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Inflation erreicht im Mai 7,9 Prozent

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Inflation
Höhere Inflationsraten senken die Kaufkraft. Verbraucherinnen und Verbraucher können sich für einen Euro weniger leisten. © Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Die Teuerung in Deutschland steigt und steigt: Im Mai zog die Inflation auf bereits rekordverdächtigem Niveau weiter an. Volkswirte machen Verbrauchern wenig Hoffnung, dass die Preise bald sinken.

Wiesbaden - Die Teuerung in Deutschland ist mit 7,9 Prozent auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren gesprungen. In einigen Bundesländern hat die jährliche Inflationsrate die Acht-Prozent-Marke bereits überschritten.

Volkswirte rechnen nicht damit, dass das Preisniveau sich rasch entspannen wird - im Gegenteil. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher machen sich angesichts unvermindert kletternder Preise für Energie und Lebensmittel Sorgen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

Verbraucherpreise dürften weiter stark steigen

Im laufenden Jahr liegt die Inflation in Deutschland im dritten Monat in Folge deutlich über sieben Prozent. „Angesichts anhaltend hoher Preise für Rohstoffe, Transportleistungen und andere Vorprodukte dürften die Verbraucherpreise auch in den nächsten Monaten stark steigen“, prognostizierte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht Mai. „Vor dem Hintergrund der starken Teuerung auf den vorgelagerten Stufen dürfte die Inflationsrate aus heutiger Sicht im Mittel des laufenden Jahres bei etwa 7 Prozent liegen.“

Im März war die jährliche Teuerungsrate von 5,1 Prozent sprunghaft auf 7,3 Prozent gestiegen, im April lag die Rate bei 7,4 Prozent. Von April auf Mai 2022 zogen die Preise um 0,9 Prozent an, wie das Statistische Bundesamt am Montag anhand vorläufiger Daten mitteilte.

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man in der Zeitreihe bis in den Winter 1973/1974 zurückgehen, um ähnlich hohe Werte zu finden. Damals waren die Mineralölpreise infolge der ersten Ölkrise stark gestiegen.

Energiepreise und Lieferkettenprobleme als Inflationstreiber

Seit Monaten treiben stark gestiegene Energiepreise die Inflation in Deutschland wie im Euroraum. Dieser Trend verschärfte sich noch durch den russischen Angriff auf die Ukraine. Zudem hat die Industrie wie während der Corona-Pandemie damit zu kämpfen, dass Lieferketten nicht reibungslos funktionieren. Im Mai mussten Verbraucher hierzulande nach Berechnungen des Wiesbadener Bundesamtes für Energie 38,3 Prozent mehr zahlen als vor Jahresfrist, Lebensmittel verteuerten sich um 11,1 Prozent.

Für Entwarnung sei es noch zu früh, meint Jörg Zeuner, Chefvolkswirt des Fondsanbieters Union Investment. „Ein Umfeld anhaltend hoher Inflationsraten wie etwa in den 1970er Jahren ist allerdings unwahrscheinlich.“ Dennoch rechnet Zeuner erst ab Ende 2022 mit einem deutlichen Rückgang der Teuerung und erst ab Anfang 2024 mit Inflationsraten, die mit 2 Prozent bis 2,5 Prozent deutlich näher an der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen: „Der wesentliche Grund: Nachfrage und Angebot sollten bis dahin besser in Einklang miteinander kommen.“

Die EZB peilt mittelfristig stabile Preise bei 2,0 Prozent Inflation an. Der für die Geldpolitik maßgebliche harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI lag in Europas größter Volkswirtschaft Deutschland im Mai um 8,7 Prozent über Vorjahresniveau.

Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger leisten können. Die Bundesregierung hat zwei milliardenschwere Pakete geschnürt, um die Menschen zu entlasten.

Viele Verbraucher sorgen sich um Lebensstandard

Doch bei Verbrauchern wächst angesichts der hartnäckig hohen Inflation die Sorge. In einer Erhebung im Auftrag der Auskunftei Schufa gaben 38 Prozent der 1000 Befragten an, dass es ihnen zunehmend schwerfallen werde, die Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen. Im Januar hatten sich 28 Prozent entsprechend geäußert. 14 Prozent und damit vier Prozentpunkte mehr als im Januar müssen nach eigener Einschätzung wahrscheinlich einen Kredit aufnehmen, um ihren Lebensstandard zu halten.

Nach aktuellen Berechnungen des Kreditversicherers Allianz Trade müssen die Menschen für Lebensmittel in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch einmal deutlich mehr bezahlen. „In Deutschland dürften die Preise im Lebensmitteleinzelhandel 2022 um mehr als zehn Prozent anziehen“, fasste Allianz-Trade-Handelsexperte Aurélien Duthoit zusammen. Pro Kopf entspreche das im Schnitt 250 Euro Mehrkosten im Jahr.

Selbst steigende Löhne helfen kaum noch gegen die hohe Teuerung: Zwar legten die Tarifverdienste einschließlich Sonderzahlungen in Deutschland in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres im Durchschnitt um 4,0 Prozent zum Vorjahreszeitraum zu, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Doch weil die Verbraucherpreise in dem Zeitraum um 5,8 Prozent anzogen, hatten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter dem Strich letztlich sogar weniger im Geldbeutel.

Die jüngste Entwicklung der Importpreise spricht für ein anhaltend hohes Preisniveau. Im April 2022 lagen die Preise für nach Deutschland eingeführte Güter um 31,7 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Das ist der stärkste Zuwachs seit September 1974. Steigende Rohstoffpreise landen letztlich in der Regel bei den Verbrauchern, weil Produzenten höhere Einkaufspreise ganz oder teilweise an Kunden weitergeben.

Zinswende zeichnet sich ab

Nach langem Zögern peilt die EZB inzwischen eine Zinswende an: Die Notenbank hat in Aussicht gestellt, mit zwei Zinsschritten im Juli und September dieses Jahres die derzeit negativen Einlagenzinsen von minus 0,5 Prozent zu beenden. Mit höheren Zinsen kann steigende Inflation bekämpft werden. Andere Notenbanken wie die Fed in den USA oder die Bank of England haben ihre Leitzinsen bereits erhöht.

EZB-Chefvolkswirt Philip R. Lane dämpfte jedoch in einem am Montag veröffentlichten Interview Hoffnungen auf ein noch schnelleres Ende der Negativzinsen im Euroraum. „Was wir derzeit sehen, ist, dass es angemessen ist, die negativen Zinssätze bis zum Ende des dritten Quartals abzubauen, und dass der Prozess schrittweise erfolgen sollte“, sagte Lane der spanischen Zeitung „Cinco Días“. Lane stellte mit Blick auf den durch den Ukraine-Krieg ausgebremsten konjunkturellen Aufschwung klar: „Der Ausstieg aus den Negativzinsen im September bedeutet nicht, dass die Zinssätze hoch sein werden - sie werden immer noch relativ stützend sein.“ dpa

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