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Nicht nur in Call Centern wie hier in unserem Symbolbild gibt es immer wieder Ärger um Anwesenheitsprämien.

Gesundheitsbonus

Wer krank wird, bekommt weniger Geld

München - Mit Anwesenheits- oder Gesundheitsprämien versuchen manche Arbeitgeber Anreize zu setzen, damit ihre Angestellten weniger krank sind. Kritiker warnen, dass so zunehmend die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ausgehebelt wird.

Die Erwartungen von Stefan Heck waren groß, als der Münchner im Januar dieses Jahres bei der Bestseller GmbH anheuerte. Bei der Aschheimer Vertriebs- und Marketing-Firma sollte er bestehende Kunden betreuen und neue hinzugewinnen. Der 43-Jährige sagt, im Bewerbungsgespräch habe man ihm für seine Arbeit im CallCenter ein Bruttogehalt von etwas weniger als 3000 Euro versprochen. Doch beim Lesen des Arbeitsvertrags war er erst einmal irritiert. Auch jetzt, mehr als ein halbes Jahr später, ist Heck noch sichtlich aufgewühlt. Er sitzt in einem Münchner Biergarten und packt ein mehrseitiges Schriftstück heraus – seinen Arbeitsvertrag. Dem sowohl von ihm als auch der Bestseller-Geschäftsführung unterzeichneten Dokument zufolge stand ihm bei einer 40-Stunden-Woche lediglich ein monatliches Grundgehalt von 1900 Euro brutto zu.

Allerdings ist in Paragraph 6 seines Arbeitsvertrags von einem „freiwilligen Zusatzbonus“ die Rede. Für jeden Monat, in dem er sich nicht krank meldet, bekommt der Mitarbeiter 300 Euro extra. Fehlt er sogar ein ganzes Quartal nicht aus gesundheitlichen Gründen, gibt es noch einmal 600 Euro oben drauf. Wer also nicht krank wird, kann sich am Ende von drei Monaten über 1500 Euro Extra-Geld freuen.

Hinzu kommt laut Arbeitsvertrag noch eine projektbezogene Provision. „Deren Auszahlung hängt jedoch davon ab, dass man den Gesundheitsbonus bekommt. Wer krank ist, bekommt also auch keinen Bonus“, behauptet Heck.

Der Münchner unterzeichnete dennoch. Er habe sich von „den spannenden Projekten locken lassen“. Auch habe er halt gehofft, dass er schon nicht krank werde. Doch es kam anders: ein Bandscheiben-Vorfall. Er konnte nach eigenen Angaben eine Woche lang nicht arbeiten. Als Heck wieder ins Büro gegangen sei, habe es nicht lange gedauert, bis er sich eine Lungenentzündung einfing. „Natürlich im Büro“, glaubt er. Schließlich hätten sich viele seiner Kollegen „andauernd krank in die Arbeit geschleppt“, behauptet er. Einmal sei ein Mitarbeiter mit einer Nierenbeckenentzündung mitten im Großraumbüro umgekippt – „vor Schmerzen“, sagt Heck: „So habe ich nicht enden wollen.“

Er blieb daheim, meldete sich krank. Doch aus der erhofften Ruhezeit für eine baldige Genesung wurde nichts. Denn kurz nach der Krankmeldung habe ihm ein Kurier die Kündigung seines Arbeitgebers nach Hause gebracht. Heck hat, wie er sagt, zudem die Erfahrung gemacht, dass manche Kollegen, um die Gesundheitsprämie nicht zu gefährden, statt sich krank zu melden, einfach Urlaub nehmen würden.

Bestseller weist Hecks Vorwürfe zurück. Einen von ihm vermuteten Zusammenhang zwischen dessen Krankheiten und der Entlassung bestreitet die Firma: „Es handelt es sich um eine übliche und zulässige Probezeitkündigung. Leider war Herr Heck für die zu besetzende Stelle nicht geeignet“, teilt das Unternehmen mit. Frei erfunden seien die Behauptungen des Münchners „über Mitarbeiter, die angeblich trotz Arbeitsunfähigkeit Dienst tun würden“. Dass sich Arbeitnehmer bei Bestseller anstatt sich krank zu melden, Urlaub beantragen würden, sei nicht bekannt und treffe „sicherlich nicht zu“. Heck wolle seinen Ex-Arbeitgeber „gezielt in ein schlechtes Licht zu rücken“.

