Schlafstörungen: Mit diesen Tipps lernt ihr Kind schlummern

Sie weinen nachts, liegen wach oder halten immer nur Nickerchen: Jedes fünfte Kind leidet unter gestörtem Schlaf – und die Eltern folglich auch. Schicksal? Keineswegs. Denn die Kleinen können schlummern durchaus lernen. Ein paar ganz natürliche Schlaf-Mittel.

Der kleine Magnus* verzieht das Gesicht. Kräftig. Seine Mutter nimmt ihn hoch, tröstet ihn. Er schreit. Sie versucht, ihn mit Worten zu beruhigen. Er schreit. Sie streichelt ihm den Rücken. Er schreit. Wie immer hilft nur das eine. „Stört es Sie?“, fragt Maria Müller, 32, leise. Nein. Sie legt Magnus auf ihren Schoß. Schlagartig ist er ruhig. Er weiß: Jetzt gibt’s die Brust. Ziel erreicht.

„Es ist das Einzige, was ihn beruhigt“, erzählt Maria Müller. „Nur so schläft er.“ Magnus ist 16 Monate alt. Läuft, brabbelt. Ein ganz gewöhnliches Kleinkind. Aber er schläft kaum. Im Schnitt neun Stunden täglich, das ist wenig für ein Kind seines Alters (siehe Grafik). Nur selten schafft er mehr als zwei Stunden am Stück. Dann ist er wach, auch mitten in der Nacht. Schreit. Manchmal ist er da putzmunter, will spielen. Das kann dann zwei Stunden lang gehen – und treibt Maria Müller und ihren Mann Ben, 31, zur Verzweiflung. Die Nerven liegen blank, manchmal werden da auch die Eltern lauter. „Ich versuche, mich zu beherrschen“, sagt Maria Müller.

Manche Kinder halten nur Nickerchen

So wie den Müllers geht es vielen Eltern. Gut: Es gibt die Traum-Kinder, die in den ersten Wochen bis zu 19 Stunden täglich schlafen. Oder 16 Stunden, wenn sie zwei Jahre alt sind, durchaus mit längeren Schlafphasen am Stück. Und dann gibt es die anderen. Die, die gar nicht erst einschlafen wollen. Und ganz schnell wieder aufwachen – und wach bleiben. Die praktisch nur Nickerchen halten. Und ihre Eltern gar nicht zur Ruhe kommen lassen.

Jedes fünfte Kind leidet unter Schlafstörungen. Das heißt, es braucht länger als 30 Minuten zum Einschlafen und wacht öfter als einmal pro Nacht auf. Das kann viele Gründe haben, und wer will, kann dazu die gesammelten Erkenntnisse aus 30 Studien im „Handbuch Kinderschlaf“ (Schattauer Verlag, 44,95 Euro) auf 342 Seiten nachlesen, einem Medizin-Fachwerk.

Die Herausgeber, der Kinder- und Jugendarzt Dr. Alfred Wiater sowie der Psychiater Prof. Gerd Lehmkuhl, haben – außer möglichen Erkrankungen, die ein Arzt feststellen muss – noch eine andere wichtige Ursache für Schlafstörungen von Kindern gefunden: die Eltern. Deren Verhalten trägt „häufig zu einem längeren Anhalten der Schlafprobleme der Kinder bei“, schreiben sie – da die Kinder „keine Unterstützung bei der Erlangung angemessener Schlafgewohnheiten“ erhalten. Will heißen: Eltern müssen Kindern das Schlafen beibringen.

Aber wie? Maria Müller weiß: „Wir haben unserem Kind das Verhalten angewöhnt.“ Sie suchte Rat – und ging zum kbo-Kinderzentrum München in Großhadern, einer Anlaufstelle für Familien, die Schlafstörungen plagen. Dort helfen Ärzte und Psychologen in einer Schreibaby-Ambulanz. Die Kinder- und Jugendärztin Dr. Margret Ziegler, 48, leitet diese Stelle, die sogar ein kostenloses Krisentelefon für Eltern von Schreibabys eingerichtet hat mit der Rufnummer 0800-71 00 900. Besetzt ist es mittwochs, freitags und am Wochenende jeweils von 19 bis 22 Uhr, derzeit rufen sieben Eltern pro Monat an. Wenn gar nichts mehr geht bei den Eltern, weil sie etwa der Schlafentzug irgendwann aggressiv macht, werden die kleinen Schreihälse sogar mal über Nacht in einer Kinderklinik aufgenommen – damit Mama und Papa Kraft schöpfen können.

