1. Startseite
  2. Leben
  3. Karriere
  4. Bildungstage München

Interview mit Professor Gerd Schulte-Körne: Was an der Schule zu psychischen Belastungen führen kann

Erstellt:

Kommentare

Bei der Wahl der Schule sollten Eltern einige Punkte beachten.
Bei der Wahl der Schule sollten Eltern einige Punkte beachten. © PantherMedia / olly18

Schwierigkeiten beim Lernen, keine ausreichende individuelle Förderung und schlechte Noten. Manche Kinder fühlen sich in der Schule unter permanentem Leistungsdruck.

Wie können Eltern diesen Sorgen begegnen und welche Rolle spielt dabei die Wahl der richtigen Schule? Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni München, spricht im Interview über psychische Belastungen der Kinder und den Teufelskreis, wenn die Noten immer schlechter werden.

Herr Prof. Dr. Schulte-Körne, jedes fünfte Kind gilt als psychisch belastet. Was ist die Ursache?

Es gibt nicht nur eine Ursache. Vielmehr ist es ein Zusammenwirken von individuellen Belastungen des Kindes, von Belastungen innerhalb der Familie und zum Teil biologischen Faktoren.

Was belastet denn die Kinder?

Schülerinnen und Schülern erleben sich oft unter einem hohen Leistungs- und Erfolgsdruck. Ich sage bewusst erleben, denn sie selbst schildern diesen Leistungsdruck als Belastung. Auch Trennungen, eine psychische oder körperliche Erkrankung der Eltern, ja selbst deren Stress im Job kann sich auf die Kinder auswirken.

Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München.
Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München. © Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne

Kann auch die Schulart eine Ursache für eine solche psychische Belastung sein, weil sich das Kind dort nicht richtig aufgehoben fühlt?

Die Schulart an sich ist in der Regel keine Ursache dafür. Das ginge zu weit. Allerdings spielen natürlich die individuelle Situation in der Klasse, das Verhältnis zu den Lehrern und die Noten eine wichtige Rolle. Hat das Kind Schwierigkeiten beim oder mit dem Lernen, ist entscheidend, ob und wie das Kind in der jeweiligen Schule individuell gefördert und integriert wird.

Ist eine individuelle Förderung und Betreuung in der Schule überhaupt möglich?

Man muss jetzt nicht alle Lehrkräfte zu Psychotherapeuten schulen. Trotzdem braucht es Aufmerksamkeit, um zu erkennen, dass ein Kind eine Belastung hat und sein Verhalten nicht auf zum Beispiel mangelnde Motivation zurückzuführen ist. Um die Gründe der Belastung zu erfahren, muss man das Kind individuell ansprechen. Das muss die Lehrkraft nicht alleine lösen, dafür gibt es Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter und andere Experten, die unterstützen können.

Was sind die ersten Anzeichen für Belastungen?

Genau das ist das Problem, vor allem bei Kindern, die ängstlich oder depressiv und deshalb eher stumm sind. Das erste Anzeichen ist meist, dass sich das Lernverhalten ändert. Dass die Kinder mit den Aufgaben weniger zurecht kommen und mehr mit sich selbst als mit der Schule beschäftigt sind.

Das heißt, die Noten schlechter werden?

Ja, sie werden mit der Zeit sogar deutlich schlechter. Das verstärkt sich übrigens, weil ein Teufelskreis in Gang kommt. Die Schüler denken, sie schaffen die Aufgaben nicht und machen dann immer weniger.

Wann ist es Zeit für einen Schulwechsel oder Zeit, auf dem Bildungsweg eine andere Richtung einzuschlagen?

Häufigste Ursache für einen Schulwechsel, zum Beispiel vom Gymnasium auf die Realschule, sind die Leistungen. Hier muss man aber auch sagen, dass Kinder, die beispielsweise Lernstörungen haben oder psychisch in besonderem Maße belastet sind, in staatlichen Gymnasien immer noch zu wenig integriert werden. Auch wenn die Kinder intelligent und gut begabt sind, funktioniert für sie die Realschule oft besser. So ist das leider.

Wie ist es mit dem Wechsel von einem Gymnasium zum anderen?

Das ist eher ein Phänomen in größeren Städten, in denen es mehrere Gymnasien mit verschiedenen Schwerpunkten gibt. Oder in denen es Gymnasien gibt, die einen sehr leistungsbezogenen Schwerpunkt haben, und Schulen in privater Trägerschaft, die eher versuchen, Schüler zu integrieren und individuell zu fördern.

Gibt es bei Kindern spezielle Typen für spezielle Schularten?

Die Schulwahl hängt oft von den Überzeugungen der Eltern ab. Wenn sie an einer Montessori-Schule selbst positive Erfahrungen gemacht haben, wünschen sie sich das auch für ihr Kind und ziehen andere Schulformen als die Regelschule eher in Betracht. Hinzu kommt: Kinder, die vielleicht Schwierigkeiten haben, werden dort tatsächlich in der Regel besser integriert und gefördert als in der Regelschule.

Worauf sollten Eltern bei der Wahl der Schule achten?

Wenn sie sich über die Schule informieren, bekommen sie ja schon Hinweise darauf, wie die Schule aufgestellt ist. Wie ist das Schulkonzept, wo liegt der Schwerpunkt der Schule? Wichtig ist auch das Schulklima und ob sich Schüler und Lehrer mit der Schule identifizieren, was man beispielsweise bei Veranstaltungen mitbekommt.

Glauben Sie, Eltern kennen die vielfältigen Möglichkeiten, die es in Deutschland in Sachen Schule und Bildung gibt?

Ich denke, dass viele Eltern sehr gut informiert sind oder sich sehr gut über die Schulangebote informieren. In München und Umgebung ist das auch sinnvoll, da es eine große Auswahl gibt. In manchen ländlichen Regionen hingegen ist von vornherein klar, auf welche Schule das Kind geht, weil es vor Ort keine Wahl gibt. Da ist das Gymnasium in der Kreisstadt und die Realschule und die Mittelschule – und das war‘s.

Das heißt, in den Städten gibt es freie Auswahl?

Naja, Sie wissen selbst, dass die Plätze auf weiterführenden Schulen sehr begehrt sind und es manchmal schwierig ist, in einem anderen Gymnasium einen Platz zu bekommen. Da ist der Sprengel nicht unerheblich. Wünschen kann man sich vieles, aber außer im Privatschulbereich klappt das eben nicht immer.

Zur Person:

Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München. Seine Fachgebiete sind unter anderem psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktiviätsstörung), Ess-, Angst- und depressive Störungen sowie Schulabsentismus.

Andreas Ritter

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
der Inhalt dieses Artikels entstand in Zusammenarbeit mit unserem Partner. Da eine faire Betreuung der Kommentare nicht sichergestellt werden kann, ist der Text nicht kommentierbar.
Die Redaktion