Heck klagte vor dem Münchner Arbeitsgericht gegen seinen Ex-Arbeitgeber – neben einer Aufhebung der Kündigung pocht er auf die Zahlung der Prämien. Das Verfahren läuft noch. Es ist nicht das erste Mal, dass das Lohnmodell von Bestseller ein Gericht beschäftigt. Bereits 2009 hatte eine Mitarbeiterin gegen Bestseller wegen der Gesundheitsprämie geklagt und Recht bekommen. Ein Viertel des Gesamtlohns – also 500 Euro pro Monat – hatte Bestseller ihr damals auf Provisionsbasis bezahlt. Der Fall sei jedoch nicht mit dem von Heck vergleichbar, so Bestseller.

Bestseller bestätigt, dass bei der Firma „ein variables Vergütungsmodell unter großer Akzeptanz der Mitarbeiterschaft praktiziert wird“. In dessen Rahmen würden verschiedene Sondervergütungen, „die jeweils an bestimmte Anspruchsvoraussetzungen geknüpft sind, geleistet“. Entsprechende Modelle seien „üblich und auch arbeitsrechtlich nicht zu beanstanden“. Dass ein Viertel des Gehaltes provisionsabhängig sein kann, sei ebenfalls „in keiner Weise zu beanstanden“. Der leistungsabhängige Vergütungsbestandteil ist laut Bestseller bei vielen anderen Arbeitgebern weitaus höher.

Und das gilt offenbar nicht nur für die Call-Center-Branche. Gesundheitsprämien seien „ein durchaus verbreitetes Instrument über Branchengrenzen hinweg“, heißt es etwa beim DGB Bayern. Freilich heißen die Lohnabzüge oft anders. So würden Unternehmen dem Gewerkschaftsbund zufolge oft auch von „Anwesenheitsprämien“ sprechen.

Dabei sind es keinesfalls nur kleine und mittelständische Unternehmen, die kranken Mitarbeitern weniger überweisen als ihren gesunden Kollegen. So läuft etwa beim Autoriesen Daimler seit Oktober vergangenen Jahres weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ein entsprechendes bis 2015 andauerndes Pilotprojekt: Mitarbeiter, die ein Jahr lang nicht krankheitsbedingt fehlen, bekommen ein Extra-Salär von 300 Euro. „Pro Krankheitstag zieht unser Unternehmen 50 Euro von dieser Prämie ab“, erläutert eine Konzernsprecherin.

Überlegungen eine Gesundheitsprämie einzuführen, soll es laut Arbeitnehmervertretern auch bei Karstadt gegeben haben. Umgesetzt wurden diese jedoch nie. Das Unternehmen selbst ließ mehrere Anfragen unserer Zeitung unbeantwortet.

Während etwa bei Daimler die Zulage für die Angestellten eher ein nettes Zubrot ist, dürften viele Mitarbeiter im Niedriglohnbereich auf die Gesundheitsprämie angewiesen sein. Für viel Unmut sorgte Ende 2012 die Lohnstruktur in Bayerns größtem Freizeitpark in Günzburg: So verdienten viele Berufseinsteiger im Legoland damals nur 6,50 Euro brutto die Stunde. Hinzu kam noch ein Bonus von 50 Cent. Wer krank wurde, musste Arbeitnehmervertretern zufolge bei diesem Extra-Salär mit Abzügen rechnen. Gäste hätten sich damals beschwert, dass Mitarbeiter an der Kasse stark erkältet seien, berichtete ein Betriebsrat 2012.

Mittlerweile hat sich die Lage im Spaßparadies allerdings deutlich entspannt. „Wir zahlen inzwischen mit 8,50 Euro den geforderten Mindestlohn“, sagt eine Firmensprecherin. Den umstrittenen Bonus gebe es nicht mehr.

Doch auch in der Zeitarbeitsbranche gibt es immer wieder Fälle, in denen Angestellte, die krank werden, weniger Geld bekommen. Zumindest in der Vergangenheit haben solche Leiharbeiter beispielsweise für große Einzelhandelsketten gearbeitet.

Bayerns Verdi-Chefin Luise Klemens nennt Gesundheitsprämien „eine Bestrafung im Krankheitsfall“. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen lehnt solche Gehaltsmodelle ebenfalls ab. Es bestehe die Gefahr, dass Angestellte krank in die Arbeit gehen, warnt eine Sprecherin. Auch Matthias Jena, Chef des DGB Bayern, fürchtet „Verschleppungen von Krankheiten, Ansteckungen und damit noch höhere Fehlzeiten“. Bei der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft will man das Bezahlmodell einer Gesundheitsprämie auf Nachfrage zwar nicht bewerten. Der Arbeitgeberverband betont jedoch, dass sich Bayerns Firmen in den vergangenen Jahren „zunehmend um das betriebliche Gesundheitsmanagement“ gekümmert hätten.

Heck hat sich derweil einen neuen Arbeitsplatz gesucht – diesmal allerdings mit klassischem Festgehalt.

Tobias Lill

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