Video: Forum mit dem tz-Bürgeranwalt

Wie gehen wir mit unseren Alten um?

München - Mittwochabend in der Alten Rotation des Pressehauses an der Bayerstraße: tz-Bürgeranwalt Dietmar Gaiser begrüßt mehr als 100 Gäste zum ersten Forum. Vielen von ihnen brennen Fragen zum Thema Alter auf der Seele.

Bürgeranwalt Dietmar Gaiser sorgt dafür, dass die Leser mit ihren Sorgen zu Wort kommen und den Experten Fragen stellen können.

Auf dem Podium sitzen Pflegeexperte Claus Fussek, Rechtsanwalt Dr. Thomas Fritz und Dr. Ottilie Randzio, Chefin des Medizinischen Dienstes (MDK), und stehen Rede und Antwort. Eher wird das Zölibat abgeschafft, als dass wir die Pflege in den Griff bekommen.“ Ein Satz, mit dem Claus Fussek wohl den meisten Gästen aus der Seele spricht. Es gibt viel Applaus und Lob für sein Engagement, obwohl er nicht auf Kuschelkurs geht, sondern auch austeilt. Er fordert Minimalstandards für die Pflege. Aber er lässt es auch nicht gelten, die Verantwortung für die Probleme in der Pflege auf die Politik und die Institutionen abzuschieben: „Kümmern Sie sich! Übernehmen Sie Verantwortung! Wer ein gutes Heim für seine Eltern sucht, muss selbst hin und nachsehen und darf sich nicht auf Berichte oder Benotungen verlassen“, sagt Fussek. Es sei schlimm, dass „die meisten besser über die Situation in Syrien oder Guantanamo Bescheid wissen als über die ihrer Mutter im Heim.“ Für Fussek ist das „kollektive Verdrängung“, und mit der müsse „endlich Schluss sein“.

Auf dem Podium (oben, v. li.): Anwalt Dr. Thomas Fritz, MDK-Chefin Dr. Ottilie Randzio und Claus Fussek.

Ebenso sollten wir nicht verdrängen, dass jeder ein Pflegefall werden kann, mahnt Rechtsanwalt Dr. Thomas Fritz: „Ein Sturz, eine schwere Kopfverletzung, es kann ganz schnell gehen!“ Für solche Fälle sollten wir vorsorgen, indem wir mit einer Patientenverfügung regeln, was mit uns passieren soll, wenn wir selbst nicht mehr für uns entscheiden können. Rechtsanwalt Fritz erzählt die bewegende Geschichte eines 40-jährigen Chirurgen, der seine Frau in einem Testament als Erbin einsetzte - und fälschlicherweise dachte, er habe damit vorgesorgt. „Dann stürzte er bei einer Radtour am Gardasee, fiel auf den Kopf und lag im Koma, ohne Aussicht, je wieder aufzuwachen.“ Weil er eben nicht tot war, nützte sein Testament gar nichts. Mit einer Vorsorgevollmacht hätte er seine Frau ermächtigen können, seine letzten Dinge zu regeln. So dagegen kann sie das nur, wenn ein Gericht sie zur Betreuerin einsetzt -- aber dann muss sie jährlich dem Gericht gegenüber Rechenschaft ablegen.
„Am besten ist es, wenn man seinen Nächsten per Vorsorgevollmacht eine Generalvollmacht erteilt“, so Dr. Fritz: „Ganz sicher fährt, wer zusätzlich eine Betreuungsverfügung schreibt. Dann hat kein missgünstiger Neider eine Chance - doppelt gemoppelt ist im Ernstfall am besten.“ Geht es darum, die Pflege eines Angehörigen zu organisieren, seien die meisten heillos überfordert, sagt Dr. Ottilie Randzio, Chefin des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK): „Das Angebot ist so komplex, Neulinge können sich in diesem Dschungel alleine kaum zurechtfinden.“

Deshalb berät der MDK kostenlos unter der Telefonnummer 0800/772 11 11. Randzio betont, dass der Dienst verpflichtet sei, die Gesetze umzusetzen, „auch wenn uns das manchmal wehtut“. Das Pflegenotensystem für die Heime habe „gravierende Schwächen“, aber der MDK dürfe eben nur prüfen, ob die Mindeststandards eingehalten sind. Zudem begutachtet der MDK die Patienten, die einen Antrag auf eine Pflegestufe gestellt haben. Bedauerlicherweise sei der Gesetzgeber auch im neuen Pflegegesetz nicht von der „stark kritisierten Minutenpflege abgerückt. Immerhin verbessert das neue Gesetz die Situation von dementen Menschen -- 18 000 Münchner sind davon betroffen, Tendenz stark steigend. Dass Demenzkranke ab Januar auch dann finanziell unterstützt werden, wenn sie keine Pflegestufe bekommen, ist für Randzio „ein Schritt in die richtige Richtung.“

Susanne Sasse 

Rubriklistenbild: © Westermann

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