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Die Navigationstechnik an der Wirbelsäule

Hightech im OP

Das ­Navi für die Wirbelsäule

Es kommt auf Millimeter an – wenn ein Chirurg sich mit seinen Instrumenten im Körper eines Menschen vortastet, kann eine klitzekleine Abweichung große Folgen haben.

Früher konnten sich die Ärzte im OP nur auf ihre Anatomiekenntnisse aus dem Studium und ihre Erfahrung verlassen. Mittlerweile halten Navigationsgeräte für das Körperinnere den Arzt auf dem richtigen Weg, wenn er sich im Labyrinth von Knochen, Nerven und Gewebe vorarbeitet. Es gibt Navis für viele Bereiche wie Gehirn, Hüfte und Knie. Immer häufiger wird auch bei Eingriffen an der Wirbelsäule navigiert. Wir sprachen mit einem Pionier dieser Methode, Dr. Ulrich März, Chefarzt im Wirbelsäulenzentrum der Chirurgischen Klinik Dr. ­Rinecker, München.

Ein Computer im OP, das macht vielen Menschen Angst.

Dr. Ulrich März Chefarzt in der Klinik Dr. Rinecker

Dr. Ulrich März: Bei der Navigation geht es nicht darum, dass der Computer operiert. Das macht der Arzt. Das Gerät zeigt dem Arzt jedoch auf allen drei räumlichen Ebenen an, wo sich seine Instrumente gerade im Patienten befinden. Das macht Operationen sehr viel sicherer, die OP-Zeit verkürzt sich, es kommt zu deutlich weniger Blutverlust. Der Chirurg kann selbst an so komplizierten Strukturen wie der Wirbelsäule oder bei Beckenbrüchen mit minimal-invasiven Techniken durch die Haut hindurch arbeiten.

Wann kommt die Navigation bei Ihnen zum Einsatz?

März: Zum Beispiel immer dann, wenn es darum geht, die Wirbelsäule mit Schrauben-Stab-Systemen zu stabilisieren. Da geht es um Wirbel, die verschoben oder gebrochen sind und die man aufrichten und stabilisieren muss.

Wie lang und dick sind diese Schrauben?

Anhand der Bilder aus dem Körperinneren des Patienten sehen die Chirurgen genau, wo sie gerade mit ihren Instrumenten arbeiten.

März: In der Lendenwirbelsäule sind die verwendeten Schrauben 40 bis 60 Millimeter lang und fünf bis zu acht Millimeter dick. Im Bereich der Brust- oder Halswirbelsäule müssen dünnere und kürzere Schrauben eingesetzt werden, weil die Wirbel kleiner sind. Die Schrauben müssen exakt in die Pedikel, die Wirbelbogenwurzeln, eingesetzt werden, die zwischen vier und zwölf Millimeter dick sind. Die Schrauben werden dort wie in einen Dübel hineingeschraubt. Doch jeder Pedikel hat eine andere Form und einen anderen Winkel. Wenn man diesen Winkel nicht genau trifft und zum Beispiel zu weit nach innen abweicht, kann man das Rückenmark oder Nervenwurzeln verletzen. Weicht man zu weit nach außen ab, wird die Wirbelsäule unter Umständen nicht stabil und die OP war vergeblich.

Wie hilft der Computer?

März: Mit der Navigation kann ich vor der Operation am Computer den Eingriff genau planen, ich erstelle einen Fräsplan, berechne Position, Länge und Dicke der Schrauben. Der Computer zeigt mir den Plan während der Operation auf dem Bildschirm an, und ich kann genau erkennen, ob ich mit meinem chirurgischen Instrument oder Bohrer in der geplanten Ebene und Richtung bin. Ich sehe, wo die Schrauben eingepasst werden müssen und in welchem Winkel ich arbeiten muss.

Sie arbeiten seit fünfzehn Jahren mit der Navigation, warum setzte sich die Technik erst in den letzten Jahren durch?

Millimeterarbeit: Schrauben stabilisieren die Wirbelsäule.

