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Volkskrankheit Schwindel: Jeder Dritte muss mit Attacken rechnen

Volkskrankheit Schwindel

Das Karussell im Kopf

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Jeder kennt das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren – nach einer schwungvollen Fahrt im Karussell oder weil man sich, wie Kinder es gern tun, vor lauter Übermut im Kreis gedreht hat, bis man nur noch schwankend das Gleichgewicht hält. Schwindel kann jedoch krank machen.

Patienten können nicht mehr aufstehen und müssen sogar mit Infusionen versorgt werden. „30 Prozent aller Menschen müssen damit rechnen, mindestens einmal im Leben eine starke Schwindelattacke zu erleiden“, sagt der Neurologie-Professor Dr. Helge Topka (Foto) vom Klinikum Bogenhausen. Er sieht viele Schwindel-Patienten, die als Notfälle eingeliefert werden. Wir sprachen mit Professor Topka über die Entstehung und Therapie von Schwindel.

Schwindel als Alarmzeichen

Wie entsteht Schwindel?

Neurologie-Professor Dr. Helge Topka vom Klinikum Bogenhausen

Professor Helge Topka: Schwindel bedeutet immer, dass unser Gleichgewichtssystem gestört ist. Es ist sozusagen ein Alarmzeichen. Es gibt viele Arten von Schwindel und daher auch viele verschiedene Ursachen. Es kann mit den Augen zusammenhängen, also als harmlose Ursache sogar durch eine neue Brille ausgelöst werden. Es kann mit dem Herzkreislauf-System und der Durchblutung des Gehirns zusammenhängen, also z. B. durch Medikamente gegen Bluthochdruck. Schwindel kann auch bei Herzrhythmusstörungen auftreten. Eines unserer beiden Gleichgewichtsorgane in den Ohren kann falsche Signale senden, der Nerv ist möglicherweise entzündet und leitet die Signale nicht korrekt weiter. Schwindel ist meist nicht lebensbedrohlich, kann aber im Alltag sehr belastend sein. Daneben gibt es auch Arten, die sich tarnen und harmlos erscheinen, aber in Wirklichkeit ein Schlaganfall im Klein- oder Stammhirn sind, der lebensbedrohlich werden kann. Andere Schwindelformen beruhen auf einer Migräne.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Topka: Manchmal entwickelt sich ein Symptom langsam über viele Monate, das ist zum Beispiel häufiger bei älteren Menschen der Fall. Zuerst fällt ihnen ihre Gangunsicherheit vielleicht gar nicht auf, aber auf einmal merken sie, dass etwas nicht stimmt. In dieser Situation sollte man den Hausarzt aufsuchen. Auch wenn die neue Brille oder ein Medikament zu Problemen führen. Er kann dann helfen, den Spezialisten zu finden, wenn notwendig. Aber bei plötzlichen, sehr heftigen Attacken, wenn man z. B. unerwartet beim Aufstehen das unangenehme Gefühl hat, es zieht einen nach rechts und man fällt gleich, dann sollte man sich sehr schnell in eine Klinik bringen lassen, um keine Zeit zu verlieren, falls es sich um einen Schlaganfall handelt. Es gibt auch Attacken, die mit starker Übelkeit einhergehen, die sind meist nicht lebensbedrohlich, aber diese Patienten sind so krank, dass sie über Tage nicht aufstehen können. Diese Patienten sind so schwer beeinträchtigt, dass sie als Notfälle in die Klinik aufgenommen werden.

Können Sie allen Patienten gut helfen?

Topka: Zuerst müssen wir die Ursache des Schwindels finden. Zunächst werden wir die Patienten befragen, ob es sich eher um einen Drehschwindel wie beim Karussellfahren, einen Schwankschwindel wie beim Bootfahren oder einen Benommenheitsschwindel handelt. Mit neurologischen Untersuchungen finden wir dann heraus, welches System im Gleichgewichtssinn gestört ist. Das geht mit einfachen Tests, zudem stehen uns in unserem Schwindellabor vielfältige Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Manche Schwindelarten können sehr leicht erkannt werden, wie der häufige Lagerungsschwindel, der durch eine ganz bestimmte Augenbewegung gekennzeichnet ist. Selbst wenn der Anfall schon vorüber ist, können wir in unserem Spezial-Labor pathologische Augenbewegungen noch sichtbar machen. Von der Ursache hängt natürlich die Therapie ab: Ein Schlaganfall wird anders behandelt als eine Migräne oder die sehr häufige Form des Lagerungsschwindels oder eine Nervenentzündung. Manchmal sind Gehirnveränderungen durch Multiple Sklerose oder ein Tumor die Ursache. Wir können oft helfen, aber es gibt auch leider Patienten, da können wir die Attacken vielleicht mildern, aber sie müssen mit dem Schwindel leben.

