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Würmer sind Parasiten. Der Mensch ist für 18 Wurmarten ein guter Wirt. Die Parasiten können im menschlichen Darm, der Leber oder der Lunge leben.

Überlebenstricks der Parasiten

Der Wurm und sein Mensch

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Die meisten Menschen finden sie einfach nur eklig: die Vorstellung von Würmern in ihrem Körper. Wurm-Erkrankungen sind weltweit verbreitet, einige Parasiten können sogar nützlich sein.

Ekel ist übrigens ein Trick der Evolution: So vermeidet der Mensch instinktiv, verschmutztes oder übel riechendes Obst und Gemüse zu essen. In Fäkalien nämlich lauern die Eier vieler Wurmarten. 

Dr. Clarissa da Costa - Parasitologin an der TU München.

18 Arten gibt es, die ihr Zuhause im Menschen haben: Die kleinsten sind nicht mal ein Millimeter groß, die größten werden über zehn Meter lang! Diese Parasiten sind geniale Überlebenskünstler. Sie sind perfekt an ihre Umwelt im menschlichen Darm, der Leber oder der Lunge angepasst. Sie können sich so in den Organismus integrieren, dass sie vom Immunsystem nicht attackiert werden. Ein Drittel der Menschheit ist mit einem oder mehreren Wurmparasiten infiziert, die meisten davon leben in weniger entwickelten Ländern, aber auch bei uns sind Wurm­erkrankungen nicht selten. Wir sprachen mit der Münchner Parasitologin und Privatdozentin Dr. Clarissa Prazeres da Costa über die Behandlung von Parasiten-Erkrankungen und darüber, dass die unerwünschten Eindringlinge vielleicht zukünftig sogar Krankheiten heilen können. 

Bei welchen Symptomen sollte man an Würmer denken?

Dr. Clarissa Prazeres da Costa: Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass die Symptome nicht unmittelbar auftreten, sondern frühestens nach sechs bis acht Wochen. So lange dauert mindestens die Inkubationszeit. Die Beschwerden sind meist nicht schwerwiegend, es können Blähungen sein, eventuell Durchfall. Seltener kommt es zu übelriechendem Stuhl. Wenn man sich einen Bandwurm eingefangen hat, sieht man manchmal die Bandwurmstücke, die er abstößt.

Wie gelangen die Würmer in den Menschen?

Da Costa: Meistens ist es eine fäkal-orale Kontamination, das heißt Menschen nehmen verunreinigte Nahrung zu sich. Es gibt aber einige Arten, die direkt die intakte Haut durchdringen. Im Wasser sind dies die Erreger der Bilharziose, die auch Urlauber infizieren, wenn sie z. B. im Malawisee baden. An Land können sich die Larven von Hakenwürmern durch bloße Fußsohlen bohren. Die Erreger der Elephantiasis werden von Stechmücken übertragen.

Wie wird man Würmer los?

Zunächst muss man die meisten Patienten beruhigen, viele sind betroffen und erschrocken. Alle Erkrankungen kann man behandeln. Der Nachweis der Erreger erfolgt mit Stuhl- oder Blutproben, in denen man Eier oder Larvenstadien nachweisen kann. Bei Stuhlproben raten wir dringend dazu, drei unabhängige Proben an verschiedenen Tagen zu nehmen und untersuchen zu lassen. Es gibt jeweils Medikamente, manchmal reicht eine einmalige Gabe, manchmal ist es komplizierter. Madenwürmer, die bei uns weit verbreitet sind, können z. B. hartnäckig sein. 

Aufnahme zeigt die Kopfregion (Protoskolex) des Fuchsbandwurms (Echinococcus multilocularis) nach Färbung.

Ein ganz eigenes Kapitel ist der Fuchsbandwurm. Etwa 20 bis 40 Menschen erkranken jedes Jahr neu in Deutschland. Zum Nachweis identifiziert man Antikörper im Blut, fast immer haben die Betroffenen Zysten in der Leber. Der Fuchsbandwurm wächst dort wie ein krebsartiges Geschwür, er infiltriert das umliegende Gewebe und ist schwer einzudämmen. Kann er nicht durch eine Operation entfernt werden, ist meist eine lebenslange Einnahme von Tabletten nötig.

Wie häufig sind Wurmerkrankungen bei uns?

Bei uns sind Wurmerkrankungen selten, weniger als 0,01 Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Am häufigsten sehen wir Infektionen mit Madenwürmern, die in Deutschland natürlicherweise vorkommen.

Manchmal haben Patienten Spulwürmer, sehr selten diagnostizieren wir einen Rinderbandwurm. Aber, und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Diese Krankheiten kommen wieder im Zuge der Migration. Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern mit niedrigem Hygienstandard und bringen Parasiten mit. Kürzlich haben wir eine schwangere Frau aus Eritrea behandelt, die an einem Schweinebandwurm erkrankt war. Wenn Erkrankte nichts von ihrer Infektion wissen und nicht über die nötigen Hygienemaßnahmen informiert sind, können sich auch in Deutschland Menschen mit diesen Erregern infizieren.

