Marco Wehr ist Physiker und Philosoph. Foto: fkn

Interview zu den Schultagen München 

Das Genie der frühen Jahre

München - Marco Wehr (53) aus Tübingen ist Physiker und Philosoph. Zuletzt schrieb er „Kleine Kinder sind große Lehrer. Das Genie der frühen Jahre“. Darüber wird er auch bei den Schultagen München am Sonntag, 1. Februar, sprechen. Vorab ein Interview.

Sie sprechen vom Genie der frühen Jahren. Das hören alle Eltern gern, dass ihr Kind ein Genie ist.

Moment. Ich schmeichele nicht den Eltern, sondern der Evolution, die das Kleinkind mit der perfekten Strategie ausgestattet hat, um sein Gehirn selbst zu programmieren. Es hat von Anfang an eine optimale Lernstrategie.

Lernstrategie für banale Dinge wie Laufen lernen?

Das ist ein großer Denkfehler, diese Dinge als banal zu bezeichnen. Gehen, seine Hände bewegen, zeigen, sprechen – das sind neurobiologisch betrachtet die komplexesten Dinge, die es gibt – das ist viel komplizierter jedenfalls als zum Beispiel Schach-Spielen. Es gibt keinen Roboter, der wie ein Kind flüssig läuft oder seine Kunsthände im Sehfeld von Augen vernünftig bewegen kann – es gibt aber Roboter, die Schach spielen. Wie ein Kind lernt, ist das komplizierteste, was es gibt.

Das Kind wächst auf, wird älter – und dann kommt die Schule. Bremst sie die Entfaltung?

Bis zum Alter von vier oder fünf Jahren ist ein Kind intrinsisch motiviert, das bedeutet, es lernt von alleine. Danach geht die Motivation ein Stück weit auf Eltern und Lehrer über.

Was ist wichtig für die Motivation?

Leute, die was können, weil Kinder über Vorbildfunktionen lernen. Sie brauchen aber auch Freiräume, um sich entwickeln zu können – und wenn man sich die heutige Schule ansieht, muss man sie eher als Hemmschuh betrachten. Meine älteste Tochter hat 40 Wochenstunden Unterricht – das ist mehr, als ein VW-Arbeiter in Wolfsburg am Fließband steht. Dann haben Kinder keine Zeit mehr, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich selbst zu motivieren und zu lernen.

Wie müsste sich Schule ändern?

Ich hätte da relativ radikale Vorschläge.

Legen Sie los.

Es muss eine Fremdsprache geben, die perfekt gesprochen wird – nämlich Englisch. Weitere Kernkompetenzen sind Deutsch und Mathematik. Andere Fremdsprachen sind fakultativ, man sollte sie je nach Neigung wählen. In Summe sollten es höchstens 30 Wochenstunden sein. Damit die Kinder Zeit haben, Fußball zu spielen, mal Tanzen zu gehen, ein Buch zu lesen.

Oder aber am Computer abzuhängen.

Da kommen die Eltern ins Spiel. Eltern müssen Lust haben, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen – eigentlich eine absolute Selbstverständlichkeit, die aber aus der Mode gekommen ist. Was ein Kind braucht, sind Zeit und Zutrauen, Zuwendung und Zuneigung – ich nenne das die vier elementaren Z.

Es darf aber nicht im Bemuttern ausarten?

Sehr richtig. Das wäre dann Überbehütung. Ich habe hier in Tübingen ein Tanzstudio. Die motorischen Fähigkeiten mancher Kinder sind desaströs – sie können teilweise nicht mehr Rückwärtslaufen, von Treppenstufen springen oder auf einem Bein stehen. Das kommt davon, wenn man sein Kind überall hinfährt.

Es wird überall hingefahren, aber früh gefördert: Englisch schon im Kindergarten, montags Klavier, dienstags Reiten, am Mittwoch Yoga usw. – also eine Überförderung.

Ich bin nicht der Meinung, dass Kinder von vorneherein genial sind. Aber sie eignen sich die Werkzeuge für die Welt des Wissens an – also alles, was man neurobiologisch lernen muss, damit man kommunizieren kann. Da braucht man nicht noch weitere Lernanforderungen oben drauf zu pfropfen. Das ist überflüssig und auch naiv – zu glauben, dass das Kind schnell nebenbei Grundlagen der Physik lernt.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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