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Die gesetzliche Rente schützt die meisten vor Armut – aber bei weitem nicht alle. In Europa gibt es viele Länder mit einer deutlich höheren Schutzwirkung der Rente als Deutschland.

Internationale Studie

Deutsche Rentner besonders armutsgefährdet

Die Rente bleibt in Deutschland längerfristig wohl bezahlbar. Aber eine neue OECD-Studie zeigt auch: Bei der Absicherung gibt es größere Lücken als in anderen Ländern.

Berlin – 19,4 Jahre: So viele Jahre bleiben Männern in Deutschland im Schnitt noch, wenn sie in den Ruhstand gehen. Bei Frauen sind es wegen einer deutlich höheren Lebenserwartung sogar 22,8 Jahre. Zwar legte Deutschland in den vergangenen Jahren beim Anteil der Älteren im Job so stark zu wie kein anderes OECD-Land. Trotzdem haben die Rentner hierzulande immer noch länger etwas von ihren Altersbezügen, als dies im OECD-Schnitt der Fall ist. Lange Rentenzeiten seien ja eigentlich etwas Schönes, meint die OECD-Rentenexpertin Monika Queisser bei der Vorstellung der Zahlen. Das Problem: „Irgendwie muss das bezahlt werden.“ Wie gut ist Deutschland hier gerüstet?

Zunächst gibt die neue Renten-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Auskunft über die Lage der Rentner heute. So beziehen Männer im OECD-Schnitt 17,6 Jahre Rente, Frauen 22,3 Jahre. In Frankreich sind es bei Männern 23, bei Frauen 27,2 Jahre, in Italien 21,1 beziehungsweise 25,4 Jahre, aber zum Beispiel in Polen nur 16,6 Jahre beziehungsweise 23,9 Jahre. Hier ist das tatsächliche Rentenalter zwar vergleichsweise gering – aber auch die Lebenserwartung.

Nun sollen die Renten einerseits möglichst ein auskömmliches Leben ermöglichen – andererseits aber auch bezahlbar bleiben. Wie steht Deutschland hier da? Die gesetzliche Rente ersetzt einem Durchschnittsverdiener, der sein Leben lang im Job war, laut der Studie gut 53 Prozent seines Nettoverdienstes – im OECD-Schnitt sind es 63 Prozent. Bei Geringverdienern ist das Absicherungsniveau der Rente in Deutschland im internationalen Vergleich noch deutlich kleiner. Eine Umverteilung des Einkommens durchs Rentensystem gebe es hier praktisch nicht, sagt Queisser. Anders als etwa in Dänemark oder den Niederlanden, wo es Niedrigverdienern mit der Rente besonders gut geht.

So verwundert es nicht, dass das Armutsrisiko von Rentnerhaushalten in Deutschland höher ist als in anderen europäischen Ländern. 9,4 Prozent von ihnen liegen, so die Definition, beim Einkommen bei weniger als 50 Prozent des Durchschnitts – in den Niederlanden, Frankreich oder Dänemark sind es mit zwei bis fünf Prozent deutlich weniger. Vor allem wer Zeiten in Arbeitslosigkeit oder Teilzeit-Beschäftigung hinter sich hat, läuft in einem Rentensystem wie dem deutschen unmittelbarer Gefahr, im Alter arm zu sein. Wer weniger einzahlt, bekommt auch weniger heraus – zumal wenn man nicht privat vorgesorgt hat.

Für die Opposition ist die Sache klar. „Altersarmut wird in Deutschland faktisch nicht bekämpft“, kritisiert postwendend der Linke-Rentenexperte Matthias Birkwald. Allerdings: In anderen Ländern ist das Armutsrisiko im Alter gemessen am Durchschnittseinkommens noch deutlich höher – etwa in Großbritannien (13,4 Prozent), Japan (19,4) oder Israel (24,1). Bereits heute arbeiten die Bundesbürger im Schnitt deutlich länger als noch vor wenigen Jahren. Bei den 55- bis 64-Jährigen stieg die Erwerbsbeteiligung von 42 Prozent 2004 auf 66 Prozent im vergangenen Jahr. Mit der Anhebung des Rentenalters auf 67 wird sich der Trend fortsetzen.

Auch andere Reformen der vergangenen Jahre dämpfen künftige Rentenerhöhungen, wenn immer weniger Beitragszahler auf immer mehr Rentner kommen. „Deutschland hat durch Reformen in den letzten Jahren sein Rentensystem nochmals stabilisiert“, meint OECD-Expertin Queisser. So steigen die Rentenausgaben insgesamt in den kommenden 45 Jahren hier wohl nur von rund zehn auf knapp 13 Prozent des Bruttosozialprodukts. Im OECD-Schnitt rechnen die Forscher mit etwas mehr. In Ländern wie Italien, Österreich oder Belgien wird wohl sogar deutlich mehr – teils über 15 Prozent, von den wirtschaftlichen Leistungen für die Rente gebraucht.

Von Basil Wegener

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