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Andrea Wiesner und Albert Sikora ist die Unterstützung der Kinder bei der Berufswahl sehr wichtig.

Interview zur Berufswahl

Die Lage am Ausbildungsmarkt ist optimal

Was will ich mal werden? Und wie kann ich das verwirklichen? Diese Fragen stellen sich alle Schüler, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Albert Sikora, Lehrer und Direktor an der Mittelschule Bergkirchen, hilft bei der Beantwortung...

Im Interview erklärt er und seine Kollegin und Konrektorin Andrea Wiesner, auf was es bei der Berufswahl ankommt und wie Schulen dabei helfen, den Traumjob zu finden.

Würden Sie sagen, dass es die letzten Abschlussschüler schwer hatten, einen Ausbildungsberuf zu finden?

Sikora: Nein, ich denke nicht. Der Ausbildungsmarkt war und ist auch für die kommenden Abschlussschüler in Oberbayern ideal. Es gibt genug Ausbildungsplätze, man muss sich nur bewerben und ein wenig Engagement und Interesse aufbringen.

Wie sieht es mit Ihren Schülern aus, wie viele Schulabgänger haben keinen Ausbildungsplatz bekommen?

Sikora: Keiner, und das freut uns wirklich sehr. Von unseren 40 bis 45 Abschlussschülern 2013 konnten wir jeden gut unterbringen.

Wie viel Prozent Ihrer Schüler machen denn nach der Schule eine Ausbildung?

Sikora: Das kommt auf die Klasse an. Schüler, die nach der neunten Klasse gehen, machen zu etwa zwei Drittel eine Ausbildung. Schüler aus der MKlasse, also nach der zehnten, teilen sich in zwei Hälften. Die eine Hälfte geht auf weiterführende Schulen, zum Beispiel auf die FOS, und die andere lernt einen Ausbildungsberuf.

Hat sich in den letzten zehn Jahren etwas in der Welt der Ausbildungen geändert?

Sikora: Die gravierendste Veränderung ist die Art der Unterstützung, die Kinder auf dem Weg zur Ausbildung erfahren. Früher haben sich hauptsächlich und überwiegend die Eltern oder Bekannten um die berufliche Zukunft der jungen Menschen gekümmert. Heute ist die Berufsorientierung viel mehr auf die Schule übergegangen. Was sich überhaupt nicht geändert hat, ist, dass bei den meisten Betrieben der Charakter und das persönliche Engagement oftmals mehr zählen als letztlich die Noten. Um jedoch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, spielen die Noten eine wichtige Rolle.

Was tut Ihre Schule, um die Schüler bei der Berufswahl zu unterstützen?

Sikora: Ab der siebten Klasse geht es bei uns so richtig mit der Berufsorientierung los. Hier beginnen die Schülerinnen und Schüler auch den sogenannten Berufswahlordner zu führen, in dem sie all ihre Aktivitäten in Sachen Berufsorientierung während ihrer Schulzeit sammeln. So haben die Jugendlichen ihr persönliches Nachschlagewerk in Sachen Berufsorientierung. Daneben spielen natürlich die zahlreichen Praktika oder verschiedene berufskundliche Projekte ebenfalls eine zentrale Rolle in der Berufsorientierung.

Was sind das für Projekte?

Sikora: Es gibt natürlich die Berufsinformationstage, an denen etwa 20 Betriebe mit jeweils einem Ausbilder und meist einem Auszubildenden zu uns kommen und sich und ihre Berufe vorstellen. Dieses Mal haben wir die Eltern mit eingeladen, und die Reaktionen waren durchweg positiv. An solchen Veranstaltungen konnten sich sogar schon einige ihren Ausbildungsplatz sichern, ähnlich wie beim Testbewerberverfahren. Dabei arbeiten wir immer sehr eng mit den Betrieben aus der Region zusammen.

Wie genau läuft so ein Testbewerberverfahren ab?

Sikora: Hier kommen mehrere Betriebschefs zu uns und stellen mit unseren Schülern Bewerbungsgespräche nach. Sie geben anschließend oder schon währenddessen Tipps. Natürlich arbeiten wir mit den Schülern dafür schon etwas vor, wie man das bei einem echten Bewerbungsgespräch auch tun würde.

Wie sieht es mit der Nacharbeit aus? Werden solche Infotage und Projekte auch im Nachhinein besprochen?

