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Reise ins Innere des Verdauungsorgans

Merkur- Sprechstunde

Wenn der Darm Krawall macht

Wenn die Verdauung verrückt spielt, ist das unangenehm. Ist der Darm zudem chronisch entzündet, kann das auch gefährlich werden. Die Besucher der Merkur-Sprechstunde erfuhren, wie man die Probleme in den Griff kriegen kann.

Er ist bis zu acht Meter lang, von Billionen winziger Wesen bewohnt und hat mehr Nerven als das Rückenmark: Aus Sicht eines Mediziners ist der Darm ein äußerst faszinierendes Organ. Funktioniert er allerdings nicht, wie er sollte, bekommen die Betroffenen Beschwerden, die großes Leiden bedeuten – und über die kaum einer offen spricht.

Vergangenen Mittwoch strömten die Besucher ins Münchner Pressehaus, um dieses Tabu zu brechen. Thema im vollbesetzten Veranstaltungssaal waren diesmal „chronisch entzündliche Darmerkrankungen“. Die beiden häufigsten sind Morbus Crohn, benannt nach dem Magen-Darm-Experten Burrill Crohn, sowie die Colitis ulcerosa, eine Entzündung des Dickdarms.

Darm: Von Zotten und Bakterien

Darm: Von Zotten und Bakterien

Um festzustellen, um welche Krankheit es sich handelt, muss man zunächst in den Darm blicken. Prof. Wolfgang Schmitt, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie am Städtischen Klinikum München-Neuperlach, führte die Zuschauer in das Innere des Organs. Auf der Leinwand reisten sie durch einen langen Tunnel. Dessen Wände waren zunächst einfarbig rotbraun, dann von Adern durchzogen. „Der Kenner sieht hier sofort: Das ist jetzt der Dickdarm“, sagte Schmitt.

Das Leiden beginnt dabei oft scheinbar harmlos

Die beste Methode, um diesen unteren Abschnitt des Darms zu untersuchen, bleibt die Darmspiegelung, die Koloskopie. Ein Endoskop, ein schlauchförmiges Gerät mit einer Kamera, wird eingeführt, während der Patient im Dämmerschlaf liegt. Trotz der Möglichkeit einer virtuellen Koloskopie, bei der ein Computertomograf den Patienten durchleuchtet, sei die Spiegelung noch immer „unverzichtbar“, erklärte Prof. Brigitte Mayinger, Chefärztin der Medizinischen Klinik II des Klinikums München-Pasing. Sie allein erlaubt den direkten Blick auf die gesamte Oberfläche des Darms. Nur so kann der Arzt unterscheiden, ob es sich etwa um einen flachen Polypen oder Stuhlreste handelt. Für die Diagnose ist zudem eine Gewebeprobe nötig.

Nicht so leicht gibt der Dünndarm sein Innenleben preis. Doch auch in ihn können Mediziner heute blicken. Und das nicht nur von außen mit einer speziellen Röntgen- oder Kernspin-Methode. Per Kapsel-Endoskopie erhalten sie Bilder von seinem Inneren. Dabei schluckt der Patient eine etwa zwei Zentimeter große Kapsel mit einer Kamera, die durch den Darm reist – und dabei Fotos schießt.

Professoren vor Publikum: Moderator Prof. Christian Stief mit den Referenten Prof. Burkhard Göke, Prof. Brigitte Mayinger, Prof. Wolfgang Schmitt und Prof. Stephan Brand (v. li.)

Eine exakte Diagnose ist wichtig. Denn hinter Beschwerden wie Durchfall und Bauchschmerzen können auch andere Ursachen stecken, etwa Infektionen oder Medikamente. Halten die Probleme mindestens vier Wochen an, sollte man einen Arzt aufsuchen. Was dahintersteckt, kann am besten ein Magen-Darm-Spezialist, ein Gastroenterologe, klären. Das Leiden beginnt dabei oft scheinbar harmlos. Doch kann eine chronische Darmentzündung sogar lebensbedrohlich werden. Die Betroffenen haben zudem nicht nur oft Bauchschmerzen, Blut im Stuhl, Fieber und Gelenkprobleme. Hinzu können Pusteln auf der Haut, Entzündungen der Augen und Gallenwege kommen. Immer wieder kommt es zu Schüben, zu Phasen, in denen die Erkrankung zu schweren Problemen führt. Dazwischen fühlen sich Betroffene oft wieder gesund. „Doch ist es eine lebenslange Krankheit“, sagte Mayinger. Gehen die Probleme nicht mehr zurück, kann der Körper austrocknen, Mangelerscheinungen treten auf. Gefürchtet sind auch Verengungen, die sogar zu einem Darmverschluss führen können. Typisch sind auch Fisteln und Abszesse. Doch lässt sich eine chronische Darmentzündung heute oft in den Griff bekommen. Moderne Medikamente helfen, Schübe zu verhindern.

Zu viel Hygiene in der Kindheit

Auch wenn Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zu ähnlichen Beschwerden führen können, gibt es Unterschiede: So ist bei der Colitis nur der Dickdarm betroffen. Die Entzündung ist in Richtung des Darmausgangs meist stärker und nimmt nach oben hin ab. Da im Dickdarm viele Gefäße sind, kommt es öfter zu blutigem Durchfall. Betroffen ist zudem nur die Darmschleimhaut. Anders bei Morbus Crohn: Hier dringt die Entzündung tiefer, bis ins Muskelgewebe. Sie kann zudem über Dünndarm und Speiseröhre bis in die Mundhöhle reichen. Betroffen ist aber nicht der gesamte Verdauungstrakt. Zwischen den entzündeten liegen meist gesunde Darmabschnitte. Blutungen sind seltener, dafür leiden Betroffene öfter unter starken Bauchschmerzen.

Wie die Krankheit entsteht, ist noch unklar. Sicher ist: Das körpereigene Immunsystem spielt eine Rolle. Dieses ist aber nicht etwa geschwächt. „Im Gegenteil: Es ist auf Krawall getrimmt“, erklärte Prof. Burkhard Göke, Direktor des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Experten vermuten, dass zu viel Hygiene in der Kindheit dazu beiträgt, dass es außer Kontrolle gerät.

Die Zuschauer hatten viele Fragen. Bei der Merkur-Sprechstunde hatten sie die Gelegenheit, diese anonym auf einen Zettel zu schreiben. Eine Auswahl der Antworten finden Sie am Mittwoch auf der Seite „Leben“. Ein Leser notierte einen Kommentar: „Vielen Dank für diesen Hoffnung machenden Abend.“

Von Sonja Gibis

Leserfragen und Antworten der Experten der Merkur-Sprechstunde finden Sie hier:

Kranker Darm: Experten geben Antwort

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