+
Mit einer Patienten-Verfügung kann man vorab über das Ob und Wie medizinischer Maßnahmen entscheiden.

Zukunft im Alter nicht verdrängen

Wege aus der Betreuungsfalle

Was passiert, wenn ich mal nicht mehr selbst für mich entscheiden kann? Darüber sollte jeder nachdenken, solange er noch geistig fit ist. Aber viele verdrängen ihre Zukunft im Alter. Mit schwerwiegenden Folgen.

Die tz hat zwei Beispiele zum Thema Betreuungsfalle recherchiert:

Maria Müller (84):

Mai 2012: Patrizia Müller (23) macht sich große Sorgen um ihre Großmutter Maria (84). Sie lebt in einem Münchner Altenheim und hat einen Berufsbetreuer, der sich um ihre Belange kümmert – ein vom Gericht bestellter Anwalt. Ehe die Seniorin ins Heim musste, bekam sie Medikamente, die ihre schwere Darmkrankheit in Schach hielten. „Im Heim hat man diese Tabletten aus Kostengründen gestrichen“, sorgt sich die Enkelin. „Nun plagt Oma schlimmer Durchfall.“ Patrizia darf die 84-Jährige nicht zu einem anderen Arzt fahren. „Der Betreuer sagte, dies sei zu anstrengend für Oma.“

Patrizia Müller geht zu einem Anwalt. Der rät ihr, bei Gericht zu beantragen, die Betreuung ihrer Großmutter zu übernehmen. Die Kosmetikerin sorgt sich so sehr um ihre Oma, dass sie den Antrag an das Betreuungsgericht am Amtsgericht schreibt. Obwohl sie ganz andere Pläne hat: Sie möchte in Hamburg eine Ausbildung zur Visagistin machen. „Mein Traum ist es, Stars am Filmset in Szene zu setzen.“

September 2012: Patrizia Müller hat eine Zusage aus Hamburg und ihre Traumausbildungsstelle antreten. Trotz schlechtem Gewissen gegenüber der Oma teilt sie dies dem Gericht mit. Daraufhin beantragt ihre Mutter, Betreuerin von Patrizias Großmutter zu werden. Doch die Mutter ist selbst nicht gesund, sie leidet an Depressionen. Dreimal musste sie deshalb für einige Monate in die Psychiatrie. Das Gericht lehnt den Antrag der Mutter ab. Es bleibt beim Berufsbetreuer. „Maria Müller hätte mehrere Personen bevollmächtigen können, damit, falls eine ausfällt, eine andere einspringen kann“, bedauert Anwalt Fritz. „So aber stehen die Chancen schlecht.“

Erwin H. (83):

Ebenfalls im Mai 2012 erhält Erwin H., der alleine lebt, Besuch von einer Mitarbeiterin des Sozialdienstes. Der 83-jährige Münchner ist fit, nur ein wenig vergesslich. Die Dame vom Amt eröffnet ihm, dass „ein wohlmeinender Verwandter aus Fürstenfeldbruck“ darauf dränge, für ihn eine gesetzliche Betreuung einzurichten, weil er „offensichtlich betreuungsbedürftig“ sei. Hier würde betreuungsbedürftig gleichbedeutend sein mit geschäftsunfähig, stellt der Münchner Anwalt Dr. Thomas Fritz klar: „Faktisch wäre das eine Entmündigung“, sagt der Experte für Betreuungsrecht. Erwin H. fällt aus allen Wolken.

Glück im Unglück für Erwin H.: Er hat eine 40-jährige Bekannte, die sich schon seit einigen Jahren um ihn kümmert. Dieser Dame, die im Nachbarhaus wohnt, hatte Erwin H. im Jahr 2006 eine Vorsorge-Vollmacht gegeben. Das ist eine Art Generalvollmacht, nach der sie alles für ihn tun darf, was er nicht selbst erledigen kann. Die Nachbarin legt die Vollmacht vor. Es kommt zum offenen Konflikt. Der Verwandte aus Fürstenfeldbruck besteht darauf, dass sein Onkel geschäftsunfähig sei und einen gesetzlichen Betreuer brauche, den er, der Fürstenfeldbrucker Verwandte, bereits selbst vorgeschlagen hat. Das Gericht beauftragt einen Gutachter, zu untersuchen, ob Erwin H. geschäftsfähig ist. Für den alten Herrn ein entwürdigender Vorgang, obwohl sich herausstellt, dass eine Betreuung zu dem Zeitpunkt noch kein Muss wäre, weil Erwin H. seine finanziellen und gesundheitlichen Angelegenheiten noch überblickt.

