Von der Werkbank oder dem Büro in den Hörsaal: 32 000 Menschen studieren in Deutschland ohne Abitur oder Fachhochschulreife. Die Zahl der Studienanfänger ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung hat sich seit 1997 vervierfacht.

Ausbildung

Studieren ohne Abitur

Auch ohne Abitur an der Uni studieren? Das ist kein Widerspruch. Eine abgeschlossene Berufsausbildung plus mehrjährige Berufserfahrung qualifizieren in Deutschland zum Studium – auch ohne Abitur.

Welche Voraussetzungen gelten? Welche Chancen und Fördermöglichkeiten gibt es? Ein Überblick.

Tina Siebert hat weder ein Abitur noch eine Fachhochschulreife – trotzdem studiert die 26-Jährige seit Herbst vergangenen Jahres Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Ihre abgeschlossene Berufsausbildung plus zwei Jahre Berufserfahrung sowie eine Fortbildung zur Wirtschaftsfachwirtin IHK machten den Weg an die Universität frei. Damit folgt die junge Frau einem immer stärkeren Trend: Allein zwischen 1997 bis 2011 hat sich die Zahl der Studienanfänger ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland nahezu vervierfacht – auf 2,3 Prozent aller Studienanfänger. Das ist gemessen an anderen Ländern in Europa zwar immer noch relativ wenig, doch die Tendenz geht deutlich nach oben. Derzeit studieren insgesamt rund 32 000 Menschen ohne Abitur oder Fachhochschulreife an deutschen Universitäten und Fachhochschulen.

Erleichterter Hochschulzugang

Vor allem der Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) aus den Jahr 2009 hat deutliche Erleichterungen beim Hochschulzugang auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife gebracht. So können Erwachsene mit abgeschlossener Berufsausbildung und dreijähriger Berufspraxis inzwischen in sämtlichen 16 Bundesländern nach einem bestandenen Eignungstest ein berufsverwandtes Studienfach an einer Fachhochschule studieren. Die Meisterprüfung oder vergleichbare Fortbildungsabschlüsse berechtigen jetzt in allen Bundesländern (außer in Brandenburg) zum allgemeinen Studium. Und: Wer in ein anderes Bundesland umzieht, dessen Hochschulzugangs-Berechtigung wird für das Weiterstudium dort anerkannt.

Da Bildung Ländersache ist, bestehen in den einzelnen Bundesländern aber noch immer viele Detailregelungen. „Nordrhein-Westfalen und Berlin zum Beispiel verzichten für die fachbezogene Hochschulzugangsberechtigung, neben Berufsabschluss und dreijähriger Berufspraxis, komplett auf die Eignungsprüfung“, sagt Sigrun Nickel, Forscherin am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh.

In Bayern gilt grundsätzlich: Eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erhält, wer erfolgreich eine Meisterprüfung abgelegt hat – oder einen vergleichbaren Fortbildungsabschluss in der Tasche hat. Außerdem muss ein Beratungsgespräch geführt werden. Für eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung sind eine zweijährige Berufsausbildung mit dreijähriger Berufserfahrung erforderlich. Zusätzliche Hürden: Beratungsgespräch plus Eignungstest.

Möglichkeiten der Förderung

Nicht nur Erleichterungen im formalen Zugang sind dafür ausschlaggebend, ob sich beruflich Qualifizierte für eine Weiterbildung durch ein Studium entscheiden oder nicht. In vielen Fällen ist es vor allem das liebe Geld und der Verzicht auf Einkommen, die zögerlich machen. Wer Werkbank oder Büro mit dem Campus tauscht, muss dies finanzieren. Welche Fördermittel gibt es?

-Bafög: Wer es nicht schafft, das Studium aus eigenen Mitteln zu finanzieren, und wenn auch Eltern oder der Lebenspartner dies nicht leisten können, der hat die Möglichkeit, staatliche Unterstützung in Form von Bafög zu beantragen. Bafög wird zur einen Hälfte als Zuschuss und zur anderen Hälfte als zinsloses Darlehen gewährt. Der Höchstsatz liegt derzeit bei 670 Euro. Wer mit eigenen Kindern unter zehn Jahren im Haushalt lebt, bekommt für das erste Kind noch mal 113 Euro und für jedes weitere Kind 85 Euro als Vollzuschuss dazu. Grundsätzlich wird Bafög nur bis zum 30. Lebensjahr bezahlt, wenn ein Erststudium begonnen wurde. Wer die Förderung für ein Masterstudium beantragt, darf nicht älter als 35 sein.

