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Immer mehr Kinder haben zu weichen Zahnschmelz.

Mysteriöse Krankheit

Zähne, die ­einfach ­zerbröseln

Der Schreck ist groß, wenn bei einem Sechsjährigen die ersten bleibenden Backenzähne kommen – und diese schon kaputt sind, bevor sie überhaupt richtig aus dem Zahnfleisch herausgewachsen sind.

Normalerweise härtet der Zahnschmelz zu einem der robustesten Stoffe aus, den die Natur kennt. Doch bei dieser Erkrankung ist er bräunlich oder ins gelblich, orangene verfärbt und platzt bei ­kleinster Belastung stückchenweise ab. Und an den Schneidezähnen werden unschöne weiße Flecken beobachtet. Molaren-Inzisiven-­Hypomineralisation (MIH) nennen Zahnärzte dieses Phänomen, das erst seit gut drei Jahrzehnten bekannt ist und heute etwa zehn bis 15 Prozent der Kinder in Indus­trienationen betrifft.

Die Erkrankung ist umso rätselhafter, da sich die Zahngesundheit bei Kinder und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten konsequent verbessert hat. Prophylaxe-Programme haben Wirkung gezeigt. Wir sprachen mit Dr. Jan Kühnisch, dem Leiter der Abteilung für Kinderzahnheilkunde der LMU-Zahnklinik, über die Zahngesundheit von Kindern und Jugendlichen.

Was ist die Ursache der mysteriösen Erkrankung MIH?

Dr. Jan Kühnisch: Dazu gibt es etliche Theorien, wobei die eigentliche Ursache nach wie vor ungeklärt ist. Unstrittig ist, dass die Zellen, welche den Zahnschmelz bilden, während ihrer aktiven Phase geschädigt werden. Dies geschieht bereits Jahre vor dem Zahndurchbruch und kann prinzipiell schon mit der Geburt des Kindes beginnen. Dabei können Infektionen und deren Behandlung mit Antibiotika während der Kindheit genauso in Frage kommen wie Umwelteinflüsse. Aber welcher Faktor welchen Einfluss hat, kann man derzeit nicht genau sagen.

Sie forschen selbst zu dem Phänomen der unzureichend mineralisierten Zähne, was sind Ihre Erkenntnisse?

Leiter Kinderzahnheilkunde LMU Dr. Jan Kühnisch.

Kühnisch: Wir haben Ergebnisse von mehr als 1000 Kindern und Jugendlichen aus München vorliegen, die wir gerade im Alter von 15 Jahren zum wiederholten Male untersucht haben. Aus der Basisuntersuchung wissen wir, dass Karies an den Zähnen ganz klar seltener geworden ist. Waren Anfang der 80er-Jahre bei Kindern im Alter von zwölf Jahren im Durchschnitt sechs bleibende Zähne kaputt, liegt dieser Wert heute bei etwa einem Zahn pro Kind! Dieser Trend kann aus vielen Studien abgelesen werden. Unabhängig davon spielt die MIH eine deutliche Rolle. Ob das daran liegt, dass diese Erkrankung heute mehr auffällt, weil die Zähne insgesamt gesünder geworden sind, ob sie in der Vergangenheit häufiger mit Karies verwechselt wurde oder die Zahnärzte mehr auf MIH achten, ist nicht geklärt. Proportional entfielen bei den untersuchten Zehnjährigen etwa ein Drittel der Zahndefekte auf die MIH, die anderen zwei Drittel auf Karies. Dieses Verhältnis hat uns schon überrascht. Neben diesen Zahlen ist jedoch auf die Belastung für die Kinder und Familien zu verweisen. Die betroffenen Zähne sind sehr temperatur- und schmerzempfindlich. Jedes Eis, jeder heiße Tee und das Zähneputzen können Schmerzen bereiten. Das ist für die Mundhygiene ein Problem und macht die Behandlung schwierig.

Wie werden die betroffenen Zähne behandelt?

Kühnisch: Die Therapie hängt ab von der Größe der Zahnzerstörung und von der Mitarbeit der kleinen Patienten. Die Mehrzahl der Kinder lässt sich glücklicherweise gut behandeln und auch benötigt „nur“ etwa jeder zehnte betroffene Zahn anhand unserer Daten eine „Reparatur“. Allerdings entfällt dieser Anteil auf die Backenzähne, welche wiederum nicht so leicht zu behandeln sind. Prinzipiell wird die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt versuchen, kleinere Defekte mit einer haltbaren Komposit-Füllung zu versorgen. Aber auch hier wissen wir, dass die Überlebensraten von solchen Füllungen an MIH-Zähnen niedriger sind und öfter Wiederholungsfüllungen notwendig werden. Auch bei sehr großen Defekten versuchen wir den Zahn mit einer Komposit-Füllungen zu stabilisieren, weil das zu diesem frühen Behandlungszeitpunkt das minimalst invasive Vorgehen ist.

