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Das iPad im Unterricht: Hier analysiert der Sportlehrer Bewegungsabläufe seiner Schüler.

Realschule erhält renommierten Preis

iPad statt Stift und Papier

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Gauting - In der Gautinger Realschule ersetzen iPads herkömmliche Stifte, Hefte und Bücher, zumindest zum Großteil – „Paducation“ im Klassenraum. Dafür wird die Schule heute in Berlin mit einem renommierten Preis ausgezeichnet.

Tobias Schnitter, 42, schlank, grauer Pulli, blaue Jeans, stellt sich vor: „Ich bin nicht der typische Lehrer, links am Arm die schwere Tasche, rechts der CD-Player, unterm Arm noch das Wörterbuch geklemmt.“ Stattdessen schnappt sich der Englisch-Lehrer sein schmales iPad und eilt in den Unterricht. Kein Stift, keine Kreide, kein Papier – nichts hat Schnitter dabei. Nur das iPad, dieses Zauberding. Zumindest wenn man weiß, wie es funktioniert.

Englisch in der 7e – es geht um irische Auswanderer in die USA. Schnitter loggt sich ein und wirft Fotos aus Irland an die Wand. Die Schüler kommentieren auf Englisch. „They went to New York“, es geht um die „journey“, die zwölf Tage dauerte, und die Armut in Irland. Faule Kartoffeln, Hunger. Arme Iren.

Die Schüler stöpseln sich einen Knopf ins Ohr und hören eine Geschichte über das Auswanderermädchen Annie. Am iPad beantworten sie Fragen. Per E-Mail kann man sie an Schnitter senden. So geht Schule heute, zumindest in Gauting. „Paducation“ (statt Education), das ist der Fachausdruck.

Tobias Schnitter, zugleich stellvertretender Leiter der Realschule Gauting (Kreis Starnberg), hat „Paducation“ zusammen mit seinem Chef Manfred Jahreis vorangetrieben. Heute ist er deutschlandweit ein gefragter Referent. Auch bei den „Münchner Schultagen“ unserer Zeitungsgruppe wird er auftreten. Heute ist aber erst einmal ein Termin in Berlin: Schnitter und seine Kollegen erhalten eine der Auszeichnung, die bei der Veranstaltung „Deutscher Lehrerpreis – Unterricht innovativ“ verliehen werden. Die Preise – welchen genau die Gautinger Realschule erhält, ist geheim – vergibt der Deutsche Philologenverband zusammen mit der Vodafone Stiftung. Neben dem Deutschen Schulpreis ist der Lehrerpreis die renommierteste Auszeichnung, die es für Pädagogen gibt. Die Ehrung übernimmt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Sylvia Löhrmann. Sie wird auch weitere Preisträger aus Bayern würdigen – unter anderem ein Lehrerteam vom Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien am Chiemsee für das Projekt „Mission2Mars“.

An der Klassentür der 7e hängen die iPad-Regeln. Du sollst immer ein iPad mit vollem Akku mitbringen. Du darfst mit dem iPad in der Pause nicht spielen. Du sollst immer genug Speicherplatz auf dem iPad haben – und notfalls dafür Spiele löschen. Spiele? Na ja, sagt eine Siebtklässlerin, natürlich hätten manche auch Spiele geladen. „Ich aber nicht.“

Missbrauch scheint selten zu sein, aber, so erzählt ein Schüler, zwei Siebtklässler hätten auch schon mal Klassenraum-übergreifend während der Schulstunde gechattet. Die beiden schrammten knapp am Verweis vorbei.

Weitere Vorteile aus Schülersicht: „Wir haben keine Hefte mehr, nur noch einen Ordner“, sagt Schülerin Pia, 12. „Fürs Vokabellernen gibt’s eine App“, so Alysha, 13. „Und wir müssen keine Bücher mehr mitschleppen.“ Das stimmt nicht ganz, korrigiert Schnitter. Viele Schulbuchverlage haben kein digitales Angebot. Wenn 2017 an den Realschulen der „Lehrplan plus“ in Kraft tritt und die Schulen wieder neue Bücher kaufen müssen, sollte sich das ändern, hofft der Lehrer. Er betont auch: „Wir verbannen ganz bewusst nicht Hefte und Stifte.“ Wer einen längeren Aufsatz schreibt, darf das wirklich tun: schreiben. Ganz altmodisch mit der Hand. Aber iPads, sagt Schnitter, sind fast überall sinnvoll. In Geschichte, Biologie, Musik. Sogar in Sport – man kann Bewegungsabläufe filmen und dann besprechen.

Trotzdem ist man nicht überall vom iPad in der Schule überzeugt. Gauting ist die große Ausnahme in der bayerischen Schulwirklichkeit. Was soll das sinnfreie Rumgetippe am Bildschirm, fragt man anderswo? Sollten nicht lieber Grundfertigkeiten der Schüler gestärkt werden, etwa eine gute Handschrift? Dazu ruft zum Beispiel der Deutsche Lehrerverband auf, dessen Präsident Josef Kraus den Einsatz von iPads oder Laptops als technischen Schnickschnack abtut.

Tobias Schnitter stellt die Gegenfrage. „Kann es sich die Schule leisten, die Lebenswirklichkeit der Schüler zu missachten?“ Jeder Schüler habe zu Hause Smartphone und Internet – aber in der Schule ist die Handynutzung verboten. Die modischen Smartboards, interaktive Tafeln mit Internetanschluss, die in immer mehr Schulen die herkömmliche Kreidetafel ersetzen, lehnt Schnitter übrigens ab: zu lehrerzentriert. Er will es lieber „interaktiv“ – die Schüler sollen mitmachen. Deswegen gibt es auch einen Klassen-Chatroom.

Einen Nachteil hat das iPad gleichwohl: den Preis. Zahlen müssen es nämlich die Eltern – ein iPad Air kostet aktuell 438 Euro. Die Schüler, sagt Schnitter, gehen vielleicht auch deshalb mit dem iPad sehr sorgsam um. Die meisten haben es in Schutzhüllen gesteckt, manche Mädchen in quietschrosane, Buben eher in nüchtern schwarze. In Gauting gibt es vier iPad-Klassen – zwei siebte, eine achte und eine neunte. Wer das iPad nicht will, geht eben in die iPad-freie Parallelklasse.

Lehrer, die mit iPads nichts am Hut haben, gibt es in Gauting auch. Schnitter zwingt sie nicht zum Mitmachen. Ein Lehrer muss Lust haben, sich mit dem Gerät vertraut zu machen und sich täglich neue Kniffe auszudenken, wie man das iPad im Schulalltag einsetzen kann. Ein iPad kann viel, aber nur, wenn der Lehrer will.

Dirk Walter

Bei den „Schultagen“

am 31. Januar/1. Februar 2015 im Münchner MTC (Taunusstr. 45) wird auch Tobias Schnitter auftreten. Er spricht am 1. Februar über „Das Klassenzimmer der Zukunft“. Weitere Infos: www. schultage-muenchen.de

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