+
Eine Hand greift in einem Naturkostladen nach einem glutenfreien Brot.

Leben mit Zöliakie

Wenn das tägliche Brot krank macht

München - Sie hätte sterben können, wäre die Krankheit unentdeckt geblieben: Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, leidet an Zöliakie. Das Getreideeiweiß Gluten macht sie krank.

Nach jedem Essen ging es ihr schlecht. Wenig später fühlte sich Hannelore Kraft unwohl, wie aufgebläht. Auch Magenschmerzen kamen oft hinzu, manchmal Durchfall. Kein Arzt konnte der Politikerin sagen, woher die Beschwerden kamen. „Vielleicht der Stress“, rätselten sie und verschrieben Eisentabletten.

Hannelore Kraft schluckte diese jahrelang. Sie halfen gegen den Eisenmangel, aber nicht gegen die Magen-Darm-Beschwerden. Diese wurden mit der Zeit noch schlimmer. Die Politikerin wurde immer dünner, zugleich wuchs ihre Angst. Erst als sie selbst im Internet recherchierte, fand sie auf der Seite der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft eine Erklärung. Untersuchungen beim Arzt bestätigten ihren Verdacht: Sie leidet an Zöliakie. Gluten, ein Eiweiß, das in jedem Weizenkorn steckt, macht sie krank.

"Das Problem ist, verstecktes Gluten zu meiden"

„Bis heute ist die einzige Erfolg versprechende Therapie der lebenslange Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel“, sagt Dr. Helmut Oberritter von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Doch das ist nicht so einfach: Gluten, auch Klebereiweiß genannt, steckt in den meisten Backwaren. Es macht den Teig für Brot und Semmeln erst so schön klebrig. Nicht nur in Weizen, sondern auch anderen Getreidesorten wie Roggen, Gerste und Dinkel ist es enthalten. „Auf Pizza, Pasta und Brot zu verzichten, ist aber nicht das Problem“, sagt Prof. Detlef Schuppan, der am Uniklinikum Mainz eine Zöliakieambulanz leitet. „Das Problem ist, verstecktes Gluten zu meiden.“ Denn das Eiweiß steckt auch in vielen industriell hergestellten Lebensmitteln, etwa als Emulgator, um Wasser mit Fett zu verbinden. Auch in Gewürzmischungen, Suppen, Soßen, Süßigketen, sogar Lippenstift und Zahnpasta kann es stecken – glutenfrei zu leben ist kompliziert.

Kraft macht die Zöliakie für den Krebstod ihres Vater verantwortlich

Doch für Zöliakie-Patienten lohnt es sich: Hannelore Kraft ist heute beschwerdefrei. Statt Semmeln gibt es bei ihr Maisbrot, statt Spaghetti Reisnudeln. Sie weiß, was im Körper passiert, wenn man nicht konsequent verzichtet. Es kommt zu einer chronischen Entzündung des Dünndarms. Dort wird ein Großteil der Nährstoffe aufgenommen, darunter Eisen, Calcium und viele Vitamine. Weil das mit großer Oberfläche besser geht, hat der Dünndarm innen Ausstülpungen. Die Entzündung zerstört diese Zotten langsam. Viele Patienten haben daher Mangelerscheinungen: Sie leiden an Blutarmut, fühlen sich müde und schwach, weil ihnen Eisen fehlt. Calciummangel lässt die Knochen auf Dauer porös werden. Betroffene Kinder wachsen nicht richtig. Sogar das Risiko für einige Krebsarten, etwa Lymphome, steigt.

Hannelore Kraft macht die Zöliakie auch für den frühen Krebstod ihres Vater verantwortlich. Er könnte ebenfalls an der Krankheit gelitten haben, vermutet sie. Möglich ist es: Ist ein Verwandter ersten Grades betroffen, steigt auch das eigene Risiko, an Zöliakie zu erkranken auf 15 Prozent.

"Es gibt eine große Dunkelziffer"

Schätzungen zufolge leidet in Deutschland etwa einer von 150 bis 250 Menschen an Zöliakie, vielleicht mehr. „Es gibt eine große Dunkelziffer“, sagt Schuppan. Zumal nicht alle Patienten die typischen Beschwerden haben. Dennoch wird die Diagnose heute häufiger gestellt. „Es ist in der Tat eine Zunahme zu beobachten“, sagt Prof. Andreas Stallmach vom Uniklinikum Jena. Er geht von einem Anstieg um den Faktor drei in den vergangenen fünfzig bis hundert Jahren aus.

Woran das liegt, ist unklar. Einen Grund sieht Schuppan in den verbesserten Diagnosemöglichkeiten. Auch das Bewusstsein für Zöliakie ist gewachsen. Es könnte also sein, dass diese einfach seltener unentdeckt bleibt. Doch Experten wie Schuppan und Stallmach vermuten weitere Faktoren – etwa veränderte Ernährungsgewohnheiten und Umweltfaktoren.