Kann man den Schmelz nachträglich mit Cremes oder Gels härten?

Kühnisch: Man kann mit den altbekannten Strategien wie Reinigung, Fluoridierung und auch mit neueren Methoden sicherlich ein bisschen was erreichen. Aber im Vergleich zum Defekt sind das geringe Effekte. Eine Regeneration ist bislang nicht möglich.

Soll man Karies im Milchgebiss behandeln oder kann man warten, bis der Zahn rausfällt?

Kühnisch: Grundsätzlich muss man schon für die Sanierung plädieren, insbesondere dann, wenn wir über die frühkindliche Karies reden. Aber die Welt ist offener geworden: Wir beobachten in den vergangenen Jahren den Trend, dass die Familien sich viel früher mit kleinen Kariesdefekten vorstellen und die Narkose zur Zahnsanierung von den Eltern immer auch zurückhaltend diskutiert wird. Wenn es kleine, gut reinigbare Läsionen sind, sind nicht- oder minimal invasive Behandlungstechniken immer denkbar. Dies erfordert aber immer die Ernährungsumstellung, z.B. Wasser statt zucker- und säurehaltiger Getränke trinken und das Nachputzen durch die Eltern. Beide Aspekte sind ohnehin unumgänglich, um keine weitere Karies entstehen zu lassen. Aber gerade bei der frühkindlichen Karies, welche meist durch die häufige und regelmäßige Aufnahme zucker- und säurehaltiger Getränke entsteht, ist eine Behandlung unumgänglich. Die Bandbreite der Therapie reicht von der kleinen bis zur großen Füllung, über die konfektionierte Krone (vorgefertigte Krone, die in einer Sitzung auf dem Zahn zementiert wird) bis hin zur Entfernung von zerstörten Zähnen, welche einfach nicht mehr restauriert werden können.

Ist die kieferorthopädische Behandlung gefährlich für Zähne?

Kühnisch: Es ist eine Phase erhöhten Risikos. In dieser Phase ist es notwendig, dass die Kinder und Jugendlichen exzellent ihre Zähne pflegen und zusätzliche Maßnahmen wie Zahnseide, Zahnzwischenraumbürstchen und Mundspüllösung zum Einsatz kommen. Diese Methoden sind in dieser Phase obligatorisch. Sonst ist einige Zeit später der Schreck groß, wenn sich um die Brackets unschöne oder sogar behandlungsbedürftige Entkalkungen gebildet haben.

Der Experte

PD Dr. Jan Kühnisch ist Leiter der Abteilung Kinderzahnheilkunde an der Münchner LMU-Klinik für Zahnerhaltung und Paradontologie.

Schon den ­ersten Zahn pflegen

Sobald sich das erste Zähnchen zeigt, muss es geputzt werden. In der Drogerie oder in der Apotheke gibt es Zahnbürsten und Zahnpasta für jede Altersgruppe. Ganz wichtig ist jedoch, dass die Eltern bis etwa zum Beginn des Schulalters nachputzen, um sicherzustellen, dass wirklich alle

Karies bei Kindern wird seltener, dafür zerbröseln häufig die ersten bleibenden Backenzähne.

Zähne bzw. Zahnflächen sauber sind. Zum Zahnschutz gehört auch eine mundgesunde Ernährung, die auf zuckerhaltige Getränke und Süßigkeiten – wie Säfte, Schorlen, Softdrinks, Eistee – möglichst verzichtet. Dr. Jan Kühnisch: „Ob jemand Karies bekommt oder nicht, beeinflusst er mehrheitlich selbst.“ Und dabei spielt die Ernährung die entscheidende Rolle. Wenn jemand nicht darauf achtet, dann sind Kariesvorstufen oder Löcher mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit die Folge oder es entsteht Sekundärkaries an Füllungen oder Kronen. Ebenso werden mittlerweile gehäuft säurebedingte Zahnschäden (Erosionen) beobachtet.

Dass Karies trotz des bekannten Rückgangs immer noch präsent ist zeigt ein weiterer Trend: Während Löcher im Zahn seltenen geworden sind, beobachten Zahnärzte heute viel häufiger Kariesvorstufen. Diese Kariesvorstufen stellen das Risiko für Löcher in den Folgejahren dar – wenn die Erkrankung nicht gestoppt wird.

Karies

Karies ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten. Ursache sind die weißlichen Beläge, die sich auf jedem Zahn nach kürzester Zeit bilden, die sogenannten Plaques. Dieser Biofilm enthält verschiedene Bakterien, darunter auch die Leitkeime der Karies, Streptokokken und Laktobazillen, die aus Zuckermolekülen für den Zahnschmelz schädliche Säuren produzieren, die gefürchteten Löcher entstehen.

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