So verstehen Sie Ihren Arzt!

München - Eine Blinddarmentzündung wird zu einer Appendizitis. Kommt eine Krankheit wieder, ist das ein Rezidiv. Wenn Mediziner fachsimpeln, kapieren Laien oft kein Wort. Wir geben ein paar Tipps, wie Sie Ihren Arzt trotzdem verstehen.

Dr. Gregory House, Medizingenie und Menschenfeind, hat einen komplizierten Fall. Der Patient hat seine halbe Lunge ausgehustet. Das Team ist versammelt, rätselt über die Diagnose: „Ein Plattenepithelkarzinom könnte es erklären“, meint Dr. Foreman. „Der FOB-Test war unauffällig“, wendet House ein. „Ein Leberamöbenabszess kann in die Lunge rupturieren“, vermutet sein Kollege. House beschließt: „Machen Sie eine thoraskopische Lungenbiopsie und eine ACE-Bestimmung. Es ist bestimmt Sarkoidose.“

Sie haben nichts verstanden? Keine Sorge. Sie leiden nicht an „Bradyphrenie“, einer Verlangsamung der geistigen Funktionen. Wenn die Halbgötter in Weiß loslegen, bleibt der Laie oft ratlos zurück – und das nicht nur bei der US-Medizinserie „Dr. House“. Schuld ist der Fachsprech, den viele Mediziner nur mit Mühe ablegen.

Selbst einfache Erkrankungen klingen darin exotisch: Schon mal von einer „Rhinitis“ gehört? Ein harmloser Schnupfen. „Flatulenzen“? Auf Deutsch nannte man das früher auch „Winde“. Nur dass diese dem menschlichen Hinterteil entfleuchen. Fragt der Arzt nach der „Miktionsfrequenz“, will er wissen, wie oft Sie pinkeln müssen. Und sagt er „idiopathisch“, hat er keine Ahnung, was die Ursache Ihrer Probleme ist. Denn idiopathische Krankheiten entstehen „aus sich selbst heraus“.

Gefahr oder Hype? Das wurde aus Schweinegrippe, BSE und Co.

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Selbst deutsche Wörter klingen im Mediziner-Mund oft fremd. So wird ein Chirurg einen Bauch nicht aufschneiden. Er wird ihn stets „eröffnen“, allerdings wenig feierlich. Ist ein Symptom so schlimm, dass klar ist: Der Patient ist krank. Dann hat es für einen Mediziner „Krankheitswert“. Sieht der Arzt im Körper etwas Unbekanntes, das Platz braucht und da nicht hingehört, spricht er von einer „unklaren Raumforderung“. Von den Kranken, die zu ihm kommen, spricht ein Experte gern als „Patientengut“. Ist eine Behandlung nötig, ist sie für einen Arzt „angezeigt“ – oder besser „indiziert“.

Doch warum meiden viele Mediziner Alltagssprache wie der Teufel das Weihwasser? „Dahinter steckt viel Pragmatik“, meint Martin Fischer, Professor für Didaktik der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Fachbegriffe seien präzise und international verständlich. Beispiel: Endokriner Pankreas. Jeder Mediziner weiß sofort, dass die Funktion der Bauspeicheldrüse als Hormonproduzent gemeint ist – im Gegensatz zum exokrinen Pankreas. Hier geht es um die Verdauungssäfte. Auf einem Kongress können ein deutscher und ein japanischer Mediziner zudem sicher sein, dass sie dieselbe Krankheit meinen und am selben Körperteil operieren wollen.

