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Immer mehr Kinder leiden an allergischem Asthma. Experten suchen in der Umwelt nach den Auslösern.

Allergien vorbeugen

Wenn das Immunsystem fürs Leben lernt

Heuschnupfen, Asthma, Ekzeme: Nicht nur betroffene Eltern wollen ihren Kindern das ersparen. Doch was hilft wirklich, den Nachwuchs zu schützen?

Eine leere Pizzaschachtel, ein Schlüsselbund, das Handy der Mutter – für Kleinkinder ist alles neu und interessant. Sie schauen, greifen nach allem, was sie erwischen können und meist stecken sie es auch noch in den Mund. So erobern sie sich die Welt mit allen Sinnen.

Nie wieder im Leben lernt ein Mensch so schnell wie als Kind. Und das betrifft längst nicht nur seinen Geist: Auch das Immunsystem muss lernen, Freund und Feind zu unterscheiden. Das tut es zwar auch später noch. Doch nie wieder ist das Lernen so intensiv wie in den ersten Lebensjahren. Wichtige Grundlagen werden in dieser Zeit gelegt – auch, ob ein Mensch später zu Allergien neigt. Denn darüber bestimmen nicht nur seine Gene. Welchen Anteil die Umwelt hat und wie man Kinder mit diesem Wissen schützen kann, war darum auch Thema beim Allergologen-Kongress in München.

Heuschnupfen, allergischem Asthma oder Neurodermitis

Denn bei der Vorbeugung sind die ersten Lebensjahre entscheidend, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. So entwickelte sich die Zahl der Allergiker im geteilten Deutschland in Ost und West anders. In der DDR war der der Anteil der Betroffenen viel geringer, vor allem bei den nach 1960 Geborenen. Mit der Wiedervereinigung stieg dann auch in Ostdeutschland die Zahl der Allergiker. Bereits 15 Jahre nach der Deutschen Einheit war der Unterschied bei Kindern und Jugendlichen verschwunden.

Experten machen die veränderten Umweltbedingungen für diese Entwicklung verantwortlich. Doch was genau lässt die Zahl der Allergien so enorm ansteigen? Immerhin sind heute mehr als 40 Prozent der Kinder im Alter zwischen drei und 17 Jahren sensibilisiert (siehe unten), haben also ein erhöhtes Allergierisiko. Jedes vierte Kind in Deutschland erkrankt an Heuschnupfen, allergischem Asthma oder Neurodermitis. Forscher suchen daher mit Hochdruck nach einer Antwort – und haben bereits einige Verdächtige im Blick.

Katzen können das Allergierisiko wohl erhöhen.

Weit oben auf der Liste der Allergieauslöser steht dabei das Rauchen. Schon im Mutterleib stört Tabakqualm – abgesehen von seinen vielen anderen gesundheitsschädlichen Wirkungen – die Entwicklung des Immunsystems. Und dazu müssen Schwangere noch nicht einmal selbst zur Zigarette greifen. Raucht der Partner oder halten sie sich in verrauchten Räumen auf, erhöht dies das Allergierisiko für das Ungeborene. Das Gleiche gilt für die Zeit nach der Geburt: Passivrauchen macht Kinder anfälliger für Allergien. „Jegliches Passivrauchen sollte vermieden werden“, warnt darum Prof. Carl-Peter Bauer, Ärztlicher Direktor der Fachklinik Gaißach.

Für viele Schwangere ist das aber ohnehin kein Thema. Dass Tabakqualm schadet, hat sich herumgesprochen. Doch wer sich jedes Frühjahr mit Heuschnupfen quält oder wegen einer Allergie auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten muss, der möchte mehr tun, um sein Kind davor zu schützen. Schon in der Schwangerschaft verzichtet darum manche Frau auf bestimmte Lebensmittel, die als typische Allergieauslöser gelten – und streichen etwa Hühnerei, Fisch oder Kuhmilch vom Speiseplan. Tatsächlich haben Experten solche Maßnahmen früher empfohlen. Neuere Studien haben jedoch gezeigt: Der Verzicht in der Schwangerschaft schützt das Kind nicht vor Allergien. Meiden sollten werdende Mütter nur Nahrungsmittel, auf die sie selbst allergisch reagieren, sich aber ansonsten ganz normal ernähren. Der Verzicht erhöhe im Gegenteil die Gefahr eines Nährstoffmangels, warnen Mediziner heute.

Typische Allergieauslöser vom Speiseplan streichen

Zwar entwickelt sich das Immunsystem des Kindes bereits im Mutterleib. Etwa in der 12. Schwangerschaftswoche bilden sich die ersten Immunzellen. Bis zur Geburt sind genug davon da, um das Kind gegen Krankheitserreger zu verteidigen. Doch: „Deren Programmierung findet erst nach der Geburt statt“, sagt Prof. Alfred Bufe von der Ruhr-Universität Bochum. „Das Immunsystem muss erst lernen – und je schneller es lernt, desto fitter wird es.“

Experten raten darum davon ab, Kinder von häufigen Allergieauslösern gänzlich abzuschirmen. So ähnlich wie beim Sport kommt es offenbar auch beim Training des Immunsystems auf die richtige Dosis an. Anstelle der Goldmedaille steht dabei die „immunologische Toleranz“. Soll heißen: Die Immunzellen haben gelernt, bestimmte, harmlose Stoffe zu ignorieren. Dazu müssen sie aber mit ihnen in Kontakt gekommen sein.

