Schwester Michaela: Ich persönlich bin außer Dienst. Aber es gibt Schwestern, die massieren, die Wassergüsse verabreichen und die kalten Morgenwaschungen der Gäste übernehmen. Auch für die Herstellung von Kräuterwickeln und Kräuterkegeln für Massagen sind Schwestern verantwortlich. Aber natürlich haben wir überwiegend Fachpersonal angestellt. Sehr wichtig für unsere Gäste ist, dass die Schwestern Zeit haben für Gespräche oder für gemeinsame Spaziergänge. Unsere Gäste schätzen sehr den Rhythmus des klösterlichen Lebens, den jedes Haus prägt. Obwohl die Gäste weder in Klosterzellen schlafen, noch bei den Gebeten teilnehmen müssen, lernen sie unseren Tagesablauf kennen, der geprägt ist von unaufdringlicher Spiritualität und einem Wechsel von Ruhe- und Arbeitsphasen. Das Leben und Zeitmanagement vieler Menschen ist heute, böse ausgedrückt, von Ausbeutung bestimmt: Wie kann man noch schneller, noch effizienter sein, wie kann man in kürzerer Zeit noch mehr leisten? Das bringt viele Menschen aus dem Takt, bei uns können sie spüren, wie wichtig es ist, sich Auszeiten zu nehmen.

Geht es darum, ein inneres Gleichgewicht zu finden?

Schwester Michaela: Ja, denn nur dann können wir in uns die Kräfte mobilisieren, die uns helfen, gesund zu werden. Eine ganz wichtige Rolle spielt die Ernährung, unter Einbeziehung von Kräutern und Gewürzen. Nach der traditionellen europäischen Medizin gibt es nicht die eine Substanz, die allen hilft, sondern es gibt die eine Substanz oder die Mischung, die bei einem Menschen wirkt. Wir bestimmen die vier sogenannten Archetypen der Persönlichkeit, die Temperamente: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Dabei geht es um einen Trend, kein Mensch ist eindeutig ein Typ. Ganz wichtig: Jeder Charakterzug hat seine guten Seiten, nur wenn das Temperament überschießt, wird es unangenehm. Ein Sanguiniker kann Menschen begeistern, doch wenn er nur noch Luftschlösser baut, verpufft seine Energie. Ein Choleriker kann viel bewegen, doch wenn er überhitzt, schlägt sein Wirken ins Gegenteil um. Ein Melancholiker hat die Begabung, Dinge tief zu durchdenken, wenn er jedoch zu sehr in sich versinkt, macht er sich das Leben schwer. Auf den Phlegmatiker kann man sich verlassen, aber manchmal hat er das Problem, in Schwung zu kommen. Wir versuchen nun, sehr vereinfacht gesagt, mit der Ernährung, der europäischen Reflexologie und der Kräuterbehandlung, die eher heißen Typen zu kühlen und die kühlen Charaktere anzuregen. Letztlich soll sich jeder wohl- und ausgeglichen fühlen.

Die Waschung mit kaltem Wasser im Morgengrauen klingt sehr exotisch. Inwiefern tut sie dem Körper gut?

Schwester Michaela: Das ist ganz typisch Kneipp, ein sehr guter Kältereiz, der das Immunsystem und den Körper zur Wärmebildung anregt. All unsere Waschungen und Wickel finden im Zimmer der Gäste statt. Wasseranwendungen sollen nur gemacht werden, wenn der Körper warm ist. Bei der Morgenwaschung wecken wir die Gäste und rubbeln sie mit kaltem Wasser ab. Danach legen sie sich wieder hin. Der Körper produziert eine wunderbare Wärme, die allermeisten schlafen noch einmal sehr tief ein.

sus

Infos

Die drei Betriebe der Marienschwestern von Karmel in Bad Kreuzen sowie in Bad Mühllacken (beide Mühlviertel) und in Aspach (Innviertel) unterliegen dem österreichischen Krankenanstaltengesetz, dennoch müssen die Aufenthalte privat bezahlt werden. Es gibt Kennenlernangebote mit drei Übernachtungen und Vollpension für gut 200 Euro, eine Woche Aufenthalt mit ärztlicher Diagnose und Anwendungen kostet zwischen 600 und 700 Euro. Rund 7000 Gäste haben sich dort im vergangenen Jahr erholt, betreut wurden sie von 25 Ordensschwestern, 131 Mitarbeitern und zehn Ärzten.

Weitere Infos unter:kneippen.at

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