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Selbst der Weihnachtsmann gerät manchmal in Stress.

Tödlicher Stress

Weihnachten: So groß ist die Herzinfarkt-Gefahr

München - Erleiden an normalen Tagen rund 30 Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt, sind es an den Weihnachtsfeiertagen über 40! Die tz sprach mit dem Stressexperten und Unternehmensberater Jürgen Schuster, wie man der Weihnachtsfalle entkommen kann.

Noch acht Tage bis Weihnachten, nur noch 192 Stunden Zeit, um daheim alles vorzubereiten und im Job die letzten Projekte abzuschließen. Stress pur, statt stade Zeit mit besinnlichen Abenden vorm Kerzenschein. Der Dezember wird von vielen Menschen als besonders hektisch und anstrengend erlebt. Ob wir wollen oder nicht, unsere Gedanken kreisen um Weihnachten und seine Organisation – das Fest der Liebe ist zum Fest der Anforderungen mutiert. Mit gefährlichen Folgen: Auf Stress reagiert unser Körper mit ständiger Alarmbereitschaft. Wer gesundheitlich vorbelastet ist, z. B. unter Bluthochdruck oder Atherosklerose bzw. der koronaren Herzkrankheit leidet, feiert die Heilige Zeit unter Lebensgefahr! Die Krankenkasse DAK hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, die das belegt: Erleiden an normalen Tagen rund 30 Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt, sind es an den Weihnachtsfeiertagen über 40! Der Grund: Stress erhöht den Blutdruck und verengt die Gefäße – eine möglicherweise tödliche Bescherung. Die tz sprach mit dem Stressexperten und Unternehmensberater Jürgen Schuster, wie man der Weihnachtsfalle entkommen kann.

Interview mit Jürgen Schuster

Alle Jahre wieder geraten wir an Weihnachten unter Druck und lernen nicht daraus. Warum ist das so?

Jürgen Schuster ist Unternehmensberater und Experte in Sachen Erschöpfung. Er schreibt Bücher und hält Vorträge und Workshops zu den Themen Leistung und Gesundheit Weitere Infos: www.juergenschuster.com

Jürgen Schuster: Ich beobachte, dass viele Menschen aus Weihnachten ein richtiges Projekt machen, so wie wir es im Beruf gewöhnt sind. Auch an Weihnachten wollen wir richtig gut sein: Wir wollen die beste Einladung haben, das leckerste Essen auftischen, die Wohnung soll blitzblank und liebevoll dekoriert sein, die Geschenke allen große Freude machen, und die Familie soll sich harmonisch zusammenfinden. Wir haben unsere ganze Leistungsorientierung in dieses Fest hineingetragen. Besser haben es übrigens Menschen, die gläubig sind. Menschen, die in der Religion verwurzelt sind, feiern Weihnachten deutlich entspannter, einfach weil für sie der wahre Sinn des Festes im Mittelpunkt steht.

Laut einer Umfrage sind enttäuschte Erwartungen der häufigste Grund, warum es an Weihnachten zum Streit kommt.

Schuster: Wenn wir zu viel in ein Ereignis hineininterpretieren, ist das Enttäuschungspotenzial immer besonders groß.

Wie kann man dem Teufelskreis entkommen?

Schuster: Wir können uns klar- machen, dass wir das ganze Jahr im Beruf und in der Familie mehr als genug leisten. Es wäre schön, wenn wir an Weihnachten loslassen und uns selbst und unsere Erholung in den Vordergrund stellen könnten. Wir haben so viele Feiertage wie sonst nie im Jahr. Die können wir einfach uns selbst schenken, indem wir mal chillen, wie es so schön heißt, also ein Buch auf der Couch lesen, in ein Museum gehen oder daheim Musik hören. Ein gewisser gesunder Egoismus gehört zum Leben dazu: Wenn ich mich nicht selbst schütze, wer soll es dann tun? Ich plädiere generell für Reduktion, man kann z. B. auf Geschenke verzichten. Immer, wenn man Stress hat, sollte man sich die Sinnfrage stellen. Für Weihnachten bedeutet das, ich muss mir klar werden: Wie will ich feiern? Mache ich den ganzen Aufwand für mich oder für andere? Will ich überhaupt so viele Menschen beschenken und an Weihnachten sehen?

Da riskiert man dann schon im Vorfeld Streit mit der Verwandtschaft. Schließlich will man ja auch keinen enttäuschen.

