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Auf 40 Prozent der Ackerflächen in Deutschland wird Glyphosat versprüht – bevorzugt im Zeitraum der Aussaat. Das Mittel vernichtet Unkraut auf den Feldern und schafft Platz für die Nutzpflanzen.

EU entscheidet über Zulassung

Wie gefährlich ist Glyphosat?

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Glyphosat ist der meist gespritzte Unkrautvernichter in Deutschland und der Welt. Er wird in der Landwirtschaft, aber auch in Gärten eingesetzt.

Dabei sind sich Wissenschaftler bis heute nicht einig, welche gesundheitlichen Risiken Glyphosat birgt. Heute soll dennoch abgestimmt werden – über die Zulassung in der EU für weiterere 15 Jahre.

Ob Milch, Getreide oder Bier: Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist fast überall zu finden. Der Wirkstoff kommt weltweit zum Einsatz. Auf deutschen Äckern, aber auch in Grünanlagen und Gärten werden jedes Jahr tausende Tonnen versprüht. Dabei ist Glyphosat umstritten. Die Chemikalie steht unter Verdacht, krebserregend zu sein. Kritiker warnen entsprechend vor einer weiteren Zulassung. Genau darüber wollen die EU-Mitgliedsstaaten heute entscheiden.

Was genau ist Glyphosat?

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es ist Hauptbestandteil verschiedener am Markt erhältlicher Unkrautvernichtungsmittel. Besonders bekannt sind die Unkrautvernichter „Roundup“ und „Glyfos“, die vom US-Konzern Monsanto hergestellt werden. Der Agrarriese war es auch, der 1971 Glyphosat als Herbizid patentieren ließ. Es kam 1974 auf den Markt und wird inzwischen zum Schutz etlicher Pflanzen eingesetzt, unter anderem im Weinbau, bei Kartoffeln und vielen weiteren Feldfrüchten, im Obstbau und bei Getreide. Seit der Patentschutz abgelaufen ist, mischen viele Hersteller auf dem Markt mit.

Wie wirkt Glyphosat?

Pflanzen nehmen Glyphosat über die Blätter auf und sterben dann ab, weil der Stoff ein Enzym hemmt, das fürs Pflanzenwachstum nötig ist. Meist wird der Wirkstoff vor dem Pflanzen versprüht, um Nutzpflanzen nicht zu gefährden. Alles Grün auf den Äckern, in die ein Bauer ohne zu pflügen säen will, wird so abgetötet. Sind Nutzpflanzen gentechnisch verändert und damit resistent gegen Glyphosat, kann der Wirkstoff auch kurz vor der Ernte dafür sorgen, dass alle Halme absterben und die Körner trocken und lagerfähig sind. Beides ließe sich auch ohne Glyphosat bewerkstelligen. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, einem Zusammenschluss der Hersteller, würden sich die Erträge einiger Pflanzen in Deutschland dann um fünf bis 40 Prozent verringern.

Warum ist Glyphosat umstritten?

Der Wirkstoff steht unter Verdacht, Gesundheitsrisiken für den Menschen zu bergen. Dazu, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht, gibt es mittlerweile unzählige Studien. Das Problem ist, dass sich die Untersuchungen in ihren Ergebnissen widersprechen. Zuletzt waren drei Organisationen mit der Bewertung von Glyphosat betraut: Die IARC, die als internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unabhängig Glyphosat-Studien ausgewertet hat. Das deutsche Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) als offizielle Prüfbehörde seitens der EU sowie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), die als maßgeblich für die die Neuzulassung gilt.

Zu welchen Ergebnissen kamen die Wissenschaftler?

Die IARC stufte Glyphosat Ende Juli 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Behörden in Deutschland und der EU kamen zu einem anderen Schluss. Das BfR, das mehr als 1000 Studien, Dokumente und Veröffentlichungen geprüft und ausgewertet hat, sieht „keine Gefahr für die Gesundheit“. Nach Einschätzung der Efsa ist es „unwahrscheinlich, dass von Glyphosat eine Krebsgefahr ausgeht“.

Der Mitte Mai 2016 bekanntgewordene Entwurf eines Glyphosat-Berichts zweier UN-Organisationen bestätigt den Krebsverdacht nicht. Tiertests mit für Menschen relevanten Dosen des Mittels hätten gezeigt, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme nicht zu genetischen Zellveränderungen führe. In dem Bericht werden Ergebnisse eines Arbeitstreffens von Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zusammengefasst. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass es bei Tests mit Mäusen bei sehr hohen Dosen Krebsverdacht gab.

Wer hat nun Recht?

Schwer zu sagen. Die Industrie verweist auf die Einschätzung von BfR und Esfa. Umweltschützer pochen auf den IARC-Bericht. Die Gefahren des Glyphosat-Einsatzes für die Umwelt seien unbestritten und die Gesundheitsbedenken „gravierend“, sagt etwa Weiger Hubert, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Von einer „Skandalisierung“ spricht dagegen Monsanto.

Was sagen Experten?