März: Als Oberarzt in Großhadern war ich seit 1998 an der Entwicklung der spinalen Navigation beteiligt. Viele Kliniken haben damals die teure Investition gescheut, zudem war die Bedienung der Navigation ein Handwerk, das die Ärzte erst langwierig erlernen mussten. Viele haben lieber ihren Erfahrungen und der alten Technik vertraut. Mit der besseren Qualität der CT-Bilder und der Weiterentwicklung der Geräte, wurde die Bedienung leichter und exakter. Dazu kommt, dass in den Kliniken gerade ein Generationenwechsel stattfindet und die jüngeren Kollegen der neuen Technik aufgeschlossener gegenüberstehen. Außerdem spricht die Studienlage für die Navigation. Bei der herkömmlichen OP-Methode mit dem Röntgen-C-Bogen sind bis zu 20 Prozent der Schrauben falsch gesetzt, unabhängig von der Erfahrung des Arztes. Mit Navigation sind es nur vier bis acht Prozent, bei uns an der Klinik sogar weniger als zwei Prozent. Allerdings habe ich auch mehr als 2000 navigationsunterstützte Operationen durchgeführt.

Hightech auf Rollen im OP

Das Navi zeigt dem Arzt , wo genau er im Körper des Patienten operiert. Die Technik ist komplex und muss erst gelernt werden.

Auf den ersten Blick sieht das Chirurgen-Navi aus wie ein Bildschirm auf Rädern. In dem eher unscheinbaren Gerät verbirgt sich Technik auf höchstem Niveau, die sich im Preis niederschlägt: So ein Navi kostet rund 350.000 Euro. Kernstück sind ein leistungsstarker Computer und Infrarotkameras. Vor der Operation werden vom Patienten Aufnahmen im Computertomografen gemacht. Diese Bilder werden quasi als Landkarte im Navi gespeichert. Im OP liegt der Patient entweder auf dem Bauch oder auf der Seite. Die Realität auf dem OP-Tisch und das gespeicherte Bild aus dem Computertomografen müssen in Übereinstimmung gebracht werden. Die Ärzte sprechen von der Registrierung – dabei werden entweder die Wirbelbögen gescannt oder Röntgenbilder gemacht. Diese Bilder aus dem OP werden vom Computer auf das gespeicherte CT-Bild gelegt und abgeglichen. Das Navigationsgerät hat zwei Infrarotkameras, die Signale aussenden, welche von Markern am Patienten und an den Instrumenten des Arztes zurückgeworfen werden. Anhand dieser Informationen berechnet das Navi die Position des Patienten und der Instrumente und zeigt dem Chirurgen auf Bildern in allen drei Ebenen, wo sich Knochen und Gewebe befinden und wo er gerade mit dem Fräse oder der Schraube arbeitet. Und daher weiß der Arzt, selbst wenn er bei einer minimalinvasiven OP die Knochen nicht sieht, wo er gerade operiert.

Wie die neue Technik dem Kranken hilft

Es ist noch nicht lange her, da mussten die Patienten nach Wirbelsäulen-Eingriffen ein Korsett tragen und waren mindestens sechs Monate arbeitsunfähig. Die Patienten von Dr. März brauchen kein Korsett, er sagt: „Wir wissen, dass die Schrauben richtig sitzen.“ 70 Prozent der Patienten von Dr. Ulrich März sind über 60 Jahre alt. Die Patienten bleiben zwischen vier und sieben Tagen in die Klinik, dann gehen sie in die Reha oder gleich heim.

Wer einen Arzt sucht, der mithilfe der Navigation arbeitet, sollte darauf achten, dass dieser Erfahrung mit der Technik hat. Mindestens 40 bis 60 Operationen seien dafür nötig, meint Dr. März. Wird eine Operation nötig, zahlt die Krankenkasse den Eingriff. Die Navigationstechnik hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Mit der Erfahrung der Ärzte wachsen die Einsatzbereiche der Navigation. Besonders häufig wird die Navi-Technik wie beschrieben bei Eingriffen an der Wirbelsäule genutzt, wenn Wirbel, die verschoben oder gebrochen sind, wieder aufgerichtet und stabilisiert werden sollen. Das kann durch Abnutzungserscheinungen, nach Unfällen oder bei Osteoporose nötig sein. Bei Frakturen wächst so der Wirbel wieder korrekt zusammen. Ist die Wirbelsäule instabil geworden, soll sie nicht weiter verrutschen.

Dr. Ulrich März: „Auch bei Skoliosen, wo es Drehungen und Verschiebungen gibt, und die Wirbelsäule gerade ausgerichtet werden soll, hat eine computergestützte Navigation große Vorteile.“
Zu den klassischen Einsatzbereichen gehören Operationen am Gehirn. Beckenbrüche können mit deutlich weniger Blutverlust operiert werden. Auch bei Knie- und Hüft-OPs kommen Navigationssysteme zum Einsatz.

sus

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