Unterschätzte "Volkskrankheit"

Neun Millionen von Inkontinenz betroffen

Würzburg - Etwa jeder Zehnte hat seine Blase nicht im Griff. Das Thema Inkontinenz ist dennoch ein Tabu. Experten bezeichnen es gar als „verschwiegene Volkskrankheit“. Fachmediziner setzen daher auf Aufklärung.

Ob nach einer Operation, wegen des Alters oder aufgrund einer angeborenen Fehlbildung - etwa neun Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Inkontinenz. Trotz dieser hohen Zahl wird die Krankheit tabuisiert. „Das Thema ist negativ belegt. Es gibt keiner gern zu: "Ich mache in die Hose"“, sagte Klaus-Peter Jünemann, Vorsitzender der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft, am Freitag in Würzburg. In der Residenzstadt tagen bis zum Samstag rund 1000 Experten und tauschen sich fachübergreifend über Diagnose- und Behandlungsmethoden aus.

Harn- und Stuhlinkontinenz sei eine verschwiegene Volkskrankheit. Bei den über 60-Jährigen leide rund ein Viertel der Frauen und jeder zehnte Mann unter der Krankheit. Doch auch Jüngere sowie Kinder gehören zu den Betroffenen. „Nur zehn Prozent der Betroffenen werden auch adäquat behandelt. Und das ist ein großes Problem“, sagte Jünemann weiter.

Deshalb ist es wichtig, die Schweigemauer zu durchbrechen. Und zwar nicht nur auf Seiten der Betroffenen, denen die schwache Blase peinlich ist. Es gebe auch Defizite bei den Medizinern: „Inkontinenz wird auch von Ärzten bagatellisiert“, meinte Ursula Peschers, Chefärztin der Gynäkologie der Chirurgischen Klinik München- Bogenhausen. „Wenn sich Betroffene überwinden und sich endlich trauen, über ihr Problem zu reden, sollten die Ärzte zumindest die richtigen Anlaufstellen kennen“, forderte Christoph-Thomas Germer, Direktor der Allgemein-Chirurgie am Uniklinikum Würzburg.

Betroffene sollten sich trauen, kompetente Beratungsstellen anzulaufen und das Problem nicht jahrelang heimlich mit sich herum schleppen, rät die Kontinenzgesellschaft. Harninkontinenz könne ansonsten zu schwerwiegenden psychischen und sozialen Komplikationen wie Depressionen, Angstzuständen oder in die soziale Isolation führen.

dpa

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