+
Ein Schnappschuss aus dem Österreich-Urlaub: Dieses Foto zeigt Daniela B. mit ihren Kindern (9 und 7 Jahre alt). Die Geschwister wissen, dass die Mama krank ist – wie schwer, das ist ihnen aber noch nicht bewusst. Denn sie sollen so lange wie möglich eine „gute Zeit“ haben, so wünscht es sich die Mutter.

Merkur-Sprechstunde am 14.10.

Diagnose Eierstockkrebs: „Vielleicht habe ich nur noch ein Jahr“

Daniela B. hat Krebs – und sie weiß, dass ihre Zeit begrenzt ist. Der Gedanke ans Sterben ist für die zweifache Mutter oft unerträglich. Mit ihrem Mann hat sie angefangen, den eigenen Tod vorzubereiten.

München – Vor kurzem war er wieder da, dieser Gedanke. Er hat sich in ihren Kopf geschlichen, das macht er immer öfter – und dann bleibt er erst mal, Daniela B. wird ihn einfach nicht los. Der Gedanke lautet: „Vielleicht habe ich nur noch ein Jahr.“ 

Daniela B. ist 41. Sie ist Ehefrau, Mutter von zwei Kindern – und sie ist unheilbar krank. Eierstockkrebs. „Irreparabel“, wie sie es nennt. Die dritte Chemotherapie hat sie gerade hinter sich, die nächste wird bald folgen. Daniela B. weiß: Jede Chemo eröffnet ihr zeitliche Fenster. Nicht mehr, nicht weniger. Sie weiß aber auch: Sie will, nein, sie muss diese Fenster nutzen, um zu leben – um mit ihren Kindern, 7 und 9 Jahre alt, in den Zoo zu gehen, mit ihnen zu lachen, den Moment zu genießen. Jetzt statt später. Nichts auf die lange Bank schieben. Daniela B. spürt, dass sie schwächer wird – während der Krebs an Stärke gewinnt. Deshalb kann sie sich eines nicht leisten: „Ich kann meine Zeit nicht mit der Frage nach dem Warum? verplempern“, sagt sie. Sie meint das ernst. 

Zweifelsohne ist Daniela B. eine bewundernswerte Frau. Sie will kein Mitleid, das lähme sie nur. „Ich habe meinen Frieden gefunden“, sagt sie. Doch da ist noch mehr: Daniela B. hat auch angefangen, ihren eigenen Tod vorzubereiten. Patientenverfügung, Vollmacht, letzter Wille. 

„Man weiß selbst am besten, was man will.“ Natürlich ist auch für sie der Gedanke ans Sterben oft unerträglich. Aber er wird erträglicher, wenn man ihn nicht tabuisiert – wenn man diesen letzten Weg würdevoll gestaltet, ganz bewusst. 

Die Palliativmedizin ist dabei eine große Stütze. Denn: „Sie kümmert sich nicht erst um Menschen in den letzten Lebenstagen, sondern sie kann umso mehr bewirken, je früher sie einbezogen wird“, sagt Professorin Claudia Bausewein (siehe Interview), Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Klinikum der Universität München. „Die Verbesserung der Lebensqualität kann Wochen, Monate und manchmal Jahre vor dem eigentlichen Sterben schon ein Thema sein – die Palliativmedizin hat da viel anzubieten.“ 

Daniela B. und ihr Mann wissen das. Das meiste haben sie bereits besprochen. Nur eines, darüber wollen sie noch nicht reden: den endgültigen Abschied. Gerade geht es Daniela B. „ganz gut“ – und natürlich hofft sie immer wieder mal auf ein kleines Wunder. „Vielleicht gibt es ja doch bald ein neues Medikament?“ Das fragt sie sich manchmal schon, dann, wenn sie einen Strohhalm braucht. Es ist ja nicht so, dass Daniela B. ein typischer Fall wäre. Die meisten Frauen, die Eierstockkrebs bekommen, sind deutlich älter als sie – durchschnittlich 65 Jahre alt. Viele haben eine genetische Veranlagung dazu. Daniela B. versucht positiv zu denken. „Ich bin nicht die Norm“, sagt sie. Doch die Augen vor der Realität verschließt sie freilich nicht. Die Ärzte halten sich bedeckt, keiner wagt eine optimistische Prognose. Seitdem die Krankheit entdeckt wurde, muss Daniela B. mit dieser Ungewissheit leben. Die Diagnose selbst war ein Schock. Niemand hatte mit Krebs gerechnet. Erst wenige Wochen zuvor hatte Daniela B. ein großes Blutbild machen lassen. „Die Werte waren top“, erzählt sie. Doch da wütete der Krebs schon längst in ihrem Körper. 