-Stipendien: Eine weitere Möglichkeit der Studienfinanzierung sind Stipendien. Sie werden von vielen kirchlichen, parteinahen, aber auch privaten Stiftungen angeboten. Voraussetzung ist der Nachweis von überdurchschnittlichen Leistungen oder einer besonderen Begabung.

Fördergelder gibt es etwa in Höhe der Bafög-Sätze. Dazu kommt noch ein Büchergeld von 150 Euro. Müssen eigene Kinder versorgt werden, wird häufig auch hierfür noch ein Zuschuss gewährt. Anders als Bafög, müssen Stipendien nicht zurückgezahlt werden. Leider sind die meisten Stipendien altersbegrenzt: In der Regel liegt die Förderhöchstgrenze bei 30 Jahren.

-Aufstiegsstipendium: Damit vermehrt auch Berufserfahrene die Chance auf ein Stipendium erhalten, hat die Bundesregierung 2008 das Aufstiegsstipendium eingerichtet. Es ist eines von bislang zwei Förderprogrammen, die sich explizit auch an Studierende ohne Abitur wenden. Eine konkrete Altersbegrenzung gibt es beim Aufstiegsstipendium nicht.

Voraussetzung ist ein besonders guter Abschluss oder ein Sieg an einem bundesweiten beruflichen Leistungswettbewerb. Wer ausgewählt wurde, erhält im Vollzeitstudium pro Monat 670 Euro plus 80 Euro Büchergeld sowie Zuschüsse, wenn eigene Kinder unter zehn Jahren versorgt werden müssen. Studierende, die sich für ein berufsbegleitendes Studium entscheiden, können jährlich 2000 Euro erhalten. Das Aufstiegsstipendium muss nicht zurückgezahlt werden.

Auch die Stipendien der Hans-Böckler-Stiftung richten sich ausdrücklich an Studierende ohne Abitur, allerdings nur für ausgewählte Studiengänge.

Finanzierung mit Studienkredit

Wenn trotzdem Finanzlücken bleiben, gibt es noch die Möglichkeit, einen Studienkredit aufzunehmen. Ein Studienkredit ist aber immer die teuerste Form der Studienfinanzierung, denn er muss zu 100 Prozent zurückgezahlt werden, dazu kommen noch Zinsen und Bearbeitungsgebühren. Anders als bei einem normalen Kredit wird die Kreditsumme nicht auf einmal, sondern monatlich ausbezahlt.

In Deutschland gibt es viele verschiedene Anbieter für Studienkredite mit teilweise sehr unterschiedlichen Konditionen. Wichtig bei der Auswahl ist auf eine möglichst hohe Flexibilität zu achten: So sollte es möglich sein, die Rate kurzfristig zu reduzieren oder ganz aussetzen zu können, wenn zum Beispiel während der Semesterferien gejobbt werden kann. Andersherum sollte aber auch eine Erhöhung machbar sein, wenn besonders studienintensive Zeiten vor Prüfungen anstehen. Auch die Rückzahlungsmodalitäten bei Studienabbruch oder späterer Arbeitslosigkeit sollten vor dem Abschluss geklärt sein.

Anja Lang

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gibt es unter Fax-Abruf 09001/2526 6554 (1 Minute = 62 Cent / 6 Seiten) bis 29.  März. Das Fax-Gerät auf „Polling“ oder „Sendeabruf“ stellen, Fax-Service-Nummer wählen und Starttaste drücken. Kein Fax? Dann senden Sie einen mit 0,90 Euro frankierten Rückumschlag plus 1,45 Euro in Briefmarken unter dem Stichwort „Studieren ohne Abitur“ an: Versandservice, Lerchenstr. 8, 86938 Schondorf

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