Heiß begehrt: Auszubildende sind in vielen Branchen heuer Mangelware.

Betriebe müssen um Azubis buhlen

München - Am Montag beginnt das neue Ausbildungsjahr - und noch sind tausende Lehrstellen in München unbesetzt. Auch, weil Jugendliche bei der Berufswahl heute wählerischer sind. Viele Unternehmen suchen händeringend Azubis - und lassen sich dabei einiges einfallen.

In München boomen die Firmen, und mit ihnen die Lehrstellen. Morgen beginnt das neue Ausbildungsjahr - und noch rund 2670 von 10 550 gemeldeten Stellen sind unbesetzt, wie die Münchner Agentur für Arbeit informiert. Diesen stehen nur 1100 unversorgte Bewerber gegenüber. Betroffen sind vor allem Einzelhandel, Medizin, Handwerk sowie Hotellerie und Gastronomie.

Die Gründe für den Bewerbermangel sind vielfältig. Oft wird vermutet, dass schlicht der Nachwuchs fehlt. Doch demografischer Wandel spiele in München - anders als etwa in Oberfranken - keine große Rolle, sagt Josef Amann von der Münchner Industrie- und Handelskammer (IHK). Eher liege es an der „starken Tendenz“ zum Studium.

Zudem, so Laura Pulz vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), würden Jugendliche wählerischer. In manchen Branchen herrschten schwierige Bedingungen - bei Arbeitszeiten, Ausbildungsqualität, Bezahlung. Häufig fehle es an Weiterbildungs- und Aufstiegschancen, etwa im Metzgereifach. Das schrecke viele Jugendliche ab, die zunehmend den Traumberuf suchen - oder andere Prioritäten setzen: „Sie ordnen nicht alles beruflichem Erfolg unter, sondern wollen auch Freunde, Familie und Hobbys pflegen“, sagt Amann, „eben die Work-Life-Balance.“ Wegen der Eingebundenheit in familiäre Kreise, so Pulz, seien sie auch ökonomisch nicht so abhängig von einer Stelle. Und: Das boomende München, das überproportional viele Plätze biete, sei angewiesen auf Pendler und „Zuagroaste“ - für diese werde die Stadt aber wegen der teuren Lebenshaltung und der schwierigen Wohnungssuche immer unattraktiver.

Also strengen sich Betriebe in München an, um Azubis zu bekommen. Etwa indem sie Leute frühzeitiger verpflichten, sagt Amann. Und: „Unternehmen sehen sich heute auch Bewerber an, bei denen sie früher gleich gesagt hätten: Nein, danke.“ Kathrin Wickenhäuser, Chefin des Münchner „Hotel Cristal“, bestätigt: „Wir schauen kaum auf die Noten.“ Nur so, sagt Amann, könnten die Arbeitgeber „Potenziale erschließen“ - also Leute finden, die durchs klassische Bewerbungs-Raster fallen: weil sie mittelprächtige Zeugnisse haben oder schlechte Deutschkenntnisse, weil sie Kinder haben oder studieren wollen.

Zu den Maßnahmen, die Firmen ergreifen, gehört die Einstiegsqualifizierung: ein Langzeitpraktikum, in dem Jugendliche auf die Ausbildung vorbereitet werden. Dies bietet etwa die Deutsche Bahn mit ihrem Programm „Chance plus“. Viele Betriebe bieten ein duales Studium, bei dem ein Azubi zugleich einen Bachelor-Abschluss erwirbt. Und: „Auch Teilzeitausbildung wird einen großen Kreis erschließen“, so Amann - gerade junge Alleinerziehende, in München „um die 2000 Personen“. Bislang jedoch seien erst ein paar Dutzend Verträge abgeschlossen.

Wickenhäuser nennt weitere Beispiele: Statt Bewerber nach Noten zu sortieren, würden sie zum Probearbeiten eingeladen, denn: „Viel wichtiger ist die Freude am Beruf.“ Kollegen übten mit ihnen für die Schule, Migranten dürften gute Deutschkurse besuchen, soeben habe eine Teilzeit-„Azubine“ angefangen. Wickenhäuser freut sich: „Wir konnten alle Plätze besetzen.“ Sie sagt, ihre Branche biete zwar „anstrengende Berufe“ wegen der 24-Stunden-Arbeitszeiten - doch sie könne auch flexible Ausbildungsmodelle anbieten.

Unversorgten Bewerbern rät die Arbeitsagentur, sich nach Stellen umzuschauen. Amann: „Verträge werden noch bis in den Januar abgeschlossen.“

Christine Ulrich

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