Daniela B. war damals mit ihrer Familie im Skiurlaub, das war im Januar 2014. „Mein Bauch schwoll an, und ich dachte zunächst: zu viele Kekse genascht.“ Doch der Bauch blieb, es hatte sich Wasser angesammelt, das ist oft ein typisches Symptom für schwere Erkrankungen. Daniela B. fühlte sich mit der Zeit immer müder. Irgendwann ging sie zum Arzt. Der untersuchte sie – und stellte zunächst eine Fehldiagnose: „Luft im Bauch.“ Sicherheitshalber nahm er aber Blut ab. Daniela B. ging wieder heim, hoffte, der Bauch würde bald kleiner werden. Doch er wuchs. „Ich sah aus, als wäre ich schwanger“, erzählt sie heute. Dann bekam sie einen Anruf aus der Arztpraxis: Sie solle kommen, es stimme etwas nicht mit ihrem Blut. Es folgte eine weitere Untersuchung, dann ein Ultraschall. Danach musste Daniela B. ins Krankenhaus. Nach zehn Tagen, an einem kalten Donnerstag Ende Februar 2014, erfuhr sie schließlich: „Sie haben Eierstockkrebs.“ 

Eine Krankheit, die man nicht sofort erkennt, das ist das Tückische – und an die man bei Daniela B. auch offensichtlich erst mal nicht gedacht hatte, weil sie ja so viel jünger ist als die Durchschnittspatientinnen. Eine Woche später wurde sie operiert. Wenige Tage danach bekam sie die erste Chemo. Anfangs schlug die Therapie an, doch das änderte sich bald. „Nach drei Monaten kamen die Tumore wieder“, erzählt Daniela B. „Der Eierstockkrebs hat überlebt.“ Wie krank die Mama ist, wissen die Kinder noch nicht. „Mein Mann und ich wollen ihnen die ,gute Zeit’ nicht nehmen“, sagt Daniela B. Demnächst möchte die Familie in die USA, eine Traumreise – außerplanmäßig, denn bis zu den Sommerferien sei es zu lang hin. „Wir haben keine Zeit zum Warten“, sagt Daniela B. „Wir müssen jetzt fahren, nicht später.“

von Barbara Nazarewska


Daniela B. wird bei der Merkur-Sprechstunde am 14. Oktober dabei sein und von persönlichen Erfahrungen berichten.

Info zur Veranstaltung am 14.10. / Merkur-Sprechstunde:

Merkur-Sprechstunde: Hier können Sie sich anmelden

„Würde geben auf dem letzten Weg“: Unter diesem Motto steht unsere nächste Merkur-Sprechstunde am 14. Oktober. Es geht um das Thema Palliativmedizin – und um die Frage: Wie soll man sich auf den letzten Weg vorbereiten? Unsere Experten, u.a. PD Dr. Dr. Berend Feddersen, Leiter der „spezialisierten ambulanten Palliativ-Versorgung“ an der LMU, Prof. Dr. Christian Stief, Direktor der Urologischen Klinik der LMU und den Lesern bekannt von „Stiefs Sprechstunde“, sowie Ludger Bornewasser, Anwalt bei „Advocatio“ und Experte für das Thema "Patientenverfügung", werden Ihnen medizinische und juristische Ratschläge geben, zudem alle Ihre Fragen beantworten. Darüber hinaus erhalten Sie Broschüren und weiteres Infomaterial zum Mitnehmen. Einige Podiumsgäste werden auch von persönlichen Erfahrungen berichten: Daniela B. wird erzählen, wie sie und ihre Familie mit einer tödlichen Krebserkrankung umgehen – Barbara Stäcker, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren: Ihre Tochter Nana starb an Krebs. Lydia Staltner, die sich mit dem Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ um bedürftige Rentner aus der Region kümmert (ein Projekt, das unsere Zeitung unterstützt), wird aufzeigen, wie Einsamkeit diesen letzten Weg erschwert und was man dagegen tun kann. Pfarrer David W. Theil wird aus theologischer Sicht sprechen. Sie wollen dabei sein? Melden Sie sich bitte an – die Teilnahme ist kostenlos.

Die „Merkur-Sprechstunde“ findet am Mittwoch, 14. Oktober, ab 18 Uhr im Veranstaltungssaal (Alte Rotation) des Münchner Pressehauses, Paul-Heyse-Str. 2-4, statt. Geben Sie bitte die gewünschte Teilnehmerzahl an. Schicken Sie uns eine E-Mail: mitarbeit.wissenschaft@merkur.de Sie erhalten eine Bestätigung.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Krebserkrankung: Deuten Sie die Warnsignale richtig
Die Krebsneuerkrankungen steigen mit jedem Jahr. Doch manche sind, wenn sie früh erkannt werden, erfolgreich zu behandeln. Achten Sie daher auf folgende Warnzeichen.
Krebserkrankung: Deuten Sie die Warnsignale richtig
Junge hat ständig Heißhunger - aus einem traurigen Grund
Er hat ständig Hunger und fühlt sich dennoch immer kurz vorm Verhungern: Der kleine Evan leidet an einem unstillbaren Appetit, der sein Leben zur Hölle macht.
Junge hat ständig Heißhunger - aus einem traurigen Grund
Schneller schlank und fit: Das ist die beste Zeit für Sport
Wer abnehmen möchte, muss auch Sport treiben, damit Kalorien und Fett verbrannt werden. Doch wann ist es am effektivsten?
Schneller schlank und fit: Das ist die beste Zeit für Sport
Frau wird plötzlich bewusstlos - aus rätselhaftem Grund
Plötzlich geht die Frau mitten im Hallenbad unter – es gab keine Vorzeichen. Was danach diagnostiziert, klingt unglaublich.
Frau wird plötzlich bewusstlos - aus rätselhaftem Grund

Kommentare