Interview: S. Stockmann

Die typischen Schwindel-Krankheiten

Name Symptome Ursache Therapie
Lagerungs-
schwindel

Durch das Verlagern des Kopfes oder des Körpers ausgelöste, kurze, aber heftige Drehschwindel-attacken mit Übelkeit und Erbrechen.

Winzige Kristalle
oder Steinchen
im Bogengang berühren empfindliche Sensoren und signalisieren Bewegung,
obwohl der Kopf
still ist.
Durch
Lagerungstraining (gewisse Kopfbewegungen
in einer
festgelegten Reihenfolge)
werden
die Ablagerung in
weniger empfindliche
Teile der Bogengänge geschwemmt
Phobischer Schwankschwindel Beim Anblick z. B. von steilen Rolltreppen in die Tiefe kommt es zu Schwindel-
attacken und Angstgefühlen. Auch im Supermarkt oder beim Autofahren kann es zu Attacken kommen.
Die Patienten beobachten sich
und ihre Balance übermäßig, Störung des räumlichen Gefühls.
Von der Erklärung,
was im Kopf
passiert,
über Desensibilisierungs-
training bis zu Antidepressiva. Therapie richet sich danach, wie stark
der Patient in
seinem Alltag
belastet ist.
Neuropathia vestibularis

Innerhalb von Minuten
bis Stunden einsetzender starker Schwindel, oft begleitet von starker Übelkeit und Brechreiz. Meist erhebliche Gangunsicherheit mit Fallneigung zur kranken Seite.

akute Entzündung der Gleichgewichts-
nerven
Behandelt wird medikamentös,
Cortison hilft, die Entzündung rasch abklingen zu lassen.
Zentral-vestibuläre Schwindelformen Plötzlich auftretende Schwindelattacken mit starker Übelkeit. Die Ursache liegt meist im Hirnstamm oder im Kleinhirn, wo Informationen falsch verarbeitet werden. Auch Störungen der Augenbewegung, z. B. durch Lähmung eines Nervs können eine Ursache sein. Eine genaue
Anamnese muss
die Ursache der Attacke finden,
dann kann eine gezielte Behandlung erfolgen. Bei Entzündungen
des
Zentralnerven-
systems kann hochdosiertes Cortison intravenös helfen.
Vestibuläre Migräne Drehschwindel- oder Schwankschwindel-
attacken von Minuten bis Stunden, oft gefolgt von eher leichtem Kopfweh.
Ursache ist eine Migräne. Behandlung
der Symptome
mit Medikamenten, auch
vorbeugende Behandlung möglich.

Ambulanz für alle

Aufgrund der geltenden Gesundheitsgesetze werden Schwindelpatienten im Klinikum Bogenhausen nur stationär behandelt. Wer häufiger mit Schwindelattacken kämpft, kann mit der Schwindelambulanz des Klinikums Großhadern einen Termin vereinbaren: 089/70 95 69 80.

Das Gleichgewicht sitzt im Ohr

Das Gehirn nutzt, um uns in Balance zu halten, im Wesentlichen drei Informationsquellen: die Bilder vom Auge, die Informationen von Rezeptoren an der Haut und den Gelenken der Beine sowie die Meldungen aus den beiden Gleichgewichtsorganen, die im Innenohr sitzen. Unser Ohr ist nämlich nicht nur fürs Hören zuständig, sondern es ist für unseren Gleichgewichtssinn von zentraler Bedeutung.

Im Innenohr befindet sich das Gleichgewichtsorgan, das aus drei annähernd kreisrunden Bögen besteht, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Jeder Bogengang mündet in einer Ausbuchtung, der Ampulle, in der sich Sinneshärchen befinden, die bei jeder Kopfbewegung durch die Flüssigkeit in einen der drei Bogengänge hineingezogen werden und dieses als Bewegungsinformation ans Gehirn weiterleiten. Professor Topka: „Wenn diese drei Systeme Informationen schicken, die nicht zusammenpassen, dann wird uns schwindlig: Also das Auge sieht z. B. beim Bootfahren eine feste Reling an, der Körper fühlt aber Bewegung, das passt nicht zusammen - wir fühlen uns komisch schwindlig. Das ist auch der Grund, warum vielen Menschen in Fahrsimulatoren übel wird. Es ist sehr schwer die Bewegung des Simulators mit dem Bild auf dem Schirm so in Einklang zu bringen, dass unser Gleichgewichtssinn die Täuschung nicht merkt.“

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