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Formulierungen im Arbeitszeugnis können Stolperfallen bergen.

Verstecktes Notensystem

Arbeitszeugnis: Was die Geheimcodes bedeuten

München - Ein gutes Arbeitszeugnis erleichtert die Jobsuche ungemein. Doch was versteckt sich hinter den positiven Formulierungen wirklich? Welcher Note entsprechen die Beurteilungen?

Ob betriebsbedingte Kündigung oder Lust auf eine neue Aufgabe: Bei der Jobsuche muss man sich auf dem Arbeitsmarkt durchbeißen. Das ist mit einem guten Arbeitszeugnis wesentlich erfolgversprechender. Die Beurteilung kann der Schlüssel zum Vorstellungsgespräch sein. Doch dafür muss es beim potenziellen neuen Chef gut ankommen. Aber wer hat überhaupt Anspruch auf ein Zeugnis? Was muss drinstehen? Und was steckt wirklich hinter den positiven Formulierungen?

Wer hat Anspruch auf ein Arbeitszeugnis?

Voll- und Teilzeitkräfte müssen ebenso eine Beurteilung bekommen wie Mini-Jobber, Praktikanten, Volontäre und Auszubildende, wie die Stiftung Warentest berichtet. Juristen fordern dieses Recht auch für freie Mitarbeiter.

Wann kann ich nach einer Beurteilung fragen?

In der Regel bekommen Angestellte ein Zeugnis, wenn das Arbeitsverhältnis beendet ist – egal, wie lange jemand im Unternehmen tätig war. Möglich ist es auch, während der Beschäftigung ein Zwischenzeugnis zu bekommen. Dafür muss aber „ein triftiger Grund vorhanden sein“, unterstreicht Martina Perreng vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Denkbar ist eine geplante Bewerbung. Das ist allerdings etwas heikel, weil der Chef dann von den Absichten erfährt, das Unternehmen zu verlassen. Auch bei einer Versetzung innerhalb der Firma kann ein Zeugnis Sinn machen, zum Beispiel, wenn der Vorgesetzte wechselt. Auch eine absehbare Kündigung ist ein Grund, sich ein Zwischenzeugnis ausstellen zu lassen. Nur so kann man sich frühzeitig auf dem Arbeitsmarkt umschauen und bewerben.

Was muss im Arbeitszeugnis aufgeführt sein?

Grundsätzlich muss es schriftlich verfasst und vom Chef – zumindest aber einem ranghöheren Arbeitnehmer – unterschrieben werden. Für eine Beurteilung gibt es zwei verschiedene Varianten: die einfache und die qualifizierte Bewertung. „Während einfache Zeugnisse nur Art und Dauer der Tätigkeit wiedergeben, bewertet das qualifizierte Zeugnis auch Fähigkeiten, Leistungen und Führung“, erläutert Perreng. Dieses wird nur auf Verlangen ausgestellt. Automatisch kann ein Arbeitnehmer keine ausführliche Bewertung erwarten. Wird sie aber ausgehändigt, sollte sie eine Einleitung mit Angabe der Dauer der Beschäftigung im Unternehmen umfassen, eine Beschreibung der speziellen Tätigkeitsbereiche sowie eine individuelle Bewertung der Leistungen. Genau da wird es heikel. Denn Arbeitgeber sind rechtlich verpflichtet, ein wohlwollendes Zeugnis mit positiven Formulierungen auszustellen. Ein neuer Chef kann dennoch leicht herauslesen, wie zufrieden der Arbeitgeber wirklich war. Denn aufgrund der Verpflichtung zu netten Zeilen hat sich eine Art Geheimcode mit speziellen Formulierungen entwickelt, die ganz klar eine Bewertung wiederspiegeln und mit Noten gleichzusetzen sind (siehe Auflistung unten). Auch eine Schlussformel sagt etwas über den Mitarbeiter aus: Wenn der Chef nicht „sein tiefes Bedauern über den Weggang“ oder Ähnliches ausdrückt, klingt keine große Traurigkeit über den Verlust mit. Wünscht ein Arbeitgeber dem Mitarbeiter „insbesondere Gesundheit“, lässt das auf viele krankheitsbedingte Fehlzeiten schließen. Kündigt man selbst, darf man eine Schlussformel nicht zwingend erwarten. Grundsätzlich „steht der Wortlaut im Ermessen des Arbeitgebers“, unterstreicht Perreng. „Der Arbeitnehmer hat keinen Anspruch auf eine bestimmte Formulierung.“ Das gilt für das gesamte Zeugnis. Er kann aber erwarten, dass seine Leistung angemessen dargestellt wird.

Was darf nicht in der Bewertung auftauchen?

Krankheitsbedingte Fehltage und Urlaub haben nichts im Zeugnis zu suchen. Auch eine Elternzeit darf nur angesprochen werden, wenn sie „mehr als die Hälfte der Gesamtbeschäftigungsdauer ausgemacht hat“, schreiben die Experten von der Stiftung Warentest in ihrem Zeugnis- Check. Das hat ein Gericht entschieden (BAG, Az. 9 AZR 261/04). Auch frühere Abmahnungen haben nichts in der Beurteilung verloren.

Und wenn mir das Zeugnis nicht passt?

Dann sollte man um Korrektur bitten. Denn der Arbeitgeber ist verpflichtet, die Leistung wahrheitsgemäß darzustellen. Persönliche Animositäten müssen außen vor bleiben. Allerdings sollte man seine Einwände fundiert begründen können. Häufig sind negative Zwischentöne auch gar nicht beabsichtigt, sondern die Folge mangelnden Wissens beim Arbeitgeber. Auch Rechtschreibfehler sollten beanstandet werden.

Was tue ich, wenn der Chef nichts ändern will?

Dann ist es ratsam, seine Korrekturwünsche inklusive Begründung schriftlich an die Personalabteilung und an den Chef zu senden – versehen mit einer Frist zur Berichtigung. Wenn die unbeachtet verstreicht, lohnt es sich, einen Anwalt einzuschalten und notfalls zu klagen. Aber man muss vor Gericht beweisen, dass die Leistung eine bessere Note verdient hätte.

Was hinter den positiven Formulierungen wirklich steckt:

Hinter den positiven Formulierungen im Arbeitszeugnis stecken klare Botschaften – man muss sie aber herauslesen können. Einige Beispiele:

„...stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.“: sehr gut (Note1)

„...stets zu unserer vollen Zufriedenheit.“: gut (Note 2)

„...zu unserer vollen Zufriedenheit.“: befriedigend (Note 3)

„...zu unserer Zufriedenheit.“: ausreichend (Note 4)

„... insgesamt zu unserer Zufriedenheit.“ mangelhaft (Note 5)

„...hat sich bemüht...“: ungenügend (Note 6)

„...entsprach fachlich den Anforderungen und Erwartungen“ kann signalisieren: Zwischenmenschlich gab es Probleme.

„...hat die Arbeitszeit korrekt genutzt“ sagt: Überstunden kamen für den Mitarbeiter nicht in Frage. Er legt Wert auf pünktlichen Feierabend.

„... war in der Lage, seine eigene Meinung zu vertreten“ und „...hat ein gesundes Selbstbewusstsein“ will heißen: Der Kollege ist wenig kritikfähig.

„Erfolg beim Delegieren“ deutet auf einen Drückeberger hin.

„...ist ein geselliger Mitarbeiter“ kann durch die Blume auf ein Alkoholproblem hinweisen.

„... ist ein kommunikativer Mitarbeiter“ attestiert dem Arbeitnehmer Geschwätzigkeit

Janine Tokarski

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