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Voller Sehnsucht: Ein älteres Paar blickt auf einen See hinaus. Es wünscht sich Enkel. Aber die kommen einfach nicht.

Verhinderte Großeltern

Wenn der Enkelwunsch unerfüllt bleibt

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Es ist ein großes Tabu – verbunden mit viel Schmerz: Wieso haben wir keine Enkel? Das fragen sich viele verhinderte Großeltern. Unsere Expertin Christine Büchl gibt Antworten zu diesem heiklen Thema. 

-Immer mehr Ältere leiden unter ihrem unerfüllten Enkelwunsch – woher kommt das?

Bei 1,4 Geburten pro Frau in Deutschland liegt das Problem auf der Hand: Bei so wenigen Kindern gibt es natürlich immer mehr verhinderte Großeltern. Die Ursachen dieser geringen Geburtenzahl sind schon lange bekannt – das Verschieben des Kinderwunsches auf ein späteres Lebensalter, schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, oft fehlt auch der Partner. Und: eine wachsende Anzahl von Männern will einfach kein Kind.

-Von ungewollt Kinderlosen wird oft gesprochen, die ungewollt Enkellosen sind häufig kein Thema ...

Dabei haben sie viele Gemeinsamkeiten! Eine ganz große heißt „Ausgrenzung“: Sowohl ungewollt Kinderlose, als auch ungewollt Enkellose können in zahlreichen sozialen Situationen nicht mitreden – und sind unter Erklärungsnot, warum es denn keinen Nachwuchs gibt. Die älteren Paare leiden massiv am Leiden ihrer Kinder! Ihnen tut es weh, dass sich ein Herzenswunsch ihrer Tochter oder ihres Sohnes partout nicht erfüllt.

-Wenn die Enkel nicht kommen: Wie können verhinderte Großeltern das Thema ansprechen?

Am besten, sie sprechen dieses wirklich sehr heikle Thema behutsam an – idealerweise unter vier Augen: zum Beispiel von Mutter zu Tochter, von Mutter zu Schwiegersohn oder von Vater zu Sohn. Bloß nicht beim Mittagessen zu viert! Es ist übrigens nicht schlecht, den Mann – den Sohn oder Schwiegersohn – allein zu fragen. Männer sehen dieses Thema meist sachlicher, brechen nicht so leicht in Tränen aus wie die betroffenen Frauen.

-Ganz konkret: Was sagt man am besten?

Die Einleitungsfrage kann lauten: „Darf ich Dich etwas fragen, was mich sehr beschäftigt? Ist Eure Kinderlosigkeit freiwillig oder ist sie ungewollt? Ich möchte Dir nicht zu nahe treten! Wenn Du nicht antworten möchtest, ist das in Ordnung.“ Ist die non-verbale Reaktion heftig, etwa erröten, fast in Tränen ausbrechen, ist von einer ungewollten Kinderlosigkeit ohnehin auszugehen – selbst wenn erst mal etwas anderes geantwortet wird.

-Was können noch Hinweise auf eine ungewollte Kinderlosigkeit bei den eigenen Kindern sein?

Unsere Expertin: Christine Büchl ist Diplom-Sozialpädagogin und Paartherapeutin mit eigener Praxis. Sie ist vor allem in München, Siegsdorf/Traunstein und Augsburg tätig. Sie berät auch Paare in einer Kinderwunsch-Behandlung (www.ivf-beratung.de).

Man kann von einer ungewollten Kinderlosigkeit beim Sohn oder bei der Tochter ausgehen, wenn diese früher immer von Kindern geredet haben – und dies auf einmal nicht mehr tun. Wenn auf Familienfeiern auffallend der Kontakt zu Kindern gemieden wird. Oder wenn ein Partner – meist der Mann – sehr viel mit den anwesenden Kindern spielt, während die Frau dies vermeidet. Zudem: Wenn Karriere und Urlaub machen sehr betont werden, obwohl beide Partner im Grunde Familienmenschen sind. Und: Wenn Termine und Treffen häufig kurzfristig – um nicht zu sagen zyklisch – abgesagt werden. Dahinter stecken nicht selten Behandlungen in Kinderwunsch-Kliniken oder die Mitteilung negativer Ergebnisse – „wieder nicht schwanger“.

-Was dürfen verhinderte Großeltern in solchen Situationen nie machen?

Zuerst einmal geht es eher um die Art, wie ungewollt Enkellose das Thema ansprechen. Es darf nicht flapsig sein, nach dem Motto: „Was ist denn bei Euch los? Wollt Ihr nicht oder könnt Ihr nicht?“ Man darf auch nicht ganz verschämt oder gar aufdringlich herüberkommen. Absolut tabu ist das öffentliche Ansprechen des Themas, etwa bei Familienfeiern. Das „Wem sage ich was und wie viel“ ist einzig und allein dem betroffenen kinderlosen Paar zu überlassen!