Die Expertin

Clarissa Prazeres da Costa leitet die Abteilung Parasitologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der TU München. Sie erforscht die Reaktionen des Immunsystems auf den tropischen Erreger der Bilharziose (Schistosoma) und lehrt an der Medizinischen Fakultät der TUM Mikrobiologie und Tropenmedizin.

Perfekte Überlebenstricks der Parasiten

  • Madenwurm: 400 Millionen Menschen sind infiziert, Männchen bleiben 0,5 Millimeter klein, Weibchen werden dreimal so groß. Die Weibchen kriechen nachts aus dem Darm in den After, wo sie bis zu 10 000 Eier auf einmal ablegen. Gilt alshäufigste Wurmerkrankung in den Indus­triestaaten, besonders Kinder sind betroffen. Die Erkrankung verursacht starken Juckreiz. Wird gekratzt, bleiben Eier an den Fingern haften, die wenn sie an den Mund gelangen, wieder verschluckt werden, womit der Lebenszyklus von vorn beginnen kann.

  • Peitschenwurm: 750 Millionen Menschen vor allen in den Tropen sind betroffen. Er wird fünf Zentimeter groß und lebt im Darm des Menschen. Ab etwa 100 Würmern werden Menschen sehr krank.

  • Hakenwurm: Der Parasit dringt meist über nackte Fußsohlen in den Menschen ein und nistet sich in Darm und Lunge ein. Der Wurm ernährt sich vom Blut der Darmzotten, die er auflöst. 900 Millionen Menschen in den Tropen und Subtropen sind betroffen, 60 000 sterben pro Jahr.

  • Spulwurm: Verursacht Schmerzen und Durchfall, kann bei Kindern zu Mangelerkrankungen und Lernschwierigkeiten führen. Weltweit sind etwa 1,4 Milliarden Menschen befallen. Weibchen können bis zu 40 Zentimeter groß werden. Sie legen bis zu 200 000 Eier am Tag!

  • Pärchen-Egel (Schistosomen): Verursacht die Krankheit Bilharziose, an der jedes Jahr bis zu 20 000 Menschen sterben. Der Wurm ist ein Verwandlungskünstler, der im Körper des Menschen und in Süßwasserschnecken einen komplizierten Lebenszyklus durchläuft. Organschäden sind die Folge. Das ausgewachsene Weibchen lebt in der Bauchfalte des Männchens.

  • Fuchsbandwurm: Der Wurm siedelt sich in Organen wie Leber und Lunge an, wo er wuchern und das Gewebe zerstören kann. Unbehandelt sterben 90 Prozent der Infizierten. Die größten Bandwürmer, die im Menschen heimisch werden können, sind der Rinderbandwurm mit bis zu zehn Metern und der Fischbandwurm, der noch länger werden kann. Gerade in Südostasien kommt diese Art häufiger vor.

  • Haarwurm: Im Jugendstadium als Filarien gelangen die Erreger über den Stich einer Mücke in den Menschen, wo sie im Lymphsystem eine chronische Entzündung und schließlich einen Lymphstau verursachen, der zu grotesken Schwellungen von Körperteilen führen kann – das ist die Krankheit Elephantiasis. Das Wucheria-bancrofti-Weibchen ist zehn Zentimeter lang, aber nur 0,3 Millimeter dick.

Medikamente aus Wurmeiern?

Schon in Papyrusschriften aus den Jahren 1500 v. Chr. werden Erkrankungen mit Spulwürmern beschrieben. Der Mensch hatte vermutlich immer schon Würmer, die Wissenschaft spricht von einer gemeinsamen Evolutionsgeschichte: In Hunderttausenden von Jahren haben Würmer gelernt, sich im Körper unsichtbar zu machen und vom Immunsystem nicht entdeckt zu werden. Sie produzieren Stoffe, die Entzündungsreaktionen verhindern, oder sie regen die Bildung von Zellen an, die die Abwehr unterdrücken. Die Pharmaindustrie ist an solchen Stoffen interessiert, da sie bei Organtransplantationen Abstoßungsreaktionen verhindern können. 

Würmer sollen auch helfen, Autoimmunerkrankungen zu behandeln: Im Zeitalter der Hygiene gibt es für das Immunsystem wenig zu tun: Daher attackiert es immer öfter körpereigenes Gewebe oder reagiert auf harmlose Dinge – wie Pollen – zu stark. Untersucht wird, ob die Tricks der Würmer, das ­Immunsystem in Schach zu halten, bei der Behandlung von Allergien, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder Multipler Sklerose helfen können. 

Erste Ansätze mit Wurmeiern waren interessant, aber Dr. da Costa warnt vor zu viel Euphorie: „Es gibt große Studien, bei denen mit Wurmeiern geforscht wird. Diese zeigen zwar teilweise einen positiven Einfluss auf Entzündungsreaktionen, aber das ist eben alles noch Forschung. Wir in München arbeiten auch viel auf diesem Gebiet, aber bis zum neuen Wurmtherapeutikum wird es noch dauern.“

Susanne Stockmann

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