Sikora: Ja, und das ist uns auch sehr wichtig. In den Klassen wird mit den Klassenlehrern auch sehr viel über das Thema berufliche Zukunft gesprochen. Ganz wichtig ist das Projekt „Job-In Dachau“, das über die Agentur für Arbeit und dem Landkreis Dachau finanziert wird. Jeden Freitag kommt hier derselbe Mitarbeiter zu uns in die Schule und besucht die Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klassen. Dabei setzt er sich ganz konkret mit der speziellen Berufsorientierung eines jeden einzelnen auseinander. So bespricht er Bewerbungen, organisiert Praktikumsplätze oder zeigt Alternativen bei der Berufswahl auf.

Was raten Sie Ihren Schülern während dieser Entscheidungsphase?

Sikora: Immer offen für alles sein und sich nicht auf einen Beruf festbeißen. Nicht schon mit 14 sagen, ich will Mechatroniker werden, und nichts anderes mehr zulassen. Die Betriebspraktika während der Schulzeit nutzen und verschiedene Berufe austesten. Wichtig ist, dass man sich in seinem letztlich gewählten Beruf wohl fühlt und Freude dabei hat.

Die Berufswahl und das Bewerben ist eine Sache, aber wie bereiten Sie die Schüler denn auf das echte Arbeitsleben vor?

Sikora: Zum einen natürlich über die Betriebspraktika – kein Unterricht der Welt kann die praktische Erfahrung ersetzen. Dabei werden zum Beispiel in der 8. Jahrgangsstufe bis zu vier Wochen zur Verfügung gestellt. Daneben gibt es noch diverse berufskundliche Projekte, wie z.B. die Gestaltung des Pausenhofes. Hier arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit Fachleuten aus dem Handwerk zusammen und bekommen so einen Einblick in die Arbeitswelt. Egal ob man einen Weg pflastert, einen Kräutergarten anlegt oder ein Klettergerüst baut – nichts kann die konkrete Arbeit am Objekt ersetzen. Auch die neu eingeführte Projektprüfung rückt Qualifikationen wie Teamfähigkeit und Organisationstalent mehr in den Mittelpunkt. Aufgabe hier kann zum Beispiel sein, in der Gruppe einen CD-Ständer zu bauen. Die Schüler müssen dann von dem Entwurf über den Einkauf bis hin zur Fertigung alle Aufgaben in der Gruppe erledigen und diese dann schließlich präsentieren. Darüber hinaus spielen unsere sogenannten profilbildenden Fächer Wirtschaft, Soziales und Technik eine ganz wesentliche Rolle in der Berufsorientierung, wo neben der Theorie auch die Praxis eine wichtige Rolle spielt. In der 7. Klasse können die Schüler noch in jedes dieser drei Fächer hineinschnuppern. Ab den 8. Klassen müssen sie sich dann für einen „Zweig“ entscheiden. Das alles bereitet auf die Arbeitswelt vor, hilft aber gleichzeitig natürlich auch, die eigenen Interessen zu finden, und somit bei der Berufswahl.

Haben Sie einen Ansprechpartner an Ihrer Schule?

Sikora: Ja, das ist unser Lehrer Klaus Nefzger. Er ist Ansprechpartner und Organisator für all unsere Berufswahlangelegenheiten, nicht nur für die Betriebe draußen, sondern auch für uns Lehrer oder die Schüler. Er ist perfekt dafür, da er selbst aus einer Handwerkerfamilie stammt und zum Lehrersein erst durch Umwege kam. Er machte eine Banklehre, wollte dann aber sein Abitur nachholen und studierte schließlich. Deswegen weiß er, wie es vielen Schülern geht und kennt auch alternative Wege. Außerdem ist er ein sehr offener Mensch und hält regen Kontakt mit den Betrieben vor Ort.

Was haben Sie in Ihrer langjährigen Erfahrung als Lehrer in Sachen Ausbildung beobachten können?

Sikora: Die Berufsorientierung ist eine sehr wichtige Sache, dennoch sollte man immer auch eine gewisse Lockerheit mitbringen. Während der Schuljahre entwickeln sich die jungen Menschen und orientieren sich öfters neu. Wichtig ist es, sich nicht nur auf einen Beruf zu versteifen und sich nichts einreden zu lassen, schließlich muss man eventuell mehrere Jahrzehnte in diesem Beruf arbeiten. Und noch etwas – die Zufriedenheit im Leben hängt nicht alleine von der Berufswahl ab.

Interview: Miriam Kohr

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