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Der Anästhesist bleibt die ganze Zeit beim Patienten, er überwacht sämtliche Vitalfunktionen und Gehirnströme

Angst vor der künstlichen Bewusstlosigkeit

Wie sicher sind Narkosen? Münchner Chefarzt im tz-Interview

München - Vielen Menschen ist die Vorstellung unter Narkose zu sein ein Graus. Ein Münchner Chefarzt beantwortet im Interview die wichtigsten Fragen rund um das Thema künstliche Bewusstlosigkeit.

Dr. Joachim Doeffinger (Chefarzt Anästhesie)

Wenn man Chefarzt Joachim Doeffinger bittet, seinen Platz im OP zu beschreiben, vergleicht er ihn mit dem Cockpit eines Flugzeuges: Er sitzt beim Patienten, umgeben von Monitoren. Wie der Pilot einen Flug überwacht und für sicheren Start und gute Landung sorgt, so ist der Anästhesist dafür verantwortlich, dass der Patient sanft in die Bewusstlosigkeit gleitet, es während der Operation keine Turbulenzen gibt und der Patient nach dem Eingriff wieder auf dem Boden der Tatsachen landet. Das Anästhesieteam im Helios Klinikum in Pasing betreut jährlich bis zu 11 000 Narkosen. „Wir müssen ständig hellwach sein“, so Dr. Doeffinger: „Komplikationen sind sehr selten, aber wenn, dann muss man schnell eingreifen.“ Laut einer Studie des Fachverbandes der Anästhesisten kommt es bei sieben von einer Million Patienten zu schweren Zwischenfällen, die im Wesentlichen auf die Narkose zurückzuführen sind. Im tz-Gepräch erklärt Dr. Doeffinger, Chefarzt der Anästhesiologischen Klinik im Helios Klinikum München West, wie er dafür sorgt, dass eine Narkose sicher ist.

Viele Menschen haben Angst vor Narkosen, verstehen Sie das?

Dr. Joachim Doeffinger: Natürlich, diese Angst entsteht aus dem Gefühl, sich hilflos auszuliefern. Irgendjemand macht etwas mit mir, und ich habe keine Möglichkeit einzugreifen. Es stimmt ja: Die Patienten sind uns tatsächlich ausgeliefert. Daraus entsteht die große Verpflichtung, unsere beste Sorgfalt und unser ganzes Können anzuwenden, damit es jedem Patienten gut geht. Das ist der Grundsatz unserer Arbeit.

Worauf achten Sie besonders?

Doeffinger: Der Fachbereich der Narkose hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht, wir haben verschiedene Medikamente und verschiedene Techniken zur Auswahl – sodass wir individuell für jeden Patienten und jede geplante Operation die beste Narkose wählen können. Zudem gibt es hochspezialisierte Ärzte und Pflegekräfte mit langer Zusatzausbildung für Anästhesie. Die Zeiten, wo der Chirurg zur Schwester sagte: „Jetzt kannst du betäuben!“, sind lange vorbei.

Wie gehen Sie vor?

Doeffinger: Zunächst führen wir ein intensives Gespräch mit jedem Patienten. Wir müssen herausfinden, wie gesund bzw. wie krank derjenige ist. Gibt es Herzkreislaufprobleme oder schwere Lungenerkrankungen? Liegt ein Diabetes vor? Ist der Patient Raucher? Gibt es Allergieprobleme? Wie wurden eventuell frühere Narkosen vertragen? Dann hängt es natürlich vom Eingriff ab. Wenn der Patient wach bleiben kann, können wir lediglich in einer Extremität oder an einer bestimmten Stelle den Schmerz ausschalten. Wir sprechen von einer Regionalanästhesie, mit der wir eine Blockade der Nerven erzeugen. Häufig brauchen wir jedoch eine Allgemeinanästhesie, im Volksmund Vollnarkose genannt. Da schläft der Patient, und er hat keine Schmerzen. Bei manchen Eingriffen z. B. im Brust- oder Bauchraum ist es wichtig, dass zusätzlich die Muskeln erschlafft sind. Je nachdem brauchen wir dann Schlafmittel, Schmerzmittel und Muskelrelaxanzien. Als Schlafmittel wird in Mitteleuropa am häufigsten Propofol gegeben. Liegt eine koronare Herzerkrankung vor, ist es günstiger ein Narkosemittel zum Inhalieren zu geben, weil dies schonender für die Herzfunktion ist. Jedes Medikament hat seine besondere Wirkung und wird dementsprechend ausgewählt.

Sie sagen, Sie sitzen wie in einem Cockpit zwischen lauter Monitoren. Worauf achten Sie?

Doeffinger: Anästhesisten kümmern sich um die Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Funktionen. Einfach ausgedrückt: Ich überprüfe ständig, ob die Werte des Patienten noch so sind, wie sie sein sollen, z. B. wie sind Herz, Gehirn, Niere und Darm während der OP durchblutet? Wir überwachen die Sauerstoffsättigung des Blutes, den Blutdruck und natürlich die Tiefe des Schlafes. Je komplizierter der Eingriff ist, je länger er dauert und je kränker der Patient ist, desto mehr Parameter messen und überwachen wir. Sehen wir Veränderungen, können wir sofort u. a. mit Medikamenten, Infusionen oder Bluttransfusionen oder anderen Maßnahmen gegensteuern.

Viele Patienten haben Angst, dass sie während der Operation aufwachen, sich aber nicht bemerkbar machen können.

