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Sein Körper streikte plötzlich: Edgar R. litt im Jahr 2011 an dem Erschöpfungssyndrom Burnout. Heute leitet er eine Münchner Selbsthilfegruppe.

Burnout - und jetzt?

Weltgesundheitstag: So gehen Sie mit Stress um

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Anlässlich des Weltgesundheitstags zeigt Ihnen die Redaktion, was ständiger Arbeitsdruck und privater Stress mit uns anrichten kann. Und was dagegen hilft.

Sie gehorchten ihm einfach nicht mehr. Plötzlich konnte Edgar R. (45) seine Beine nicht mehr bewegen. Für einen Moment, dann war das taube Gefühl wieder vorbei. "Das war das letzte Warnsignal des Körpers", sagt der Münchner heute rückblickend. Ab diesem Tag, ein sonniger Samstag im Frühling 2011, ging nichts mehr. Die Diagnose der Ärzte: Burnout.

Diagnose Burnout - Entstehung und gesundheitliche Folgen

Der dreifache Familienvater war zuvor von seinem Job in München ein halbes Jahr lang jedes Wochenende zur Familie nach Hamburg gejettet. Von Montag bis Freitag arbeitete er jeden Tag bis zu zwölf Stunden als Abteilungsleiter einer Verlagsgruppe, baute eine Vertriebssparte für seine Firma auf. Unter großem Druck. "Und am Wochenende wollte ich dann der perfekte Papa sein."

Dann kam der Umzug seiner Familie nach München – und wieder war unglaublich viel zu tun. "Heute weiß ich: Stress kann wie eine Droge wirken – ich habe mich lange nicht schlecht gefühlt, mein Körper war höchstleistungsfähig." Bis zum Zusammenbruch.

"Augen zu und durch", "von nichts kommt nichts": Mit solchen Sprüchen ignorierte der Münchner lange die Signale des eigenen Körpers. Doch irgendwann funktionierte R. einfach nicht mehr. Er quälte sich in der Früh aus dem Bett, traf sich immer seltener mit Freunden. Sein Immunsystem begann zu streiken. Ständig sei er erkältet gewesen, habe Kopfweh gehabt, dazu Schmerzen an der Achillessehne.

Einige Wochen vor seinem Kollaps ahnte er, was sein könnte, tippte das Wort "Burnout" bei Google ein. "Ich habe mich ausgebrannt gefühlt, von daher hat es meinen Zustand gut beschrieben. Leider erkannte ich damals nicht, dass ich dringend Hilfe brauche." Das änderte sich nach dem Zusammenbruch.

Die Ärzte legten R. nahe, in eine Klinik zu gehen, vier Wochen blieb er dort, war krankgeschrieben. Sehr zum Missfallen seines Chefs, der Edgar R. kurzerhand und ohne Begründung kündigte. "Das hat mich nochmal weit nach hinten katapultiert." Vor einem Arbeitsgericht einigte sich der Münchner mit seiner ehemaligen Firma auf eine Abfindung, machte sich später selbstständig.

Prävention Burnout: Die richtige Work-Life-Balance hilft

Heute berät er Unternehmen im Bereich Projektmanagement und gesunde Führung. Außerdem leitet er mit einer weiteren ehemaligen Betroffenen eine Münchner Burnout-Selbsthilfegruppe (www.yourway2life.de). Im Nachhinein sei er froh, dass ihm das mit dem Burnout passiert sei, sagt Edgar R. heute.

Er habe viel aus seiner Krise gelernt, achte mehr auf wirklich Wichtiges. Einer Person ist er besonders dankbar: seiner Frau. "Sie hat die ganze schwere Zeit zu mir gehalten."

Unternehmen denken um: Work-Life-Balance für Mitarbeiter

Mehr Zeit mit den Enkelkindern Aman (1,5 Jahre) und Aleyna (3 Jahre). Darauf freut sich Petra Kaiser (59) schon jetzt. Bald wird die Pflegedienstleiterin – wie alle Mitarbeiter der Frauenklinik München West in Pasing – nur noch 37 statt 40 Stunden in der Woche arbeiten. Bei vollem Lohnausgleich.

"Wir wollen nicht, dass du ausbrennst", damit wirbt die Krüsmann-Klinik in einer Kampagne bei Facebook gezielt um neue Mitarbeiter, denen ein Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit wichtig ist. Die neuen Kräfte werden gebraucht, damit alle Angestellten die versprochenen drei Stunden weniger wöchentlich arbeiten können – um die Zeit mit Familie oder Freunden genießen zu können.

Mit mehr Geld könne man Angestellte heute kaum mehr locken, sagt der Klinik-Geschäftsführer Walter Schönwetter (72). "Die Leute wollen mehr zu sich kommen." Letztes Jahr hätten einige Mitarbeiter die Klinik verlassen, der Wettkampf um Fachkräfte sei hoch. Bei einer Befragung sei herausgekommen, dass den meisten Angestellten der Klinik ein gutes Verhältnis zwischen Arbeitsleben und Freizeit wichtig sei – die Work-Life-Balance.