Es stellte sich Folgendes heraus: Der „wohlmeinende Verwandte“ hat gerade eine Erbauseinandersetzung mit dem alten Herrn, und es wäre für ihn viel besser gewesen, wenn Erwin H. aus dem Weg geräumt gewesen wäre. Der Mann, den er als Betreuer vorgeschlagen hat, ist sein bester Freund. „Gott sei Dank war die Vollmacht für die Nachbarin da“, sagt Rechtsanwalt Dr. Thomas Fritz. Und diese Nachbarin kann darlegen, dass jemand da ist und Erwin H. zur Seite steht, falls er tatsächlich einmal geschäftsunfähig oder dement werden sollte.

Stichwort "Betreuungsverfügung"

Mit einer Betreuungsverfügung bestimmt man eine Person zum Betreuer. Die darf Angelegenheiten bezüglich Gesundheit oder Vermögen für einen regeln, wenn man das selbst nicht mehr kann. Betreuer werden vom Gericht überwacht und müssen jährlich einen Bericht abgeben. Die Betreuung hat das frühere Vormundschaftsverfahren ersetzt. Größter Unterschied: Der Betreuer ist nur für das zuständig, für das ihn das Gericht ausdrücklich bestimmt hat, also etwa Pflege- oder Geldangelegenheiten.

Stichwort "Vorsorge-Vollmacht"

„Eine solche Generalvollmacht empfehle ich jedem“, rät Rechtsanwalt Dr. Thomas Fritz. Mit ihr kann man Vertrauenspersonen bevollmächtigen, für einen zu entscheiden, wenn man das selbst nicht mehr kann, etwa nach einem Unfall. Damit werden Gerichtsverfahren vermieden, ebenso, dass eine Person Betreuer wird, die man selbst nie dazu bestimmt hätte. „Was viele nicht wissen: Die Vorsorge-Vollmacht hat Vorrang vor einer Betreuung“, sagt Fritz. Vorlagen für eine Vorsorge-Vollmacht gibt es bei der Münchner Betreuungsstelle, Telefon 089/23 32 6218/ 089/2332 6255 oder beim Bundesjustizministerium, Telefon 030/18 58 00.

Stichwort "Patienten-Verfügung"

Mit einer Patienten-Verfügung kann man vorab über das Ob und Wie medizinischer Maßnahmen entscheiden. Man regelt also, was passiert, wenn man das Bewusstsein verloren hat, etwa nach einem Unfall oder einer schweren Krankheit. Hier kann man Anweisungen an die behandelnden Ärzte erteilen für den Fall, dass nicht mehr die Aussicht besteht, dass man das Bewusstsein wiedererlangt. „Eine solche Patientenverfügung sollte man regelmäßig überprüfen, weil sich Einstellungen im Lauf des Lebens ändern können“, rät Anwalt Dr. Thomas Fritz. Vordrucke gibt es bei der Münchner Betreuungsstelle, Telefon 089/2332 62 18 089/2332 6255, oder beim Bundesjustizministerium, Tel. 030/18 58 00.

Stichwort "Gesetzliche Erbfolge"

„Ein gut durchdachtes Testament ist ein Muss!“ Dies sagt der Münchner Anwalt Dr. Thomas Fritz. „Aber nur ein Drittel der Menschen schreibt ein Testament und verhindert Streit unter den Erben.“ Existiert kein Testament, gilt die gesetzliche Erbfolge: Nach der erben die Kinder und der Ehepartner jeweils die Häfte. Für Ehegatten bietet sich das Berliner Testament an: Nach dem erbt der überlebende Ehegatte zunächst alles, und die Kinder kommen erst nach dessen Tod zum Zug. So verhindert man beispielsweise, dass die Kinder der Mutter das Haus wegnehmen. Pflegende Angehörige kann man durch einen Erbvertrag begünstigen.

Susanne Sasse

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler
Bei einem Eingriff kommt es zu Komplikationen. Am Ende steht die Frage im Raum, ob der Arzt einen Fehler gemacht hat. Vor Gericht wäre die Dokumentation der Behandlung …
Dokumentation lückenhaft: Kein Beleg für Behandlungsfehler
Freizeitsportler brauchen keine zusätzlichen Vitamine
Beim Sport wird der Körper meist mehr beansprucht als im Alltag. Da liegt der Gedanke nahe, dass ihm auch mehr Vitamine zugeführt werden müssen. Sollten Freizeitsportler …
Freizeitsportler brauchen keine zusätzlichen Vitamine
Ständig Migräne? So beugen Sie den Attacken endlich vor
Leiden Sie auch an Migräne-Attacken? Ob Wetter, zu viel Alkohol oder Stress – es gibt viele Faktoren, die sie auslösen. Doch mit diesen Tipps bleiben Sie ruhig.
Ständig Migräne? So beugen Sie den Attacken endlich vor
Ekelhaft: Raten Sie mal, was sich diese Frau ins Gesicht schmiert
Sie ist jung, hübsch und Beauty-Bloggerin: Doch Tracy Kiss hat mit Rosazea zu kämpfen. Ihr Wundermittel dagegen ist alles andere als gewöhnlich.
Ekelhaft: Raten Sie mal, was sich diese Frau ins Gesicht schmiert

Kommentare