Aber auch die lange Geschichte der ärztlichen Kunst ist mitschuld am „Ärzte-Latein“. Schließlich wurde Medizin schon im Mittelalter an Universitäten gelehrt. Damals aber war die Sprache jeglicher Wissenschaft Latein – und nur Latein. Noch der Dichter Friedrich Schiller nützte als studiosus medicinae, als Medizinstudent, die Sprache der alten Römer, etwa in seiner Abschlussarbeit „De discrimine febrium inflammatoriarum et putridarum“. Zu Deutsch: „Über die Unterscheidung von entzündungsartigen Fiebern und Faulfiebern.“

Dennoch mögen manche finden, dass auch an dem ausufernden Spezialwortschatz der Medizin etwas faul ist – und dahinter Standesdünkel vermuten. Wer eine besondere Sprache spricht, ist halt auch etwas Besonderes. Den Placebo-Effekt, die Wirkung ohne Wirkstoff, kann dies übrigens durchaus fördern. Dass der Arzt selbst daran großen Anteil hat, belegen viele Studien. Denn das Vertrauen in den Heiler stärkt den Glauben an die Heilung – und führt dazu, dass selbst Medikamente stärker wirken. So helfen Mittel besser, wenn sie ein Arzt im weißen Kittel verabreicht statt einer im Pulli. Die Kleidung vermittelt Kompetenz. Und das tut auch die Fachsprache. Wer so schwierige Begriffe beherrscht, muss schließlich was auf dem Kasten haben. Und wirkt nicht auch ein Schamane besonders überzeugend, wenn er unverständliche Zauberformeln murmelt?

Nun darf man gewiss nicht jedem Mediziner Dünkel unterstellen. Und natürlich gibt es auch zweisprachige Mediziner, die im Gespräch mit dem Patienten vom Expertensprech in die Umgangssprache wechseln. „Vor allem viele Hausärzte beherrschen das sehr gut“, sagt Fischer. Doch es gibt auch die anderen, nicht zuletzt an den Universitäten. Schuld ist hier auch das Umfeld: Wer in einer fremden Sprache aufwächst, merkt am Ende kaum mehr, wenn er diese spricht – vor allem, wenn alle um ihn herum diese Sprache ebenfalls sprechen.

So ergeht es auch vielen Ärzten. Sie müssen im Studium medizinische Terminologie pauken – und das nicht zu knapp. Nach Schätzungen von Fachleuten umfasst der medizinische Sprachschatz etwa 170 000 Bezeichnungen, davon 10 000 Namen von Organ- und Körperteilen sowie etwa 60 000 Krankheiten. Ein Medizinstudent beherrscht im Schnitt immerhin etwa 6000 bis 8000 Fachwörter. Manchem ist am Ende kaum mehr bewusst, dass er für den Laien in Rätseln spricht. Der Respekt vor Kittel und Titel hindert viele Patienten dann in der Praxis daran, ständig nachzufragen – die Ärzte glauben sich verstanden.

Dass die Medizin unter einer chronischen Kommunikationsstörung leidet, hat sich inzwischen aber auch innerhalb der Zunft herumgesprochen. Und es gibt erste Heilungsansätze: Seit einigen Jahren trainieren Studenten an der Uni auch das Patientengespräch. „Wir haben dazu 80 Schauspielerpatienten“, sagt Fischer. Und die sind nicht auf den Mund gefallen – und monieren, wenn sie etwas nicht verstehen. Geforscht werde jetzt daran, wie viel Schulung nötig ist. „Die Dosis ist noch unklar“, sagt Fischer. Bis die neue Zweisprachigkeit auch die Spitze jeder Klinik erreicht hat, könne es aber noch etwas dauern.

Solange wird die Fachsprache sicher weiterhin zu einiger Verwirrung führen. Und das bereits, wenn ein Testergebnis „negativ“ ist. Viele denken dabei unweigerlich an etwas Schlechtes. Doch bei einer Untersuchung, etwa auf eine Infektion, ist das Gegenteil der Fall. Gesucht wird im Blut zum Beispiel bei HIV nach Antikörpern, nach Abwehrstoffen. Diese bildet das Immunsystem, wenn es Kontakt mit dem Erreger hatte. Keine Antikörper, keine Infektion, zumindest keine ältere. Schlägt die Suche also fehl, ist der Test „negativ“ – was für den Patienten äußerst positiv ist.

