Martina Helbing gibt Frauen praktische Tipps für den Wiedereinstieg.

"Bloß nicht unter Wert verkaufen!"

10 Tipps für Wiedereinsteigerinnen nach der Familienpause

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Nach einer Familienauszeit glauben viele Frauen, sie seien am Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Viele trauen sich höchstens einen Minijob zu. Oft zu Unrecht.

Martina Helbing leitet seit 2009 das Projekt "power_m Perspektive Wiedereinstieg" in der Frauenakademie. Das Projekt unterstützt Menschen – mehrheitlich sind es Frauen – beim beruflichen Wiedereinstieg nach einer längeren Familien-Auszeit. Dies geschieht durch Orientierungs-Workshops, Coaching, Fortbildungen und einen Stellenservice. Teilnehmen können Menschen im S-Bahn-Bereich München, die mindestens zwölf Monate für die Familie pausiert haben.

Die Erfolgsquoten machen Mut: Obwohl die über 3.400 Teilnehmer, die das Programm bisher durchlaufen haben, im Schnitt über acht Jahre aus dem Beruf draußen waren, gelang 75 Prozent der Wiedereinstieg. Weit mehr als die Hälfte bekam sogar auf Anhieb eine Stelle, die ihrer Qualifikation entsprach.

Die Kosten übernehmen die Stadt, der Europäische Sozialfond und der Bund. Uneigennützig ist das nicht: In München fehlen qualifizierte Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Und wer nicht in die Rentenkassen einzahlt, liegt später der Kommune auf der Tasche.

Hier gibt Martina Helbing praktische Tipps für den Wiedereinstieg.

Tipp Nr. 1: Vor dem Wiedereinstieg das Selbstbewusstsein stärken

Was kann ich überhaupt noch? Will mich denn noch jemand? Nach einer jahrelangen Auszeit ist das berufliche Selbstbewusstsein meist im Keller. Hier helfe es, sich Feedback von anderen zu holen. "Man erkennt wichtige Kompetenzen bei sich nicht mehr", so Martina Helbings Erfahrung. Ein individuelles Coaching und Gruppengespräche, um das Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, seien hier notwendige Schritte.

Tipp Nr. 2: Statt mit 20 lieber mit 28 bis 32 Stunden einsteigen

Vor dem Wiedereinstieg steht die Frage: Wie viel Zeit habe ich zur Verfügung? Wer alleinerziehend ist, kann nicht bis 18 Uhr arbeiten, wenn der Kindergarten um 16 Uhr zumacht. Die meisten Frauen suchen daher eine halbe Stelle.

Martina Helbing empfiehlt dagegen, "vollzeitnah" einzusteigen, denn 20-Stunden-Stellen sind sehr rar. Wer dagegen 28 bis 32 Stunden anbieten kann, hat eine realistische Chance, eine Stelle zu ergattern, die eigentlich als Vollzeitstelle ausgeschrieben war. Martina Helbing rät dazu, erst im Vorstellungsgespräch anzusprechen, dass man die Stelle in Teilzeit machen möchte: "Erst mit Kompetenzen überzeugen - dann die Einschränkungen auf den Tisch bringen."

Wegen des anhaltenden Fachkräftemangels sei der Arbeitsmarkt derzeit gut für Jobsuchende. Das sollten Frauen nutzen und sich selbstbewusst verkaufen. Der Tipp der Beraterin: "Wenn Ihr Gegenüber abblockt, fragen Sie: Wie kann ich sie überzeugen, dass ich es auch in 32 Stunden schaffe?" Zeigen Sie sich dabei flexibel, nach dem Motto: "Wenn Sie mir Teleoffice ermöglichen, ist auch mehr drin."

Tipp Nr. 3: Nicht unter der eigenen Qualifikation bewerben

Ein typischer Fall: Eine Frau hat studiert, ein Team oder vielleicht sogar eine Abteilung geleitet. Sie denkt, nach einer langen Auszeit ist ein sachter Einstieg mit 20 Stunden als Assistentin eine gute Idee. Doch sie wird gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Der Grund?

Die Bewerberin ist überqualifiziert, der mögliche Vorgesetzte hat Angst, dass sie ihm die eigene Stelle streitig machen könnte oder nicht lange bleibt. Das weiß die Bewerberin aber nicht. Aus der Absage schließt sie womöglich, dass ihr nicht einmal die Assistentenstelle noch zugetraut wird.

Bekommt die Frau die Stelle doch, ist Frust vorprogrammiert: "Sie steigt wieder ein, traut sich anfangs nicht viel zu, ist aber schon bald wieder voll im Berufsalltag – und dann wird ihr langweilig. Das ist weder für den Arbeitgeber, noch für die Frau selbst gut", schildert Martina Helbing einen typischen Fall aus ihrer Beratungspraxis.