-Was sollten ungewollt Enkellose noch beachten?

Sie sollten die Sterilitätsursache, also die Ursache der offensichtlichen Unfruchtbarkeit, nicht automatisch der Frau zuschieben. Die Aussage „Sie kann keine Kinder kriegen“ stimmt oft nicht! In 50 Prozent der Fälle liegt die Ursache beim Mann. Nur wird das Problem der Männer – in der Fruchtbarkeits-Behandlung – an der Frau therapiert. Sie ist ja diejenige, die das Kind austrägt.

-Apropos Kinderwunsch-Behandlung – wie sollten potenzielle Großeltern damit umgehen?

Hier ist Zurückhaltung angesagt. Die IVF, also die künstliche Befruchtung, ist eine emotionale Achterbahnfahrt für das betroffene Paar; es muss dabei erst einmal selbst mit seinen Gefühlen zurechtkommen. Es wird also kaum Energie haben, auch noch sein nahes Umfeld mit Informationen zu versorgen. Eine Ausnahme ist natürlich, wenn die Tochter oder der Sohn die eigenen Eltern aktiv einbezieht. Am besten ist dann die Aussage der potenziellen Großeltern: „Ich bin für Dich da – wenn Du mich brauchst.“ Kurzum: Tägliche Anrufe, ob die Frau in der IVF-Behandlung schon etwas spürt, sind tabu. Und bitte: keine ideologische Diskussion um das Thema Fruchtbarkeits-Behandlung!

-Was heißt das?

Die ältere Generation kann eine IVF-Behandlung oft nicht richtig einordnen. „Monströs“, „unnatürlich“ – diese Schlagworte fallen gern. Viele verhinderte Großeltern fragen sich auch oft: Warum klappt es nicht einmal auf künstlichem Weg? Die Antwort: Auch mehrere künstliche Befruchtungen führen nur in 50 bis 70 Prozent der Fälle zum Kind. Wenn aber die medizinische Diagnose hart genug ist, stellt eine IVF nun mal meist die einzige Möglichkeit dar, überhaupt ein Kind zu bekommen. Man kann sich hier vor Augen halten, dass es inzwischen weltweit etwa sechs Millionen Kinder gibt, die nach einer solchen Behandlung entstanden sind. Und vielleicht gehört das lang ersehnte Enkelkind bald dazu.

-Was bedeutet es, als verhinderte Großeltern zu leben – emotional gesehen?

Wenn eine gravierende Sterilitätsdiagnose bei einem jungen Paar vorliegt, etwa ein Eileiterverschluss oder eine stark eingeschränkte Beweglichkeit der Spermien, kommen bei verhinderten Großeltern oft Schuldgefühle auf. Sie fragen sich dann: Habe ich bei meinem Kind eine Infektion übersehen – oder grundsätzlich was falsch gemacht? Solche Diagnosen haben lebenslange Konsequenzen. Emotional wird das Leben bei ungewollter Enkellosigkeit nicht abgerundet, die Abfolge der Generationen ist unterbrochen – beendet. Nämlich dann, wenn kein einziges Enkelkind gekommen ist.

- Was bedeuten Enkel im Alter?

Wenn Großeltern einen guten Kontakt zu ihren Enkeln haben, profitieren beide Seiten immens davon: Für die Großeltern kommen neue Freude und Lebendigkeit ins Leben. Für die Enkel entsteht das sichere Gefühl von Aufgehobensein in einem größeren Zusammenhang. Viele Großeltern machen an ihren Enkeln auch sozusagen wieder etwas gut, wofür sie bei ihren Kindern nicht die Zeit und womöglich die Kraft hatten. Dies versöhnt in einer gewissen Weise alle Beteiligten. Im Alter sind Enkel aber auch ein Quell größtmöglicher Verletzbarkeit, zum Beispiel wenn es zu Kontaktabbrüchen kommt – und die ältere Generation sich darüber sehr bewusst ist, dass ihre eigene Lebenszeit begrenzt ist.

Wie lässt sich der Schmerz einer unerfüllten Großelternschaft – zumindest weitgehend – überwinden?

Im Einzelfall kann das „Leih-Oma“ bzw. „Leih-Opa“-Prinzip sehr hilfreich sein. Dies ist jedoch nur ein Konzept für ein paar Jahre. Danach werden die betreuten Kinder flügge. Leibliche Enkel hat man ein Leben lang, auch wenn der Kontakt manchmal sehr eingeschränkt oder gar nicht vorhanden ist, die emotionale Bindung bleibt dennoch. Aber – und das sollte man sich auch stets vor Augen halten: Enkel sind nicht alles. Ja, sie sind ein „Sahnehäubchen“, doch das Glück liegt immer in einem selbst!

Interview: Barbara Nazarewska

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