Interview

„Jeder Ratsuchende, der sich bei uns meldet, bleibt anonym“

Seit 1999 ist die kids-hotline im Netz – die Zahl der Ratsuchenden steigt jährlich. Rund 70 Fachkräfte, darunter Psychologen, Pädagogen und Seelsorger, kümmern sich um verzweifelte Kinder und Jugendliche.

Alle Berater arbeiten ehrenamtlich. „In der Regel erhalten die Ratsuchenden bereits nach 24 Stunden eine Antwort“, sagt die Leiterin des Projekts, Emily Engelhardt. Und: „Jeder, der sich meldet, bleibt anonym.“

- Was ist das Besondere an der Beratung?

Es sind die öffentlichen Foren. Jeder hat die Möglichkeit, unsere Seite zu besuchen, zu schauen, was wir konkret machen – und dann auch individuelle Anfragen zu stellen. Es gibt aber auch viele, die nie selbst schreiben, dafür vieles mitlesen und sich dadurch Antworten auf ihre Fragen holen.

- In den meisten Fällen geht es um sehr sensible Themen: Liebeskummer, Sucht, Probleme in der Familie, Gewalt, Selbstmordgedanken . . .

Deshalb ist auch die Anonymität so wichtig! Vor allem Kinder und Jugendliche, die auf dem Land leben, nutzen unser Online-Angebot. In der Region fehlen ja nicht selten Beratungsstellen. Und oft trauen sich die Kinder nicht, vor der eigenen Haustür Hilfe zu suchen. Sie haben große Angst davor, dass sie jemand erkennt.

- Sie sagen, bei kids-hotline geht es vor allem um Hilfe zur Selbsthilfe. Was heißt das konkret?

Unsere Berater wollen den Jugendlichen in erster Linie eine Orientierung geben. Wenn zum Beispiel jemand schreibt, er habe große Probleme mit seinen Eltern, versuchen die Berater zunächst durch gezielte Fragen herauszufinden, wo diese großen Probleme liegen. Dann haken sie nach, was der Ratsuchende schon versucht hat, um seine Probleme anzugehen. Und anschließend soll er eine Einschätzung abgeben, wer in seinem Umfeld für ihn eine Hilfe sein könnte, damit er einen besseren Draht zu seinen Eltern bekommt. Über die Antworten, die der Jugendliche gibt, soll er seinen eigenen Weg finden. Wir Berater stupsen ihn einfach nur in diese Richtung.

- Neben den Experten arbeiten bei der kids-hotline auch 15 „Peers“, also Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, die andere Jugendliche beraten. Warum ist das wichtig?

Alle unsere Peers arbeiten ehrenamtlich. Sie sollen aus ihrer eigenen Lebenssicht schreiben – damit sind sie auf Augenhöhe mit den Ratsuchenden. Mit jedem Peer führen wir natürlich ausführliche Bewerbungsgespräche. Wir wollen wissen: Welche Beweggründe hat der Kandidat? Auf welche Erfahrungen kann er zurückgreifen? Ist er seelisch stabil? Jugendliche, die selbst in einer Konfliktsituation stecken oder eine Therapie machen, nehmen wir nicht in das Team auf. Die Verantwortung, andere zu beraten, wäre für sie zu groß.

- Die Beratung ist kostenlos und es gibt auch keine Werbung auf der Internetseite. Wie finanzieren sie sich?

Nur über Spenden. Und damit kommen wir gerade so über die Runden. Aber um ehrlich zu sein: Das Geld reicht bei weitem nicht aus. Doch der Bedarf nach Beratung steigt. Durch eine gesicherte Finanzierung könnten wir noch viel mehr junge Menschen erreichen. bn

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