Tatsächlich gehört Zöliakie wie Diabetes Typ I zu den Autoimmunerkrankungen – und die nehmen weltweit zu. Eine Theorie: Weil das Immunsystem dank guter Hygiene weniger zu tun hat, greift es bei manchen Menschen körpereigene Strukturen an.

Bei der Zöliakie bildet der Körper Antikörper gegen ein Enzym im Endomysium, ein feines Bindegewebe, das unter anderem unter der Dünndarmschleimhaut liegt. Diese Gewebe-Transaminase hat Schuppans Team bereits 1997 als Autoantigen bei der Zöliakie beschrieben – als körpereigenes Angriffsziel der Antikörper also.

Beim Verdacht auf Zöliakie untersucht der Arzt daher das Blut auf diese Antikörper. Für eine sichere Diagnose entnimmt man zudem Gewebeproben aus dem Dünndarm. Gibt es darin Anzeichen einer Entzündung, heißt das: lebenslanger Verzicht auf Gluten. Die Patienten werden so meist beschwerdefrei.

Das kann auch der Fall sein, wenn Patienten Darm- oder auch andersartige Beschwerden hatten, eine Zöliakie oder Weizenallergie aber ausgeschlossen wurde: Sie leiden an der immer noch oft so genannten Glutensensitivität. Dabei ist der Übeltäter bei ihnen wohl gar nicht Gluten.

"Glutenfreie Kost ist für Gesunde nicht schädlich"

Für Zöliakie-Patienten ist das wachsende Angebot an glutenfreien Produkten eine Erleichterung. Bei vielen Gesunden erweckt dies aber offenbar den Eindruck, Gluten sei per se ungesund. Auch der Bestseller „Weizenwampe“ befeuert die Glutenangst. Autor William Davis macht darin den Weizenkonsum für zahllose Krankheiten verantwortlich. „Viel Pseudowissen und Halbwahrheiten“, wettert Schuppan. „Glutenfreie Kost ist für Gesunde nicht schädlich, aber auch nicht gesünder“, bestätigt Stallmach.

Weil das aber viele glauben und es den Verkauf fördert, steht der Hinweis auf immer mehr Produkten – auch, wenn die generell kein Gluten enthalten wie etwa ungefüllte Schokolade oder Hartkäse. In Spanien werde gar ein Mineralwasser mit dem Aufdruck „sin gluten“ angeboten, meldet die Verbraucherzentrale Bayern.

Wer jedoch Beschwerden hat und sich von einer glutenfreien Kost Besserung verspricht, sollte erst zum Arzt gehen. Es einfach auszuprobieren, kann die Diagnose verschleiern. Zumal sich die Beschwerden meist bessern, die Betroffenen aber nicht so konsequent verzichten wie es nötig ist. Denn das müssen sie, zumindest vorerst: Denn Forscher wie Schuppan versuchen Medikamente zu entwickeln. Die sollen zumindest Produkte mit verstecktem Gluten für Zöliakie-Patienten wie Hannelore Kraft verträglich machen.

Von Andrea Eppner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Frau hat rätselhafte Augeninfektion - aus pikantem Grund
Erst bekommt eine Frau ein schwarzes Auge, dann stirbt ein Hund in den eigenen vier Wänden. Der Grund ist seltsam, schockierend – und lebensgefährlich zugleich.
Frau hat rätselhafte Augeninfektion - aus pikantem Grund
Weichmacher, Mineralöle & Co.: So sehr schaden Ihnen Kokosprodukte
Kokosöl und -wasser werden von Promis und Fitnessgurus mega-gehypt. Doch jetzt kommt heraus: Viele Produkte weisen laut Ökotest bedenkliche Schadstoffe auf.
Weichmacher, Mineralöle & Co.: So sehr schaden Ihnen Kokosprodukte
Erkältungsratgeber: Gut vorbeugen, Turbo-Tipps und Hausmittel
Eine Erkältung ist nervig und kann manchmal sehr lange dauern. Welche Tipps gegen fiese Viren helfen und ob pflanzliche Medikamente was bringen, erfahren Sie hier.
Erkältungsratgeber: Gut vorbeugen, Turbo-Tipps und Hausmittel
Liegt Homosexualität doch in den Genen? Studie will Beweis haben
Sind die Gene doch verantwortlich für Homosexualität? Das behauptet jetzt zumindest eine neue Studie. Ihre Erkenntnisse sorgen für Staunen.
Liegt Homosexualität doch in den Genen? Studie will Beweis haben

Kommentare