Aus der Wissenschaft kam auffällig viel Kritik an den Berichten des BfR und der Efsa: So wandten sich 96 renommierte Wissenschaftler (Epidemiologen, Toxikologen, Statistiker und Molekularbiologen aus 25 Ländern) in einem offenen Brief zu Wort. Sie zeigten sich besorgt über die wissenschaftliche Bewertung der Substanz seitens der offiziellen Prüfbehörde. Der Bericht führe in die Irre, was die potenziell krebserregende Gefahr durch Glyphosat angehe. Einer der Unterzeichner ist Dr. Xaver Baur, Professor am Institut für Arbeitsmedizin an der Charité in Berlin. „Die IARC als völlig unabhängige Einrichtung der WHO hat in einem hoch professionellen standardisierten und nachprüfbaren Verfahren mit namentlich ausgewiesenen Experten Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. Dem ist nichts hinzuzufügen“, sagt er gegenüber unserer Zeitung. Fragen bezüglich des Efsa-Berichtes (etwa zu möglichen Verbindungen zu Monsanto) seien dagegen bis heute ungeklärt.

Kritik kommt auch von Lobby Control: Die Organisation stuft den Zulassungsprozess für Glyphosat, bei dem das BfR eine zentrale Rolle spielt, als problematisch ein. „Das Verfahren lief höchst dubios ab“, sagt Max Bank, EU-Referent bei Lobby Control. Das BfR wurde von der EU im Zuge des Zulassungsverfahrens mit dem Gutachten beauftragt. Die Erstellung der Studie sei geheim abgelaufen, kritisiert Bank. Zudem seien vor allem Studien von Glyphosat-Herstellern, die eindeutige Interessen vertreten, herangezogen worden.

Haben die TTIP- Verhandlungen Einfluss auf die Glyphosat-Zulassung?

Einige vermuten das – zum Beispiel Grünen-Politiker Martin Häusling, der im Europaparlament agrarpolitischer Sprecher seiner Fraktion ist. Auch Lobby Control kritisiert vor dem Hintergrund der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP die Nähe zwischen der Pflanzenmittelindustrie und den Zulassungsbehörden. „Eine Gefährdung der TTIP-Verhandlungen war auf jeden Fall ein Argument in der Glyphosat-Debatte, auf das die Agrar-Lobby hingewiesen hat.“ Auf der EU laste viel Druck, Monsanto gerade jetzt nicht auf die Füße zu treten.

Ist die Befürchtung, dass europäische Standards an amerikanische angeglichen werden im Fall Glyphosat berechtigt?

Die Gefahr besteht zumindest. Darauf macht foodwatch aufmerksam: Die Verbraucherschutzorganisation räumt ein, dass die gesundheitlichen Risiken von Glyphosat unter Wissenschaftlern umstritten sind, pocht aber gerade deshalb auf die Anwendung des europäischen Vorsorgeprinzips. Danach müssen alle Gefahren für die Umwelt und die Gesundheit der Bürger vorsorglich verhindert werden – auch wenn sich das Risiko noch nicht genau bestimmen lässt. In den USA gilt dagegen das sogenannte Nachsorgeprinzip, nach dem Stoffe erst wieder vom Markt genommen werden müssen, wenn ihre Schädlichkeit offenkundig ist.

Ist bereits abzusehen, wie die Entscheidung in Brüssel ausfallen wird?

Die Zulassung für Glyphosat läuft im Sommer aus. Die Entscheidung zur Verlängerung ist offen. Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sollen voraussichtlich Mitte der Woche darüber entscheiden, ob die Zulassung für das Pflanzenschutzmittel in Europa verlängert wird. Die Abstimmung stand ursprünglich bereits im März auf der Tagesordnung, war aber noch einmal vertagt worden. Grünen-Politiker Martin Häusling hat eine Verschiebung gefordert, „bis alle relevanten Bewertungen auf dem Tisch liegen.“ Die Entscheidung fällt in einem Fachausschuss, in dem Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sitzen, in einem sogenannten Komitologie-Verfahren – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Stimmt eine qualifizierte Mehrheit für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat für weitere 15 Jahre, ist sie beschlossen. Ist eine qualifizierte Mehrheit dagegen, muss die EU-Kommission einen neuen Vorschlag machen. Gibt es weder eine qualifizierte Mehrheit dafür noch dagegen, entscheidet ein Berufungsausschuss. Wird dieser sich auch nicht einig, liegt die Entscheidung bei der EU-Kommission.

Welche Position vertritt Deutschland?

Die Bundesregierung hat sich offiziell noch auf keine Position festgelegt, doch die Positionen innerhalb der "GroKo sind konträr

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt warnte vor einer Eskalation des Streits. Er habe die Sorge, dass aus Großdemonstrationen gegen die Branche ein Gesellschaftskonflikt werden könne, sagte der CSU-Politiker der "Süddeutschen Zeitung". Dabei gehe es um einen Wirtschaftszweig, "an dem in Deutschland Millionen Arbeitsplätze hängen". Landwirtschaft und Umwelt hätten gleichberechtigte Interessen. Die gelte es, miteinander auszugleichen.

In diesem Zusammenhang griff Schmidt auch seine Kabinettskollegin Barbara Hendricks (SPD) an. Das Umweltministerium gehe "mit manchem Vorstoß" zu weit, sagte er dem Blatt. Während der CSU-Minister die Zulassung verlängern will, sind die SPD-geführten Ministerien strikt dagegen. Unter solchen Umständen muss sich Deutschland bei der EU-Entscheidung der Stimme enthalten.

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Mehrheit der Deutschen mit Glyphosat belastet

Glyphosat in Bier gefunden - Bundesinstitut: Menge unbedenklich

Von Manuela Dollinger, mke

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