Deswegen können die Angestellten auch in Teilzeit oder auf Stundenbasis arbeiten. Außerdem bekommen sie einen Fahrkostenzuschuss und Eltern von kleinen Kindern zwei Jahre lang zusätzlich Geld für die Betreuung. Die Krüsmann-Klinik ist nicht das einzige Unternehmen in der Stadt, das in Sachen Work-Life-Balance neue Wege beschreitet: Auch etwa beim München-Ableger der US-Software-Firma "Salesforce" wird stark auf den Freizeitausgleich der Mitarbeiter geachtet.

Jeder Angestellte hat sieben Tage im Jahr die Möglichkeit, sich innerhalb seiner Arbeitszeit für ein soziales Projekt zu engagieren, berichtet Deutschland-Chef Joachim Schreiner. Viele Mitarbeiter seien so stark ausgelastet mit der Arbeit und den Verpflichtungen in der Familie, dass die Möglichkeit für gemeinnütziges Engagement sehr begrenzt sei. "Das macht viele Menschen unzufrieden, weil sie sich gerne engagieren würden."

Alle Mitarbeiter haben außerdem ein monatliches Budget zusätzlich zu ihrem Gehalt, etwa für Massagen oder eine Raucherentwöhnung. Die Mitgliedschaft in einem guten Fitnessstudio sei ebenso möglich, so Schreiner. Seine Überzeugung: "Zufriedene Mitarbeiter können bessere Leistung abrufen." Das glaubt auch Krüsmann-Klinik-Mitarbeiterin Petra Kaiser. Sie freut sich, bald öfter joggen gehen, Radfahren oder Badminton spielen zu können.

Burnout - so erkennen Sie die Anzeichen und können handeln

Wie wichtig ist ein Ausgleich zwischen beruflichem und Privatleben? Wir haben Professor Dieter Frey gefragt, Lehrstuhlinhaber für Sozialpsychologie an der LMU.

Ist es eine neue Form der Großherzigkeit, wenn Firmen vermehrt auf die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter achten?

Prof. Dieter Frey: Immer mehr Unternehmen realisieren schlichtweg, dass sie die guten Leute nicht mehr bekommen, wenn sie nicht auf eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben achten. Die jetzige Generation Y ist auch bereit, finanzielle Abstriche für mehr Freizeit zu machen. Eine unserer Untersuchungen zeigt etwa, dass die jungen Leute auch kein Problem mit einem längeren Arbeitsweg haben, wenn die Firma auf die Work-Life-Balance achtet.

Ist die junge Generation schlichtweg verweichlicht?

Frey: Nein, hier ist es wichtig zu sehen, dass sich die Arbeit auch verdichtet hat. Heute müssen oftmals weniger Angestellte die gleiche Arbeit schneller als etwa noch vor zwanzig Jahren erledigen.

Wie kann ich erkennen, dass ich aus meiner persönlichen Balance gerate?

Frey: Es gibt mehrere Indikatoren. Zunächst sinkt das Wohlbefinden, Betroffene gehen morgens nicht mehr gerne zur Arbeit, fühlen sich relativ leicht erschöpft, kündigen irgendwann innerlich und können sich abends und am Wochenende nicht mehr regenerieren.

Auch extreme körperliche Symptome sind nicht unüblich.

Der jeweilige Mensch fühlt sich zunehmend belastet von den Anforderungen. Das bedeutet: Die Balance zwischen den vorhandenen persönlichen Ressourcen und den einströmenden Belastungen ist nicht mehr gegeben. Auch extreme körperliche Symptome sind nicht unüblich.

Frey: Letztlich kann die gesamte Palette psychosomatischer Störungen auftreten: Magenschmerzen oder Magen-Darm-Störungen, Bluthochdruck, schlaflose Nächte, Appetitlosigkeit oder aber auch das Gegenteil, zu viel essen. Außerdem kämpfen Betroffene teils mit laufender Müdigkeit oder erhöhtem Alkoholkonsum.

Was können der Chef oder Kollegen tun? 

Frey: Wichtig ist, dass der Arbeitnehmer mit seinem Problem nicht alleine ist, sondern im Team Menschen ansprechen kann. Denn Kommunikation hilft. Weiterhin brauchen die Führungskräfte eine gewisse Sensitivität zu erkennen, wenn Menschen chronisch überlastet sind. Natürlich ist der Betriebs- oder Personalrat oft auch ein guter Ansprechpartner.

Wichtig ist Training von Führungskräften über gute und ethikorientierte Führung. Wo eine Balance zwischen Leistung und Menschlichkeit nicht gegeben ist, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Ausbrennens, auf Neudeutsch "Burnout".

Kann der Einzelne auch trainieren, mit Stress besser umzugehen?

Frey: Wichtig hier ist, zwischen sogenanntem Eustress und Distress zu unterscheiden. Der Eustress ist eher positiv und dient als Herausforderung. Der Distress ist die chronische Überlastung. Der Eustress kann in der Tat in etwas Positives umgewandelt werden, dass der Einzelne sagt: "Ich brauche den Zeitdruck, ich brauche die Herausforderung".

Wenn es zum sogenannten Distress wird, also zur chronischen Überlastung, hilft nur: lernen, "Nein" zu sagen. Betroffene können lernen, Arbeiten im Job umzuverteilen oder deutlich Unterstützung einzufordern.

Erschöpfte Promis: Sie litten unter Burnout

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