Tipp Nr.4: Berufliche Umorientierung nach der Elternzeit nur mit Ausbildung

Viele Frauen entdecken während der Familienauszeit ihre kreative Ader, beschäftigen sich mit Gesundheit, Ernährung und engagieren sich sozial. "Dann möchten sie auch beruflich etwas anderes machen als vor der Elternzeit, wollen Yoga-Lehrerin, Ernährungsberaterin oder Pädagogin werden", so Martina Helbings Erfahrung.

Wem es ernst damit ist, dem empfiehlt die Beraterin, eine entsprechende Ausbildung zu absolvieren. "Wenn ich auch etwas für meine Rente tun möchte, komme ich ohne Ausbildung nicht weiter. Aber bitte vorher im Praktikum ausprobieren, ob das wirklich das Richtige ist. Nur weil ich gerne meine zwei Kinder aufgezogen habe, heißt das nicht, dass ich als Krippenerzieherin glücklich werde."

Tipp Nr. 5: Wiedereinstieg für 450 Euro? Der Mini-Job ist eine Falle

Der Minijob sei dagegen ein gefährlicher Irrweg: "Man kann lange etwas auf 450-Euro-Basis machen, aber das ist meist eine Falle. Denn die Hoffnung, der Arbeitgeber würde den Minijob in einen regulären Teilzeit-Job umwandeln, erfüllt sich in der Regel nicht – warum sollte er auch?"

Tipp Nr. 6: Familienzeit erwähnen, aber im Anschreiben nicht darauf herumreiten

Viele Wiedereinsteiger brauchen ein Bewerbungstraining, weil sie nach vielen Jahren Pause nicht mehr wissen, worauf es bei der Bewerbung ankommt. Martina Helbings Tipp: Nicht gleich zu Beginn des Anschreibens auf die lange berufliche Pause hinweisen.

Verzichten Sie auch auf Formulierungen, bei denen Kompetenzen wie Flexibilität oder Nervenstärke mit der Familienauszeit belegt werden. Das komme meist nicht gut an. "Erwähnen Sie die Familienzeit, schon um die lange Lücke im Lebenslauf zu rechtfertigen. Aber reiten Sie nicht zu sehr darauf rum."

Tipp Nr. 7: Sich neuer Kompetenzen bewusst werden

Dabei sei es durchaus wichtig, sich über die Kompetenzen, die man in der Familienphase erworben hat, bewusst zu werden. Wer etwa ein Kind mit Neurodermitis habe und sich in der Folge intensiv mit der Erkrankung auseinandergesetzt habe, könne das bei einer Bewerbung im Gesundheitswesen durchaus angeben.

Tipp Nr. 8: Die Bewerbungsphase für die Fortbildung nutzen

Die Suche nach einer passenden Stelle kann schon mal ein Jahr dauern und ist mit viel Zeitaufwand verbunden. Um diese Zeit gut zu nutzen, solle man sich am PC fit halten, Fachzeitungen lesen, seine Netzwerke aktivieren und Schulungen belegen, rät Martina Helbing. Diese würden oft auch von der Agentur für Arbeit gefördert. "Eine Auffrischung der Kompetenzen ist ganz wichtig."

Tipp Nr. 9: Eigene Ideen entwickeln

Sie möchten zwar gerne in Ihr altes Unternehmen zurück, können den bisherigen Job aber nicht mehr machen, weil er zum Beispiel mit Geschäftsreisen verbunden ist? Dann werden Sie kreativ entwickeln Sie eigene Ideen, mit welcher Tätigkeit Sie dem Unternehmen einen Gewinn bringen können. Neben dem Vorgesetzten sind hier Betriebsräte und die Personalabteilung eine gute Anlaufstelle.

Tipp Nr. 10: Eltern-Netzwerke für die Jobsuche nutzen

Niemand muss beim Faschings-Planungstreffen im Kindergarten nur über die Kinder reden. Wieso nicht ganz offensiv erwähnen, dass man einen Job sucht? Jede dritte Stelle wird über Kontakte besetzt. "Aber denken Sie nicht, dass Sie gefragt werden, ob nach einer jahrelangen Pause wieder arbeiten möchten – es ist an Ihnen, das Thema offensiv anzusprechen." Hier helfe es, wenn man sein berufliches Kurzprofil in Form eines 30 bis 60 Sekunden langen "Elevator Pitch" einstudiert habe. Lamentos seien dabei fehl am Platz, so Martina Helbing.

Der Infopoint des Projekts power_m Perspektive Wiedereinstieg ist unter 089/4800 66273 bzw. 089/72001 6689 zu erreichen.

jba

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