Je mehr Geschwister, desto geringer ist das Risiko für Allergien

Bei einer Empfehlung aber bleibt es: In den ersten vier Monaten sollten Mütter ausschließlich stillen. Ist das nicht möglich, raten Experten vor allem bei Risikokindern, wenn also bereits Eltern oder Geschwister an Allergien leiden, zu hypoallergener Säuglingsnahrung. Untersuchungen wie die langjährige GINI-Studie, an der auch Münchner Kinder beteiligt waren, haben deren Wirksamkeit belegt. Der Trick: In der Milch enthaltene Allergene werden bei dieser Spezialnahrung durch eine chemische Reaktion, die Hydrolyse, weitgehend zerstört. Bereiche, die das Immunsystem trainieren, bleiben dagegen erhalten. Auch Beikost macht die Abwehr fit. Etwa ab dem fünften Monat sollte sie die Ernährung ergänzen. Auch Fisch – ein häufiger Allergieauslöser – sollte bereits im ersten Lebensjahr dazugehören. Es gibt Hinweise, dass dies einen schützenden Effekt hat. Ob das auch für sogenannte Prä- und Probiotika in der Babykost gilt, ist indes noch umstritten.

Auf die richtige Dosis kommt es an

Wichtig zu wissen: Stillen und hypoallergene Nahrung schützen nicht vor allen Allergien. Vor allem Hautreaktionen wie der atopischen Dermatitis und Nahrungsmittelallergien lässt sich damit vorbeugen. Auf das Risiko von Heuschnupfen und Asthma hat die Babykost offenbar kaum Einfluss. Denn nicht nur über den Darm, sondern auch über die Atemwege kommt der Körper mit Allergenen in Kontakt und lernt Toleranz. Bereits länger bekannt ist dabei die schützende Wirkung von Stallstaub. Inzwischen gebe es welteit 38 Studien zum „Bauernhofeffekt“, so Prof. Erika von Mutius, Allergie-Expertin am Haunerschen Kinderspital München. Vergleicht man Kinder aus einem Dorf, leiden diejenigen, die auf einem Bauerhof daheim sind, seltener an Heuschupfen und Asthma. Einen Anteil an diesem Effekt haben wohl auch Bakterien. So gebe es Hinweise, dass bestimmte Staphylokokken und Listerien schützend wirken.

Umgekehrt erhöhen Abgase offenbar das Allergierisiko, wie eine Studie an Münchner Kindern ergeben hat. Je näher sie am Mittleren Ring wohnten, desto höher war ihr Risiko für Heuschnupfen, Asthma und eine allergische Dermatitis. Auch eine Katze sollten sich Eltern von Risikokindern besser nicht ins Haus holen. Ein Hund als Haustier erhöht das Allergierisiko dagegen nicht. Auch Impfungen haben Studien zufolge keinen Einfluss auf das Allergierisiko. „Es gibt keinen Grund, Kinder nicht impfen zu lassen“, sagt darum von Mutius. Einen schützenden Effekt hat es aber offenbar, mit Geschwistern aufzuwachsen: „Wenn sie Allergieprävention machen wollen, dann setzen sie viele Kinder in die Welt“, sagt die Expertin.

Von Andrea Eppner

Krieg gegen den eigenen Körper: Das passiert bei einer Allergie

Wenn Blütenstaub zu lästigem Schnupfen und eine Semmel zu Bauchschmerzen und Durchfall führt, dann herrscht im Körper Krieg: Immunzellen werfen sich in die Schlacht. Ihre Gegner sind nicht Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten. Es sind harmlose Eiweiße, wie sie etwa in Pollen und Weizenmehl stecken. Das Immunsystem bekämpft sie aber, als hätte er es mit üblen Angreifern zu tun.

Eine Allergie entsteht dabei in zwei Phasen: Beim ersten Kontakt mit einem allergieauslösenden Stoff (Allergen) kommt es zu keinen Beschwerden. Doch macht das Immunsystem bei manchen Menschen einen entscheidenden Fehler: Es bewertet den eigentlich harmlosen Stoff als gefährlich. Als Folge davon bilden sich IgE-Antikörper, die das Allergen erkennen und sich an Mastzellen binden. Das sind bestimmte Immunzellen, die Entzündungsstoffe wie Histamine und Prostaglandine enthalten. Der Betroffene hat dann noch keine Allergie, ist aber sensibilisiert.

Zu Beschwerden kommt es erst bei neuerlichem Kontakt mit dem Allergen: Die Antikörper erkennen es, die Mastzellen setzen ihren Inhalt frei, es kommt zu einer Entzündungsreaktion. Erst in dieser Phase spricht man von einer Allergie.

ae

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