Doeffinger: Es kommt bei circa ein bis zwei Fällen pro tausend Narkosen vor, dass der Patient während der Operation seine Umwelt teilweise oder vollständig wahrnimmt. Meistens geschieht dies im Bereich der Notfallmedizin, bei der Herzchirurgie oder bei Kaiserschnitten unter Vollnarkose, weil man dort das Kind schonen möchte und die Medikamente sparsam dosiert. Ich bin während des ganzen Eingriffs beim Patienten. Bei Risikopatienten und wenn wir den Verdacht haben, dass jemand aufwachen könnte, messen wir die Hirnströme mittels eines speziellen EEGs, um die Narkosetiefe zu objektivieren.

Eine häufige Nebenwirkung sind Übelkeit und Erbrechen nach einer Narkose.

Doeffinger: Das betrifft mehr als fünf Prozent der Patienten und ist natürlich extrem unangenehm. Auch darum wird gern auf Propofol als Schlafmittel zurückgegriffen, weil dies die Übelkeit hemmt. Zudem werden bei bekannter Anamnese für Übelkeit und Erbrechen zusätzlich prophylaktische Medikamente und Methoden eingesetzt.

Narkosen werden ja auch in vielen Arztpraxen ausgeführt. Worauf sollten Patienten achten?

Doeffinger: Es gibt Regularien der Fachgesellschaften für eine sichere Narkose. Daran muss sich auch bei ambulanten Eingriffen gehalten werden. Chronisch Kranke oder Menschen, die in jüngerer Vergangenheit einen Herzinfarkt hatten, sollten nicht unbedingt ambulant operiert werden. Auch lange Eingriffe sollten besser stationär durchgeführt werden. Ganz wichtig ist, dass der Anästhesist die ganze Zeit beim Patienten bleibt, er sollte nicht gleichzeitig in mehreren Räumen Narkosen überwachen. Außerdem braucht der Arzt Anästhesieschwestern, die im Notfall wissen, wie sie den Anästhesisten ideal unterstützen können. Erst wenn der Patient wach ist, Kreislauf und Atmung stabil und die Reflexe normal sind und er keine Schmerzen hat, kann die anästhesiologische Überwachung nach dem Eingriff in Klinik und Praxis beendet werden.

Für alte Menschen stellt die Narkose oft ein Risiko dar.

Doeffinger: Da kommen viele Faktoren zusammen: Die Patienten sind längere Zeit in ungewohnter Umgebung, sie haben ihre vertrauten Menschen nicht um sich herum. Zusätzlich kommt es bei Operationen, wie beim Schenkelhalsbruch, zu starken Veränderungen im Gewebe: Da werden Stoffe und Hormone freigesetzt, die auch ins Gehirn gelangen. Wir Narkoseärzte achten bei alten und fragilen Patienten penibel darauf, dass wir während des Eingriffs alle Werte so normal wie möglich halten, wie z. B. den Blutdruck, den Blutzucker aber auch ganz wichtig ist die Körpertemperatur. Es wird alles getan, dass der Mensch nicht abkühlt und dass sich bei der Beatmung die normalen Werte nicht verändern. Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, dass hier in Pasing alle Hilfsmittel zur Kommunikation wie Brille, Hörgeräte und Zahnprothesen erst direkt vor der Narkose entfernt werden. So können wir mit dem Patienten reden, er kann sich verständlich machen. Ist er nach dem Eingriff wach und ansprechbar, erhält er diese Hilfsmittel sofort zurück. Wenn wir diese Techniken und Vorgehensweisen genau befolgen, können wir Verwirrtheit und Desorientierung, die häufig der Narkose zugesprochen werden, deutlich reduzieren.

Interview: sus

Schlaf im OP

Die genaue Zahl der Narkosen in Deutschland ist nicht bekannt. In Krankenhäusern werden in jedem Jahr circa 15 Millionen Operationen stationär durchgeführt, zusätzlich ­finden Millionen von Behandlungen ­ambulant in Praxen statt.

Weltnarkosetag – die erste OP ohne Schmerzen

Schmerzfrei operieren: Das gelang zum ersten Mal am 16. Oktober 1846. Der junge US-Zahnarzt William Thomas Green Morton (27) betäubte im Operationssaal des Massachusetts General Hospital vor zahlreichen Zuschauern einen Mann. Der Arzt rief: „Das ist kein Humbug!“ Dann atmete der Patient ein stechendes Gas (Äther) ein. Der Patient begann zum Erstaunen des Publikums zu schlafen und wachte selbst dann nicht auf, als ihm am Hals ein kleiner Tumor entfernt wurde. Dieser kleine Eingriff gilt als Beginn der Anästhesie. Bis dahin mussten Patienten die horrenden Schmerzen bei Operationen ertragen, oder sie starben.

Trinken bleibt erlaubt

Trinken ist übrigens mittlerweile bis zwei Stunden vor der Operation erlaubt. Wasser und auch gesüßter Tee sorgen dafür, dass der Körper nicht austrocknet. Auf Essen muss weiterhin verzichtet werden, zu groß ist die Gefahr, dass es zum Erbrechen und zum Einatmen von Mageninhalt in die Lunge kommt. Dieses Risiko möchte man von vorneherein ausschließen. Bei Not-OPs ist das natürlich nicht möglich. Da gelingt es in der Regel dem Narkoseteam, mit besonderen Techniken, Erbrechen und Aspiration zu verhindern.

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