So weit war es bei Magnus und seinen Eltern nie. Aber sie kamen in die Ambulanz, dort haben die Ärzte den Bub untersucht. Krankheiten können ein Grund für Schlafstörungen sein. Sind sie behoben, sollten die Kinder wieder normal schlafen können. Magnus hat als Säugling normal geschlafen. Mit einer Bronchitis im Januar fingen dann die Probleme an. „Oft frage ich mich: Was hat denn dieses Kind bloß?“, gibt Maria Müller zu, wenn sie versucht, Magnus zu beruhigen. Ist er immer noch krank? Nein, das schlossen die Ärzte aus. Magnus hat eine nichtorganische Schlafstörung. Nun sollen die Müllers bei einem Psychologen lernen, wie das Kind besser schläft. Magnus könnte zum Beispiel einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus haben. Andere Kinder haben einfach Albträume.

So viel ist bei Magnus schon raus: Er ist ein Wenig-Schläfer. Neun Stunden reichen ihm. „Der Schlafbedarf ist sehr individuell“, sagt die Ärztin Ziegler. Manche Kinder brauchen eben weniger Gesamtschlaf. Die Differenz ist von Kind zu Kind sehr groß, das zeigt das „Handbuch Kinderschlaf“. Kinder im Alter von ein und zwei Jahren schlafen 14 beziehungsweise 13,2 Stunden – im Schnitt. Dahinter steckte bei beiden Altersgruppen eine Bandbreite von 11 bis 16 Stunden. Vier Prozent der Kinder liegen sogar drunter oder drüber.

Magnus mit seinen neun Stunden zählt dazu – was aber nicht schlimm ist. Denn er ist tagsüber glockenwach. „Wir waren anfangs besorgt, ob es Auswirkungen auf ihn hat, dass er so wenig schläft“, erzählt seine Mutter. Doch ihr Sohn ist tagsüber weder weinerlich noch schlecht drauf. Problematisch wird es, wenn schlafgestörte Kinder tagsüber unter Müdigkeit leiden. Magnus empfindet die oft nicht einmal nachts – für ihn kein Problem. Für die Eltern schon. „Nachts nur zweimal aufwachen, das wär’s“, seufzt Müller.

Manchmal kommt es knüppeldick für Magnus’ Eltern – zum Beispiel, wenn sie auswärts bei den Schwiegereltern schlafen. „Da hat er die ganze Nacht nie länger als 15 Minuten geschlafen.“ Ein Extremfall. Meistens kommt Maria Müller auf fünf Stunden Schlaf. Das muss reichen.

Ziegler kennt das. Zu ihr kommen Eltern, denen ihre Kinder nur drei bis vier Stunden gönnen – Tag für Tag. Die Folge: Sie werden im Schlafrhythmus gestört – oft sogar im Tiefschlaf. Und das geht über Monate. Das heißt: „Die Eltern haben am Tag nicht genug Kraft.“ Und: „Durch Schlafmangel können sogar aggressive Gefühle wie Wut gegen das Kind entstehen.“ Und werden im schlimmsten Fall am Kind ausgelassen.

Ziegler sieht vor allem in Großstädten eine weitere Bürde: „In einer Stadt wie München ist es seltener, dass Großeltern in der Nähe sind. Die Eltern haben dann oft niemanden, der ihnen hilft.“ Das ist auch bei Müllers der Fall – Oma und Opa wohnen in einer anderen Stadt. Ben Müller, der im Schichtdienst arbeitet, und seine Frau müssen es alleine schaffen.

