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Die Betreuung ist liebevoll, das Zimmer aufgeräumt - dennoch stellen sich viele Menschen die Frage, warum die Pflegeheime dermaßen teuer sind.

Heimbetreiber erklärt die hohen Kosten

Warum ist das Pflegeheim so teuer, Herr Peter?

Knapp 4000 Euro im Monat für einen Heimplatz – wie kommen diese hohen Kosten überhaupt zustande? Gerd Peter, Geschäftsführer eines Heimbetreibers, klärt auf.

Gibt es Alternativen für Menschen, die solche Summen nicht mehr zahlen können, etwa Heime in Osteuropa oder Asien? Die tz sprach mit Gerd Peter, Geschäftsführer der städtischen Münchenstift, die neun Alten- und Pflegeheime in der Stadt betreibt.

Herr Peter, in München kostet ein Platz in einem Pflegeheim zwischen 2900 und 3800 Euro pro Monat. Warum so teuer?

Gerd Peter: Wir leisten eine Pflege und Betreuung an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr. Das ist sehr personalintensiv und deshalb eben sehr teuer. Ein Pflegeplatz bei Pflegestufe III im Einzelzimmer kostet bei uns 125,21 Euro pro Tag. Davon entfallen 83,75 Euro auf Personal und Pflegemittel wie Verbandszeug, Einmalhandschuhe und Ähnliches. 11,91 Euro kostet das Essen. Bei uns gibt es täglich sechs Mahlzeiten, zudem übers Jahr verteilt verschiedene Feste. Für ihre Unterkunft bezahlen die Bewohner 10,65 Euro pro Tag. Diese Kosten sind vergleichbar mit Mietnebenkosten, zudem ist die Reinigung der Wäsche und Ähnliches enthalten. 18,90 Euro sind reine Investitionskosten, also quasi die Miete für das Zimmer und die Kosten für Unterhalt und Erhalt des Gebäudes.

Können die Heime ihre Preise nach Marktlage und Warteliste selbst festlegen?

Gerd Peter.

Peter: Nein. Wir müssen die Preise mit den Kostenträgern, also den Pflegekassen und dem Bezirk Oberbayern, aushandeln. Also kalkulieren wir auf Basis der zu erwartenden Ausgaben im kommenden Jahr. Wir zahlen unsere Pflegekräfte tarifgebunden nach dem TVÖD, die Bezahlung ist deshalb besser als bei nicht tarifgebundenen Heimen. Was mich im Rückblick ein wenig überrascht, ist die Tatsache, dass in den 17 Jahren, die ich Geschäftsführer der Münchenstift bin, sich das Verhältnis zwischen Selbstzahlern und Sozialhilfeempfängern nicht geändert hat.

Das heißt?

Peter: Bei uns zahlen konstant mehr als die Hälfte der Bewohner selbst, etwas weniger als die Hälfte bekommt staatliche Unterstützung. Wir nehmen, anders als andere Heime, jeden auf und sortieren nicht die Sozialhilfeempfänger von vornherein aus.

Warum reichen die Leistungen der Pflegeversicherung nicht aus, um einen Platz voll zu bezahlen?

Peter: Von den monatlichen Kosten von 3819 Euro für einen Pflegeplatz bei Pflegestufe III im Einzelzimmer bei uns übernimmt die Pflegekasse 1550 Euro, 2269 Euro muss der Bewohner beziehungsweise das Sozialamt zahlen. Die Pflegeversicherung war immer nur als eine Art Teilkaskoversicherung gedacht. Sie ist besser, als man oft sagt. Bevor es sie gab, waren weit mehr Leute auf das Sozialamt angewiesen als heute. Man muss auch bedenken, dass alles viel teurer geworden ist. Überspitzt gesagt: Wenn die Mieten in München weiter so steigen, ist es irgendwann so weit, dass man im Pflegeheim günstiger wohnt als draußen.

Welche Pflichten haben Alten- und Pflegeheime?

Peter: Ein Heim ist ein hochdifferenziertes Gebilde mit Menschen, die oftmals dem Tod näher sind als dem Leben. Sie werden dort nicht gesünder und verlassen es auch nicht nach 14 Tagen geheilt wie ein Krankenhaus. Ihre nächste Station ist der Tod, auch wenn das viel zu oft ausgeblendet wird.

Was hat das zur Folge?

Peter: Im Heim kommen oft die nicht gelösten Probleme des Lebens der Bewohner zu Tage, etwa das schlechte Verhältnis zu den Kindern. Da ist nicht nur eine gute fachliche, sondern auch eine gute betreuerische Leistung nötig. Die Bewohner müssen sich aufgehoben fühlen – mit allen Ecken und Kanten. Zudem müssen sie das Gefühl haben, dass der Preis in einem angemessenen Verhältnis zur Leistung steht. Eines unserer Probleme ist, dass wir immer älter werden und damit die Demenz zunimmt. Dass dies einen kräftezehrenden Mehraufwand für das Personal bedeutet, berücksichtigt die Pflegekasse nicht. Es ist anstrengend, wenn eine Person nach dem Frühstück 20 Mal nachfragt, wann es endlich Frühstück gibt.

Kann man sagen: Teures Heim ist gleich gutes Heim?

Peter: Nein, teuer ist nicht gleich gut. In dieser Branche wird viel Geld verdient. Aber nicht alles, was verdient wird, wird überall in Qualität umgesetzt. Sonst gäbe es nicht die problematischen Heime, die die Politik vom Markt nehmen sollte. Ein gutes Heim zeichnet sich aus durch eine gute pflegerische und betreuerische Leistung und gutes Essen, eine der letzten sinnlichen Freuden im Leben. Zudem muss es eine angenehme Umgebung sein, kein Verschiebebahnhof in Richtung Tod. Die Mitarbeiter müssen mit den Bewohnern respektvoll umgehen. Wichtig ist zudem ein offener Umgang mit Kritik. Die Heime müssen die Probleme abarbeiten und dürfen sie nicht unter den Teppich kehren.

Bei den Kosten stellen sich etliche die Frage: Sind Heime in Osteuropa oder Asien die Lösung?

Peter: Ich finde den Weg, die Alten wie Atommüll ins Ausland abzuschieben, nicht gut. Es wäre zynisch und unverantwortlich, das Problem der Überalterung unserer Gesellschaft auszulagern. Wir müssen es hier lösen, schließlich haben die Menschen hier ihre Lebensleistung erbracht und haben ein Recht darauf, hier im Alter betreut zu werden. Deshalb gehört es ganz oben auf die politische Agenda, die Pflegeberufe attraktiv zu machen. Bund und Länder müssen mehr Mittel für die Alten bereitstellen. Im Jahr 2016 kommen auf 100 junge Erwerbstätige 200 Alte. Dass es nicht gehen kann, hier immer mehr die junge Generation zu belasten, liegt auf der Hand.

Interview: Susanne Sasse

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