Sagt der Arzt indes, dass ein „akutes Koronarereignis“ stattgefunden hat, denkt man erst mal an nicht Böses. Doch steckt dahinter ein Herzinfarkt. Denn „Ereignisse“ sind in der Medizin generell eher unerwünscht, manchmal sogar lebensgefährlich.

Die seltensten Krankheiten der Welt

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Doch auch Verwechslungen passieren, selbst unter Experten. Eine Fehlerquelle: die Masse an Abkürzungen. Steht im Arztbrief etwa HWI, kann sich dahinter ein Hinterwandinfakt verbergen – aber auch ein Harnwegsinfekt.

Beim Laien gibt es indes andere typische Missverständnisse. So mag manch einer noch den Begriff „Hypertonie“ kennen. Übersetzt heißt das „zu hoher Druck“, gemeint ist der des Blutes. Ähnlich klingt „Hypotonie“. Doch steht der Begriff für das Gegenteil: einen zu niedrigen Blutdruck. Denn „hyper“ ist das altgriechische Wort für „über“. „Hypo“ heißt dagegen „unter“. Das sogenannte „Ärzte-Latein“ ist in vielen Fällen nämlich ein „Ärzte-Griechisch“. Das hat historische Gründe: Die ältesten Ärzte, die man mit Namen kennt, waren Griechen, etwa der berühmte Namensgeber des „hippokratischen Eides“.

Die Anatomie liebt dabei vor allem lateinische Fachwörter. Die Namen der Krankheiten kommen dagegen meist aus dem Altgriechischen wie auch viele Vor- und Endsilben. „Hyper“ und „hypo“ finden sich oft, etwa in „Hyper-“ und „Hypothyreose“ der Schilddrüsenüber- und -unterfunktion. Beginnt ein Wort mit „dys-“, bedeutet das nichts Gutes. Es heißt „schlecht“ oder „miss-“ wie etwa in „Dysfunktion“. „Syn-“ steht für „zusammen“ wie etwa in „Syndrom“. So nennt man nämlich Krankheiten, bei denen verschiedene typische Beschwerden zusammentreffen.

Auch Endungen verraten viel: Hinter Krankheiten auf „-itis“ stecken Entzündungen, hinter der „Rhinitis“ etwa eine Entzündung der Nasenschleimhaut. Dagegen verbirgt sich hinter einer „-ose“ in der Regel eine chronische, oft degenerative Krankheit. So ist das Gelenk (Arthros) bei einer „Arthrose“ abgenutzt, bei einer „Arthritis“ dagegen entzündet. Wer ein paar solcher Vor- und Endsilben und dazu ein paar Fachworte für Organe und Körperteile beherrscht, kann sich schon fast unerkannt unters Expertenvolk mischen.

Böse Zungen sagen den Ärzten allerdings auch nach, dass sie manchmal nicht verstanden werden wollen. Etwa wenn sie Kollegen etwas mitteilen, ohne dass „das Patientengut“ es merkt. Dann wird das Ärztelatein zur Geheimsprache. Rät der Arzt zu einer „Balneotherapie“, meint er: Der Patient sollte sich dringend mal wieder waschen. Schreibt er die Abkürzung „C. p.“, hält er Sie für einen „Caput piger“, einen faulen Kopf oder Drückeberger. Und diagnostiziert er eine „maligne Logorrhoe“, kann er einfach das Geplapper seines Patienten nicht ertragen.

Dumm nur, wenn der Patient ein humanistisches Gymnasium besucht hat. Dann heißt es für den Arzt „Cave linguam“ – „Hüte deine Zunge!“ Sonst könnte er es sein, der vom Patienten einen „Einlauf“ verpasst bekommt.

Von Sonja Gibis

Rubriklistenbild: © dpa

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