Den Rat, sich Hilfe zu holen, haben die Müllers bereits im Januar bekommen. „Wir wollten es alleine versuchen“, erzählt Maria Müller. Sie sprach mit anderen Eltern, las Bücher. Fast ein Jahr lang ging das so. Erst im Dezember kamen sie ins Kinderzentrum. Nichts Neues für die Kinderärztin. Wer zu ihr kommt, versucht häufig schon seit Monaten, dem Kind das Schlafen beizubringen. Oft spielt Scham eine Rolle: „Die Eltern sind verzweifelt, weil sie das Gefühl haben zu versagen.“ Bei vielen führe das zu „echtem Leidensdruck“. Den will die Ärztin den Betroffenen nehmen.

Eines müssen Kinder vor allem lernen: alleine einzuschlafen. Das durchzusetzen, fällt vielen Eltern schwer. „Ich glaub, er braucht zum Schlafen unsere Nähe“, sagt Maria Müller über Magnus. Ist sie nicht da, „dann weint er so bitter, dass er kaum Luft kriegt“. Dann kommen die Kullertränen, dann schlägt er die Hände vors Gesicht. Schreien lassen? Kommt nicht in Frage für Müller – auch wenn sie weiß, dass das nicht immer richtig ist. „Wir sind weiche Eltern.“ Professor Lehmkuhl nennt das „inkonsequentes Erziehungsverhalten“. Die Folge: Kinder weigern sich, ins Bett zu gehen, und können nicht ein- und durchschlafen. Das Ziel bei den Müllers ist klar: „Wir wollen, dass er künftig alleine einschläft.“ Richtig so, meint Ziegler. „Wenn das Kind es abends kann, dann kann es das in der Regel auch, wenn es mal kurz in der Nacht aufwacht.“

Das Eheleben darf nicht kopfstehen

Um das zu lernen, braucht Magnus eigene Einschlaf-Rituale. Für ihn ist klar: Gibt’s die Brust, ist Zeit zu schlafen. Das funktioniert auf Dauer nicht – weil es von den Eltern abhängt. „Kinder mit Schlafstörungen haben in der Regel keine eigenen Einschlafstrategien“, sagt Ziegler. Sie können sie aber lernen – sofern sie älter als sechs Monate sind. Dafür brauchen sie andere Dinge, die ihnen Routine bringen: das Einkuscheln in eine bestimmte Decke oder den Teddy neben sich. Andere Gewohnheiten müssen abgeschafft werden: zum Beispiel, dass das Kind nachts Essen fordert. Das aber, so betont die Ärztin, gehe nur in Schritten.

Hinzu kommt: Sind die Eltern nervös, merkt das Kind das. Und kann nicht schlafen. Eltern müssen dem Kind laut Ziegler diese Sicherheit geben: „Ich trau’ dir das zu, ich bin für dich da.“ Auch Streit der Eltern kann das Kind aus dem Rhythmus bringen. Das ist bei Müllers kein Problem. Trotzdem schlafen sie getrennt – weil Magnus den Platz vom Papa im Bett eingenommen hat. Die Kinderärztin bestätigt, dass es nicht grundsätzlich falsch sei, wenn Kinder bei den Eltern schlafen. Das Eheleben darf aber nicht auf den Kopf gestellt werden.

Familie Müller will sich die Ratschläge im Kinderzentrum zu Herzen nehmen. Die Eltern wissen, dass es noch ein langer Weg ist. Wütend auf ihr Kind sind sie nicht. „Er kann doch nichts dafür“, sagt Maria Müller. Magnus schlummert bereits seit einer halben Stunde selig an ihrer Brust. Müller will aufstehen und ihn ins Bett bringen. Ein Fehler: Der Bub wacht auf. Er schreit kurz, dann steht er putzmunter auf. „Also nur ein Nickerchen“, sagt seine Mutter. „Vielleicht schläft er ja am Nachmittag länger.“ Magnus steht neben ihr und strahlt sie an. „Mama“, brabbelt er. Die lächelt: „Solche süßen Momente überwiegen. Dann ist alles vergessen.“

(* Namen der Familie geändert)

Von Katrin Martin

Rubriklistenbild: © dpa

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