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Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus ist Gymnasialdirektor in Bayern

Experte im Interview

Bildungstage: Der Trend zum Premiumkind

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, berichtet bei den Bildungstagen München am kommenden Wochenende über „Helikoptereltern“ – Eltern, die ihr Kind bis zur totalen Kontrolle überbehütet. Dazu vorab ein Interview.

Vor zwei Jahren erschien ihr Bestseller über „Helikoptereltern“ – also Eltern, die ihr Kind bis zum Förderwahn umsorgen. Hat sich seit ihrer Diagnose daran etwas geändert?

Bedingt. Einerseits hat das Phänomen nennenswerte Teile der Mittelschicht erfasst. Helikoptereltern sind ein internationales Phänomen – was man auch daran merkt, dass mein Buch nun ins Koreanische übersetzt worden ist und es Anfragen auch aus Japan und China gibt. Aber auch immer mehr Leute reflektieren darüber kritisch. Das merke ich bei den Vorträgen, die ich halte.

Gibt es neue Ausprägungen des Kontrollwahns?

Ja, die gibt es. Handy mit GPS-Ortung, mit denen überbesorgte Eltern ihr Kind ausstatten, sind ja nichts Neues. Neu ist aber zum Beispiel die App eines Anbieters mit GPS-Ortung für Studenten – Eltern können dann sehen, ob sich ihr Sohn um 10 Uhr noch in der Studentenbude fläzt, oder aber pünktlich im Hörsaal erschienen ist. In den USA gibt es den Wunsch der Eltern, in den Kindergärten Kameras zu installieren, in die man sich via Skype einschalten kann – um vom Arbeitsplatz aus zu beobachten, was der oder die Kleine gerade so tut.

Was steckt denn hinter diesem Wunsch nach totaler Kontrolle und schier wahnhafter Förderung?

Da überlappen sich mehrere Einflüsse. Ein Faktor ist der Trend zur Ein-Kind-Familie. In dieses eine Kind wird dann alles an Ehrgeiz hineinprojiziert. Es wird zum Designerkind, zum Premiumkind, das von den Eltern wie ein Portfolio dann herumgezeigt wird. Eine Rolle spielt auch, dass Eltern immer älter werden. Das Erstgeburtalter einer Frau liegt heute bei 31 Jahren, bei Akademikerfrauen sogar jenseits der 35. Je älter sie sind, desto weniger unbefangen sind sie und desto geplanter ist der Erziehungsvorgang. Hinzu kommt der Einfluss diverser Bildungsexperten, die sich auf die Aussagen versteift haben: Kinder haben im globalen Haifischbecken nur mit Bachelor oder Master eine Chance – deswegen unbedingt Abitur und Nachhilfe schon in der Grundschule.

Wie viel Kümmern macht Sinn?

Der Pädagoge Theodor Litt hat gesagt: Erziehen heißt, den Mittelweg zu finden zwischen Führen und Wachsen lassen. Führen heißt: Den Kindern Orientierung geben, auch mal Nein sagen. Wachsen lassen heißt: Die Kinder müssen sich frei entfalten. Jede einseitige Betonung des ein oder anderen Pols ist falsch. Den Mittelweg muss man womöglich täglich neu bestimmen. Das heißt, bei einem Neunjährigen, der seine Hausaufgaben nicht macht, muss man anders reagieren als bei einer 16-Jährigen Tochter, mit der man über Ausgehen am Abend diskutiert. Für die Eltern habe ich den Rat: Vergesst alle Erziehungsratgeber, sie sind meist das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgeben. Stattdessen wäre mehr Bauchgefühl, Intuition, Leichtigkeit und bitte auch Humor in der Erziehung angebracht.

Das Gespräch führte Dirk Walter


Weitere Informationen finden Sie auf der neuen Webseite der Bildungstage München.

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