Schuster: Wer dem aus dem Weg gehen will, sollte einfach verreisen. Aber was heißt enttäuschen? Wir sollten uns an Weihnachten nicht genauso selbst ausbeuten, wie wir es oft das ganze Jahr über im Beruf tun. So viele Menschen leisten mehr, als sie eigentlich können, und leiden letztlich unter Stresskrankheiten und Burnout. Wer es jedoch genießt, möglichst viele Menschen einzuladen und zu beschenken, sollte sich vom Perfektionismus verabschieden. Denn perfekt wollen wir nicht für uns selbst sein, sondern nur für die anderen. Wir wollen Fehler in den Augen der anderen vermeiden. Aber damit setzen wir eine sehr hohe Messlatte, die großen Druck erzeugt. Eine gute Möglichkeit ist es, die Vorbereitungen locker angehen zu lassen, und wenn nicht alles klappt, kann man gelassen bleiben. Man kann sich mal einen Vormittag freinehmen, um Geschenke zu besorgen. Da sind die Geschäfte und Parkplätze noch leer.

Woran merkt man, dass einem alles zu viel wird?

Schuster: Der Körper spricht den ganzen Tag mit uns, wir brauchen nur zuhören. Man merkt es an einem kurzen, flachen Atem, an Gesichtsröte und Herzklopfen. Kalte Hände und kalter Schweiß unter den Achseln oder kalte schweißnasse Füße sind typische frühe Stresszeichen. Dann sollten wir uns schleunigst eine Auszeit gönnen: Im nächsten Café einen Cappuccino trinken oder daheim eine halbe Stunde nichts tun. Aber wer richtig unter Stress steht, findet schwer Entspannung. Das braucht dann schon richtiges Training, ich rate übrigens zum Kraftsport. Muskeltraining ist nachgewiesenermaßen hilfreicher als Ausdauertraining, um danach zu entspannen.

Selbst wenn die Vorbereitungen gut gelaufen sind, kommt es beim Fest oft zum Streit, weil der Kreis der Lieben eben nicht so harmonisch ist, wie man es sich wünscht. Kann Streit reinigend wirken?

Schuster: Das erlebe ich selten. In meiner Welt, wo es viel um Stress geht, erlebe ich eher, dass uralte Dinge wieder aufgekocht werden. Da sind wir wie Elefanten: Kränkungen aus der Vergangenheit wissen wir noch extrem gut. Dazu kommt die enthemmende Wirkung des Alkohols. Wenn Dinge unausgesprochen gären, über Jahre oder manchmal sogar über Jahrzehnte, dann kommen sie unter Alkoholeinfluss wieder auf den Tisch. Wir alle kennen die Menschen, mit denen wir in der Verwandtschaft nicht so gut können. Wenn wir uns entschieden haben, die Einladung anzunehmen, dann sollten wir uns an das andere Ende des Tisches setzen und im Zweifelsfall weniger trinken. Aber es gibt immer noch die Möglichkeit, nicht alles mitzumachen. Man muss nicht zu jedem Familientreffen gehen, man kann diese Zeit für sich nutzen, dann ist man auch entspannter fürs nächste Zusammensein.

So macht uns der Stress krank

In der Entwicklungsgeschichte des Menschen war es überlebenswichtig, schnell zu reagieren. Stressreaktionen laufen daher automatisch ab. Erkennt unser Gehirn eine Gefahr, setzt es eine Kaskade von Reaktionen in Gang, die wir deutlich körperlich spüren. Über die Ausschüttung von bestimmten Hormonen und Botenstoffen wird unserem Organismus in kürzester Zeit ein hohes Maß an Energie zur Verfügung gestellt, das Reaktionsvermögen des Menschen ist stark erhöht. Das äußert sich darin, dass das Herz schneller schlägt, die Atmung sich beschleunigt, die Muskeln werden angespannt, die Arterien verengt, die Pupillen weiten sich. Die Tätigkeit der Verdauungs- und Geschlechtsorgane wird runtergefahren – der Mensch ist bereit zur Flucht oder zum Kampf.

In modernen Zeiten müssen wir – zumindest bei uns – zum Glück weder um unser Leben laufen noch kämpfen. Aber die Reaktion unseres Körpers bleibt gleich – egal ob der Mensch gestresst ist, weil er einem hungrigen Raubtier oder dem ewig nörgelnden Onkel Emil gegenübersteht. Nicht nur der plötzliche Anstieg des Blutdrucks und die Verengung der Arterien kann bei herzkranken Menschen zum Infarkt führen, auch dauernder Stress kann krank machen. Mittlerweile weiß man, dass die ständige Alarmbereitschaft des Körpers das Immunsystem schwächt, Bakterien und Viren haben daher leichtes Spiel.

S. Stockmann

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