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Einzelhandelskaufmann ist einer der beliebtesten Lehrberufe in Bayern. Die Qualität der Ausbildung wird von den Azubis allerdings oft als schlecht bewertet, wie eine Umfrage des DGB Bayern ergab.

dgb-Ausbildungsreport

In diesen Berufen sind Azubis gefrustet

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Mangelnde Qualität, psychische Belastung: Jeder vierte Lehrling in Bayern ist mit seiner Ausbildungssituation unzufrieden. Das ergab eine Umfrage des DGB Bayern, der sich jetzt für eine Beschwerdestelle stark macht, an die sich Azubis wenden können. Doch welche Berufe schneiden schlecht ab?

München – Die gute Nachricht ist: Rund drei Viertel der Lehrlinge in Bayern sind mit ihrer Ausbildung rundum zufrieden. Das ergab eine Umfrage des DGB Bayern unter mehr als 1200 Azubis. „Das Ergebnis zeigt, wie attraktiv das duale Ausbildungssystem in Deutschland ist“, so Matthias Jena, Vorsitzender des DGB Bayern, bei der Vorstellung der Studie in München. Im Branchenvergleich werde jedoch deutlich, dass einige Berufe systematisch schlechter abschneiden als andere – und das seit Jahren.

Für den Ausbildungsreport, den der DGB Bayern mittlerweile zum fünften Mal vorgelegt hat, wurden 17 der 25 beliebtesten Berufe in Deutschland für Bayern ausgewertet. Dabei ergab sich folgende Rangfolge:

Beste Bewertung

Mechatroniker, Industriemechaniker, Zerspannungsmechaniker, Industriekaufmann, Elektroniker für Betriebstechnik, Bankkaufmann und Fachinformatiker.

Mittlere Bewertung

Kaufmann für Büromanagement, Kaufmann im Groß- und Außenhandel, Metallbauer und Kfz-Mechatroniker.

Schlechteste Bewertung

Anlagenmechaniker, Verkäufer, Elektroniker, Kaufmann für Einzelhandel, medizinischer Fachangestellter und zahnmedizinischer Fachangestellter.

Die Probleme, die bei den Azubis für Frust sorgen, sind dabei vielfältig. So gehören regelmäßige Überstunden für viele zum Ausbildungsalltag. Über zehn Prozent der Befragten gaben an, mehr als 40 Stunden in der Woche zu arbeiten. Selbst bei den unter 18-Jährigen müssen 7,8 Prozent länger als vereinbart arbeiten – „ein eklatanter Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz“, so Jena.

Rund 16 Prozent der Azubis gaben zudem an, dass sie sich häufig um ausbildungsfremde Tätigkeiten kümmern müssen – das sind knapp vier Prozent mehr als im Vorjahr, sechs Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. „Ein erschreckendes Ergebnis“, findet Jena. „Auszubildende sind keine billigen Arbeitskräfte, die Kaffee kochen und Putzdienste erledigen sollen, sondern sie befinden sich in einem Lehrverhältnis und sollen für ihre berufliche Zukunft qualifiziert werden“, mahnt er.

Auch an fachlicher Anleitung mangelt es immer wieder. Der Anteil derjenigen, die in ihrem Betrieb keinen qualifizierten Ausbilder haben, ist auf einen Rekordwert von 10,9 Prozent gestiegen. Einen betrieblichen Ausbildungsplan – der zwingend vorgeschrieben ist – haben lediglich 71 Prozent erhalten.

Es zeigte sich zudem, dass die Zufriedenheit mit der Ausbildung mit der Größe des Betriebes zusammenhängt. Dabei gilt: Je größer der Betrieb, desto höher die Zufriedenheit. Hintergrund ist, dass die Chance auf einen Ausbildungsleiter – oder gar eine eigene Ausbildungswerkstatt – in einem großen Betrieb höher ist als in einem kleinen.

Wie der Report zeigt, ist zudem die Unzufriedenheit zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt: Männer sind im Schnitt zufriedener als Frauen. Laut DGB hat das messbare Gründe: Junge Frauen müssen demnach öfter Überstunden machen, die weder durch Freizeit noch durch Bezahlung ausgeglichen werden. Auch beim Gehalt gibt es nach wie vor deutliche Unterschiede. Während in von Männern dominierten Ausbildungsberufen im Schnitt 888 Euro als Vergütung im dritten Ausbildungsjahr bezahlt werden, sind es in weiblich dominierten Ausbildungsberufen im Schnitt 90 Euro weniger.

Zum ersten Mal wurden die Auszubildenden in diesem Jahr zu psychischen Belastungen, die die Ausbildung mit sich bringt, befragt. Am häufigsten nannten hier die Azubis (abweichend vom Bundesergebnis) die Fahrzeit zum Arbeitsplatz. „Jeder fünfte Auszubildende empfindet die lange Fahrzeit als belastend, beziehungsweise sehr belastend“, erläutert Astrid Backmann, Bezirksjugendsekretärin beim DGB Bayern. Hier seien die Arbeitgeber gefordert, Azubis eine betriebsnahem Unterbringung zu ermöglichen – vor allem im Großraum München eine Herausforderung. Abhilfe könnten hier Azubi-Wohnheime schaffen, wie eines gerade in München am Innsbrucker Ring entsteht. Besonders belastend werden zudem – auf den Plätzen zwei und drei – Leistungs- und Zeitdruck (18 Prozent) sowie ständige Erreichbarkeit (15,1 Prozent) empfunden. Dazu kommt, dass rund die Hälfte der Azubis angab, trotz Krankheit in die Arbeit zu gehen, um beim Chef einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Fazit des DGB Bayern: Eigentlich müssten sich die Betriebe in Anbetracht des Azubi-Mangels anschicken, die Qualität der Ausbildung zu verbessern. Doch es gibt nach wie vor jede Menge Missstände und Verbesserungsbedarf. Das trägt auch dazu bei, dass jeder vierte Azubis aktuell seine Ausbildung vorzeitig abbricht. Was Gesetzesverstöße der Ausbildungsbetriebe angeht, sei es in erster Linie Sache der Kammern, ihren Aufsichtspflichten nachzukommen, betont Jena. Der DGB sei aber mit den Kammern auf Landes- und Bundesebene im Gespräch, um ein Bewerdemanagement aufzubauen. Ziel ist eine Beschwerdestelle, an die sich Azubis anonym wenden können. Jena: „Wir gehen davon aus, dass wir das Projekt zum Ausbildungsjahr 2017 starten können – mit Bayern als Pilotbezirk.“

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